Aktualisiert 15.12.2010 14:48

Yad VashemHolocaust-Lektionen für Araber

Israel will arabische Lehrer für den Völkermord an den Juden sensibilisieren. Keine einfache Aufgabe: Der Holocaust hat für beide Parteien verschiedene Bedeutungen.

von
kri
Viele Palästinenser schweigen beim Thema Holocaust. Das hat wenig mit den damaligen Ereignissen und viel mit ihrer heutigen Situation zu tun.

Viele Palästinenser schweigen beim Thema Holocaust. Das hat wenig mit den damaligen Ereignissen und viel mit ihrer heutigen Situation zu tun.

Israels zentrale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat eine neue Initiative gestartet, um die arabische Minderheit im Land über den Völkermord an den Juden aufzuklären. Viele Palästinenser streiten ab, dass er überhaupt stattgefunden hat, oder sie halten die Zahl von sechs Millionen Getöteten für übertrieben.

Der Grund für diese Haltung ist einfach: Wie die Palästinenser im Westjordanland und im Gaza-Streifen betrachten viele der 1,2 Millionen Araber in Israel den Holocaust als «Katalysator ihres eigenen Leidens», wie die israelische Tageszeitung «Haaretz» schreibt. Während er in israelischen Schulen zum Pflichtprogramm gehört, wird in den arabischen kaum darauf eingegangen.

Yad Vashem will das ändern und bietet arabischen Lehrern eine entsprechende Weiterbildung an. 150 nahmen am ersten Kurs im November unter Ausschluss der Medien teil. In 20 Unterrichtsstunden hörten sie Erinnerungen von Überlebenden und wie das Unheil in Deutschland seinen Lauf nahm. Obwohl die Politik für einmal hätte aussen vorbleiben sollen, verglichen manche Teilnehmer den Holocaust mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Ein Balance-Akt für Dorit Novak, die Chef-Lehrbeauftragte der Gedenkstätte: «Ich versuche dann immer zu fragen: Gut, es gibt Ähnlichkeiten, aber es gibt auch Unterschiede. Können Sie den Unterschied sehen? Es war das extremste Ereignis der modernen Geschichte.»

«Nakba» kaum ein Thema

Mitarbeiter von Yad Vashem, die am Projekt mitarbeiten, sagten im Anschluss, sie seien erfreut über den Enthusiasmus der arabischen Lehrer. Gleichzeitig machten sie klar, dass keine schnellen Erfolge erwartet werden können. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass auch die Palästinenser oft den Eindruck haben, die Geschichtskenntnisse ihrer jüdischen Mitbürger seien lückenhaft. Viele weisen darauf hin, dass die «Nakba» in den israelischen Lehrplänen wenn überhaupt nur kurz erwähnt wird.

Unter dem Einfluss des Holocausts legte die UNO 1947 in einer Abstimmung den Grundstein für den Staat Israel, der ein Jahr später seine Unabhängigkeit ausrief. Den folgenden Krieg, in dem über 700 000 Araber aus ihrer Heimat flohen oder vertrieben wurden, nennen die Palästinenser «Nakba» (Katastrophe). Für sie sind Holocaust und Nakba für immer miteinander verbunden. Die Anerkennung des Holocausts erscheint ihnen gleichbedeutend mit einer Anerkennung jüdischer Ansprüche auf ihr Land.

Diskriminierung tut ein Übriges

Hinzu kommt die systematische Diskriminierung, der die arabische Bevölkerung in Israel seit Jahrzehnten ausgesetzt ist. Dies, obwohl sie im Unterschied zu den Palästinensern im besetzten Westjordanland und im Gaza-Streifen die israelische Staatsbürgerschaft besitzt. Eine Umfrage unter 700 israelischen Arabern aus dem Jahr 2009 ergab, dass rund jeder Dritte nicht glaubte, dass der Holocaust passiert war.

Der damalige Umfrageleiter Sammy Smooha, ein jüdischer Soziologe, interpretierte das Resultat eher als Ausdruck ihrer Unzufriedenheit über die israelische Politik und nicht so sehr als offene Holocaust-Leugnung. «Sie protestieren dagegen, wie sie in Israel behandelt werden. In den Augen der israelischen Araber dient der Holocaust der Legitimierung Israels», sagte er.

Yad Vashem begann seine Aufklärungsinitiative vor einigen Jahren und lancierte 2008 eine arabische Version seiner Website, die aber offenbar nur wenig besucht wird.

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