Schulbeginn - Hohe Kinder-Infektionsrate in den USA verängstigt Eltern in der Schweiz
Publiziert

SchulbeginnHohe Kinder-Infektionsrate in den USA verängstigt Eltern in der Schweiz

Am Montag beginnt für die meisten Kinder in der Schweiz die Schule wieder. Ohne Masken und ohne systematische Tests.

von
Claudia Blumer
1 / 4
«Kinder sind nicht gefährdet, sie erkranken fast nie schwer», sagte Gesundheitsminister Alain Berset vor Wochenfrist im Interview mit der «SonntagsZeitung».

«Kinder sind nicht gefährdet, sie erkranken fast nie schwer», sagte Gesundheitsminister Alain Berset vor Wochenfrist im Interview mit der «SonntagsZeitung».

20min/Stefan Lanz
Auch Christoph Berger vom Universitäts-Kinderspital beschwichtigt: «Die allermeisten Kinder sind nicht schwer betroffen.»

Auch Christoph Berger vom Universitäts-Kinderspital beschwichtigt: «Die allermeisten Kinder sind nicht schwer betroffen.»

20min/Simon Glauser
«Im konservativsten Fall wären 10’000 Kinder von Long-Covid betroffen», rechnet Neurowissenschaftler Dominique de Quervain vor.

«Im konservativsten Fall wären 10’000 Kinder von Long-Covid betroffen», rechnet Neurowissenschaftler Dominique de Quervain vor.

privat

Darum gehts

  • Am Montag beginnt in den meisten Kantonen die Schule wieder.

  • Gleichzeitig ist in den USA die Zahl der an Covid erkrankten, hospitalisierten Kinder so hoch wie noch nie.

  • Eltern und Wissenschaftler sorgen sich, weil es in der Schweiz keine systematischen Massnahmen an Schulen gibt.

In den USA ist die Zahl der Coviderkrankten und hospitalisierten Kinder in den letzten Tagen geradezu explodiert. 1450 Kinder seien derzeit wegen Covid im Spital, so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie, sagte kürzlich Francis Collins, Direktor des National Institute of Health. Auch höre er von der Kinderärzteschaft, dass die aktuell wegen Covid hospitalisierten Kinder nicht nur zahlreicher, sondern auch schwerer erkrankt seien. Leider gebe es keine genaueren Daten dazu.

Collins rät den Eltern, ihren schulpflichtigen Kindern eine Maske mitzugeben. «Das ist kein Eingriff in die persönliche Freiheit, sondern ein lebensrettender Ratschlag. Eine Maske ist zwar unbequem, doch die Kinder halten das aus.» Die mögliche Alternative, eine Rückkehr zum Home-Unterricht, müsse vermieden werden. Auch die amerikanische Gesundheitsbehörde und die Akademie für Pädiatrie raten zur Maske in Schulen.

Auch in Deutschland stiegen die Fallzahlen in den letzten Tagen stark an, besonders stark bei der Gruppe der unter 25-Jährigen. Bei den meisten Ansteckungen handelt es sich um die Delta-Variante.

«Ich sorge mich um meine Kinder»

Auch in der Schweiz wird die Kinder-Frage in den sozialen Medien rege diskutiert. Am Montag geht die Schule in zwei Dritteln aller Kantone wieder los. Für viele Eltern stellt sich die Frage: Was bedeutet es für mein Kind, wenn es den ganzen Tag ungeschützt mit einer Klasse im selben Raum sitzt? Impfen lassen können sich unter 12-Jährige noch nicht, und die Maskenpflicht an Schulen wurde in fast allen Kantonen abgeschafft. Systematisch getestet wird nicht. Allgemein gehen die Kantone unterschiedlich vor.

«Ich mache mir Sorgen um meine Kinder», sagt Rui Biagini von der Initiative «Protect the Kids». Denn die Kinder seien nicht geimpft und würden nicht geschützt. Es gebe keine CO2-Sensoren und Filter an den Schulen, obwohl das eine sehr effektive Massnahme wäre, sagt Biagini. «Protect the Kids» fordert seit Monaten die flächendeckende Installation von Luftreinigungsgeräten und hat soeben eine Petition lanciert, die sich an die Erziehungsdirektorenkonferenz richtet.

Neurowissenschaftler Dominique de Quervain äussert sich ebenfalls besorgt. Ohne Massnahmen an den Schulen nehme man eine Durchseuchung in Kauf, was gemäss den vorhandenen Daten für viele Kinder zu einem Problem werden könne, sagt er. Zwei bis zehn Prozent der infizierten Kinder seien von Long-Covid betroffen – je nach Studie – litten also unter anhaltender Müdigkeit, Gedächtnis- und Konzentrationsproblemen.

Bei rund einer Million ungimpfter schulpflichtiger Kinder in der Schweiz und der Annahme, dass sich rund die Hälfte in den nächsten Monaten infizieren wird, wären im konservativsten Fall 10’000 Kinder von Long-Covid betroffen, rechnet de Quervain vor, der Professor für kognitive Neurowissenschaften an der Universität Basel ist. Er weist darauf hin, dass bezüglich Long-Covid bei Kindern vieles noch unklar sei, weshalb er für Vorsorge plädiere.

Ausserdem komme es bei etwa einer von 5000 Infektionen zum schweren pädiatrischen multisystemischen inflammatorischen Syndrom (PIMS). Auch Wissenschaftlerin Isabella Eckerle äusserte sich zur Kinder-Frage:

Weniger dramatisch beurteilt Gesundheitsminister Alain Berset (SP) die Situation. «Kinder sind nicht gefährdet, sie erkranken fast nie schwer», sagte er in einem Interview mit der «SonntagsZeitung». Repetitive Tests in Schulen könnten grössere Ausbrüche unter Kindern verhindern.

Auch Christoph Berger, Leiter der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Universitäts-Kinderspital, beurteilt die Situation weniger dramatisch. «Delta könnte dazu führen, dass mehr Kinder infiziert werden», sagt er. Doch die allermeisten wären nicht schwer betroffen. «Wir müssen das beobachten.» Das Beste, was Eltern tun könnten, sei, sich impfen zu lassen.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

201 Kommentare