6000 Tote mehr als erwartet: «Hohe Todeszahlen sind der Preis, den wir für die Wirtschaft zahlen»
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6000 Tote mehr als erwartet«Hohe Todeszahlen sind der Preis, den wir für die Wirtschaft zahlen»

Die Schweiz weist im Corona-Jahr 2020 eine hohe Übersterblichkeit aus. Linke und Bürgerliche sind sich uneins, ob schärfere Massnahmen dies hätten verhindern können.

von
Leo Hurni
Bettina Zanni
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Bis Mitte Dezember 2020 starben in der Schweiz rund 6000 Menschen mehr als prognostiziert.

Bis Mitte Dezember 2020 starben in der Schweiz rund 6000 Menschen mehr als prognostiziert.

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«Wir hätten spätestens in der zweiten Welle viel früher härtere Massnahmen gebraucht. Das wäre dem überlasteten Gesundheitswesen entgegengekommen, was sicher auch die Übersterblichkeit beeinflusst hätte», sagt SP-Nationalrat Fabian Molina.

«Wir hätten spätestens in der zweiten Welle viel früher härtere Massnahmen gebraucht. Das wäre dem überlasteten Gesundheitswesen entgegengekommen, was sicher auch die Übersterblichkeit beeinflusst hätte», sagt SP-Nationalrat Fabian Molina.

PARLAMENTSDIENSTE
«Vom Sommer bis jetzt wurde von rechts ein falscher Gegensatz ‹Wirtschaft gegen Gesundheit› vorgebetet», sagt Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli. Aus seiner Sicht hätte der Bundesrat schon im November für eine oder zwei Wochen einen Circuit-Breaker veranlassen müssen.

«Vom Sommer bis jetzt wurde von rechts ein falscher Gegensatz ‹Wirtschaft gegen Gesundheit› vorgebetet», sagt Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli. Aus seiner Sicht hätte der Bundesrat schon im November für eine oder zwei Wochen einen Circuit-Breaker veranlassen müssen.

PARLAMENTSDIENSTE

Darum gehts

  • Bis Mitte Dezember 2020 starben in der Schweiz rund 6000 Menschen mehr als prognostiziert.

  • Es sei ein Irrglauben, dass der Schweizer Weg in dieser Pandemie der richtige sei, sagt SP-Nationalrat Fabian Molina.

  • Die Schweiz habe mit Augenmass versucht, die Krise zu beherrschen, findet dagegen SVP-Nationalrat Franz Grüter.

Das Jahr 2020 endet in der Schweiz mit rekordhohen Todeszahlen. Bis Mitte Dezember 2020 starben in der Schweiz rund 6000 Menschen mehr als prognostiziert. Selbst die Jahre 2015 und 2017 mit starken Grippewellen forderten weniger Opfer. Solche Vergleiche sind laut Bundesamt für Statistik aber auch mit Vorsicht zu geniessen, da auch demografische Entwicklungen eine Rolle spielen. Die Zahlen sorgen zwischen linken und bürgerlichen Politikern für Streit.

Es sei ein Irrglauben, dass der Schweizer Weg in dieser Pandemie der richtige sei, sagt SP-Nationalrat Fabian Molina. «Wir hätten spätestens in der zweiten Welle viel früher härtere Massnahmen gebraucht. Das wäre dem überlasteten Gesundheitswesen entgegengekommen, was sicher auch die Übersterblichkeit beeinflusst hätte.»

«Falscher Gegensatz vorgebetet»

Auch Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli nimmt kein Blatt vor den Mund. «Vom Sommer bis jetzt wurde von rechts ein falscher Gegensatz ‹Wirtschaft gegen Gesundheit› vorgebetet», sagt er. Aus seiner Sicht hätte der Bundesrat schon im November für eine oder zwei Wochen einen Circuit-Breaker veranlassen müssen. «Klug wäre, wenn der Bund während solcher Schliessungen die Unternehmen direkt zum Beispiel mit 75 Prozent ihres Vorjahresumsatzes im gleichen Zeitraum entschädigen würde, so wie das Deutschland macht.»

Den sogenannten Schweizer Weg bezeichnet Glättli als «weder Fisch noch Vogel». «Die Massnahmen kamen zu spät und waren zu wenig konsequent, um die Zahlen wieder massiv zu senken und die Todeszahlen runterzubringen. Aber man würgt die Wirtschaft trotzdem ab.»

«Man kann nicht alles stilllegen»

Auch CVP-Nationalrat Alois Gmür sagt: «Die hohen Todeszahlen sind der Preis, den wir dafür zahlen, dass wir die Wirtschaft einigermassen am Laufen erhalten.» Es wäre schön gewesen, wenn die betagten Menschen, für die das Virus vor allem tödlich verlaufe, noch ein paar Jahre mehr hätten leben können. «Doch ist man über 80-jährig, muss man jeden Tag damit rechnen, dass das Leben einmal fertig ist.»

Gmür fordert jedoch, dass die Schweiz alles daransetzt, um die Übersterblichkeit zu beenden. Verhindern lassen hätten sich die vielen Covid-Opfer aber auch mit harten Massnahmen nicht. «Man kann nicht einfach alles stilllegen und die Menschen einsperren.» Wäre das wirtschaftliche und soziale Leben noch mehr heruntergefahren worden, hätten laut Gmür mehr Menschen unter psychischen Problemen gelitten. «Die Suizidrate hätte zugenommen.»

«Haben das Beste daraus gemacht»

Bürgerliche Politiker blicken anders auf die hohen Todeszahlen. «Die Schweizer Bevölkerung hat einen steinigen Weg hinter und vor sich, doch wir versuchen, diese schwierige Situation auf alle Seiten hin bestmöglich zu lösen», sagt FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Die richtig harten Zeiten kämen aber erst noch auf uns zu. «Persönliche Schicksale, Konkurse und die Schulden von morgen geben mir zu denken.»

SVP-Nationalrat Franz Grüter verteidigt das Vorgehen der Schweiz. Die Schweiz habe den Mittelweg eingeschlagen. «Die Schweizer Übersterblichkeit hätte nur mit viel stärkeren Massnahmen, wie in Asien umgesetzt, vermieden werden können, was von der Bevölkerung kaum akzeptiert worden wäre.» Die Schweiz habe mit Augenmass versucht, die Krise zu beherrschen.

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Pro Juventute, Tel. 147

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