Aktualisiert 25.02.2019 07:50

Schweizer IS-Braut

«Holt uns hier raus oder entzieht mir den Pass!»

Eine Schweizerin (29) sitzt seit 14 Monaten in syrischer Haft. Im Gespräch mit 20 Minuten fordert sie die Schweiz dazu auf, sie für einen Prozess zurückzuholen.

von
Ann Guenter
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Seit gut 14 Monaten sitzt die Lausannerin mit bosnischen Wurzeln im Norden Syriens im Camp Roj, einem von den Kurden geführten Internierungslager für mehrheitlich ausländische IS-Frauen und ihre Kinder.

Seit gut 14 Monaten sitzt die Lausannerin mit bosnischen Wurzeln im Norden Syriens im Camp Roj, einem von den Kurden geführten Internierungslager für mehrheitlich ausländische IS-Frauen und ihre Kinder.

Ann Guenter
Ann Guenter von 20 Minuten hat sich mit der 29-Jährigen im Camp Roj unterhalten.

Ann Guenter von 20 Minuten hat sich mit der 29-Jährigen im Camp Roj unterhalten.

Die zweijährige Tochter der Lausannerin kennt nur das Leben innerhalb des Camps.

Die zweijährige Tochter der Lausannerin kennt nur das Leben innerhalb des Camps.

Ann Guenter

Hohe Drahtzäune umfassen das Camp Roj auf rund 400 mal 300 Metern. Es gibt hier ein paar Verwaltungsgebäude, vor allem aber weisse Zelte, die in Reih und Glied stehen. Dazwischen staubige Gassen, die sich bei Regen in Schlammbäche verwandeln. Von einem Wachturm überblicken bewaffnete Kämpferinnen der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) das Areal.

Als Selina* (29) hier in einen Raum mit bequemen Sofas geführt wird, will sie zuerst gar nicht mit 20 Minuten sprechen. «Was soll das denn noch?», fragt sie mit Frustration in der Stimme. Seit gut 14 Monaten sitzt die Lausannerin mit bosnischen Wurzeln im Norden Syriens im Camp Roj, einem von den Kurden geführten Internierungslager für mehrheitlich ausländische IS-Frauen und ihre Kinder. Sie stammen aus insgesamt 39 Ländern – aus Deutschland, Tunesien, Marokko, Frankreich, Belgien oder den Niederlanden.

Verhaftung im Frühjahr 2018

«Jedes dieser Länder hat mehr als zehn Familien hier», sagt uns die Camp-Verantwortliche. Sie schätzt, dass es im Camp Roj mittlerweile um die tausend Kinder gibt. Auch Selinas Tochter ist hier, die zweijährige Anja*, ein blondes Mädchen mit blauen Augen, süss und aufgeweckt. Im Gegensatz zu ihrer Mutter weiss sie nicht, dass es ein Leben ausserhalb des Camps gibt – und von der Schweiz hat die Kleine keine Ahnung. Ihre Mutter aber weiss, was sie hinter sich gelassen hat. «Ich bereue es sehr, mit meinem Mann hierhergekommen zu sein», sagt sie im Verlauf des Gesprächs mit 20 Minuten.

Ihr Mann, das ist Aziz B.*, ebenfalls aus Lausanne. Er sitzt in einem Gefängnis nicht weit vom Camp Roj entfernt. Seit ihrer Verhaftung im Frühjahr 2018 hat er weder seine Frau noch sein Kind gesehen.

Sie habe, sagt Selina, soeben im Fernsehen gesehen, dass der Bundesrat über die Rückkehr von IS-Kämpfern und ihren Kindern debattiere – und dass Bundesrätin Karin Keller-Sutter sich gegen eine Überführung ausspreche. Die Justizministerin fordert, dass den IS-Schweizern in Syrien der Prozess gemacht wird. «Das verstehe ich nicht», sagt Selina. «Wieso sollen wir hier vor Gericht? Auch die Kurden sind dagegen, dass wir hier verurteilt werden. Wahrscheinlich ist es einfach zu teuer, uns zurückzuholen.»

2015 nach Syrien gereist

Versteht sie denn, dass man in der Schweiz Angst vor Leuten wie ihr hat – dass man befürchtet, sie könnte Anschläge verüben? «Was habe ich denn in der Schweiz verbrochen?», fragt sie, und ihre Stimme wird lauter: «Ich habe meine Steuern bezahlt, ich habe die Gesetze respektiert, ich habe niemanden terrorisiert.» Letzteres jedoch taten die IS-Jihadisten, denen sie sich anschloss, als sie 2015 nach Syrien reiste. Sie wusste damals von den ungeheuren Verbrechen.

«Ich wusste einiges», sagt Selina, «Aber ich wusste nicht alles. Ich dachte, vieles sei Anti-IS-Propaganda, Lügen. Und überhaupt: Ich schloss mich dem IS nicht an, weil dieser Leute köpfte, sondern weil ich nach seinen islamischen Regeln und in einem Kalifat leben wollte. Wir merkten zu spät, dass vieles nicht war, wie es schien. Ich bin keine Terroristin – und wer wie ich das Leben in Syrien kennen gelernt hat, denkt sicher nicht an Anschläge in der Schweiz. Dann weiss man das Leben in der Schweiz zu schätzen.»

Die Diskussion, die die Schweiz derzeit über IS-Rückkehrer führt, findet sie scheinheilig, wie sie durchblicken lässt: «Ich bin Schweizerin oder nicht? Und die Schweiz ist doch ein Rechtsstaat, in dem die Unschuldsvermutung gelten sollte. Immerhin besteht doch die Möglichkeit, dass wir unschuldig sind. Wenn ich nicht wie eine Schweizerin mit all ihren Rechten behandelt werde, dann entzieht mir die Staatsangehörigkeit!»

Zermürbendes Warten

Das Leben im Camp ist eintönig. Ein Lichtblick ist das Programm, an dem die Frauen hier regelmässig teilnehmen. Die Kurden betrachten es als eine Art Deradikalisierungsprogramm. Man behandelt ethische Fragen, diskutiert, was einen guten Muslim ausmacht und wie die Abkehr von der IS-Ideologie beginnt.

«Zu Beginn wollten nur wenige mitmachen. Wir zwangen sie nicht dazu. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr nahmen teil. Heute beklagen sich die Frauen, wenn das Treffen einmal ausfällt», erzählt die Camp-Verantwortliche. Sie fügt an: «Selina ist eine sehr süsse, nette Frau. Die Schweiz macht einen Fehler, wenn sie ihr die Chance auf eine Rückkehr verwehrt.»

Das Warten darauf, was mit ihr und ihrer Familien geschehen soll, ist zermürbend. Dennoch wirkt Selina ungebrochen. «Es muss etwas geschehen», sagt sie entschieden, «meinetwegen stellt mich in Syrien vor Gericht, aber so geht es nicht weiter.»

* Name von der Redaktion geändert

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