Wolkenkratzer-Effekt: Hohe Häuser – tiefe Krise
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Wolkenkratzer-EffektHohe Häuser – tiefe Krise

In Dubai wurde das höchste Gebäude der Welt eröffnet, kurz nachdem das Emirat ins Schuldenloch gefallen war. Ökonomen sind nicht überrascht: Wenn die Häuser in den Himmel wachsen, stürzt meist die Wirtschaft ab.

von
pbl

Die Umbenennung der einstigen Burdsch Dubai in Burdsch Chalifa war symptomatisch. Der Herrscher von Dubai ehrte damit den Emir von Abu Dhabi, der das tief verschuldete einstige Boomland Ende 2009 mit einer 10-Milliarden-Dollar-Finanzspritze vor dem Kollaps gerettet hatte. Zumindest ein Wirtschaftswissenschaftler ist von dieser Entwicklung nicht überrascht.

Mark Thornton von der Auburn University im US-Bundesstaat Alabama bemerkte bereits vor zwei Jahren im Blog seines Instituts, dass die Vollendung eines neuen Rekord-Wolkenkratzers in der Regel von einer Wirtschaftskrise oder einem Börsencrash begleitet wird. «Vielleicht wird die Krise auf die Vereinigten Arabischen Emirate beschränkt bleiben», schrieb Thornton am 7. August 2007 – kurz bevor die Subprime-Blase in den USA platzte und die grosse Finanz- und Wirtschaftskrise begann, unter der die Welt heute leidet.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt tatsächlich: wenn ein neues «höchstes Gebäude der Welt» eingeweiht wird, geht es der Wirtschaft in der Regel schlecht:

● Das 186 Meter hohe Singer-Gebäude in New York wurde kurz vor der Börsenpanik von 1907 eröffnet.

● Das Empire State Building in New York wurde 1931 auf dem Höhepunkt der Grossen Depression vollendet. Geplant worden war es während der Booms der 20er Jahre.

● Die Türme des World Trade Center wurden 1973 eröffnet, der Sears Tower in Chicago ein Jahr später. In den USA herrschten damals hohe Arbeitslosigkeit und Inflation.

● Als die Petronas Towers in Kuala Lumpur (Malaysia) 1998 fertig gestellt wurden, litten die so genannten «Tigerstaaten» massiv unter der Asienkrise.

Ein Vorzeichen für schlechte Zeiten

Bereits 1999 hatte der in Hongkong ansässige Analyst Andrew Lawrence in seiner Studie «Der Wolkenkratzer-Index» argumentiert, der Bau von Mega-Gebäuden sei ein Vorzeichen für schlechte Zeiten. Auch Mark Thornton hatte bereits 2005 festgestellt, dass Wolkenkratzer der physische Ausdruck der Bullenmärkte sind, die sie erbaut haben: «Alle Komponenten eines grösseren Boom- oder Crash-Zyklus sind vorhanden.»

Die Zusammenhänge liegen auf der Hand: Eine lockere Geld- und Kreditpolitik treibt die Landpreise hoch, also wird in die Höhe gebaut. Hinzu kommen aufgeblasene Egos, wie Thornton festhielt: «Es geht um Hochmut: Man will noch etwas höher bauen und in solche Prestigebauten einziehen, denn das hebt den Wert einer Visitenkarte.»

Rekordjagd fürs erste vorbei

Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Auch Steve Watts, Mitglied des Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH), der die offizielle Rangliste der höchsten Gebäude führt, hält den Zusammenhang mit Wirtschaftskrisen für gegeben. Die letzte Dekade sei eine Zeitspanne des «nie gesehenen Erfolgs für hohe Gebäude» gewesen, sagte er zu CNN.

Tatsächlich sind zahlreiche Wolkenkratzer gebaut worden, in Vollendung begriffen oder geplant. Mit der Eröffnung des Burdsch Chalifa aber dürfte die Rekordjagd fürs erste vorbei sei, sagte Watts: «Es wird einige Zeit dauern, bis ein Gebäude den Burdsch übertrifft.» Für die Weltwirtschaft könnte dies eine gute Nachricht sein.

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