Aktualisiert 20.04.2020 07:37

Arbeiter müssen raus

«Homeoffice ist Luxus für Bürokraten und Politiker»

Vor allem Akademiker arbeiten jetzt von zu Hause aus. Für viele andere ist Homeoffice jedoch gar keine Option.

von
Raphael Knecht
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«Ohne die Menschen, die täglich draussen hart arbeiten und umsetzen, was die im Homeoffice sich ausdenken, würde das System nicht funktionieren», sagt Höhenarbeiter Mad (27).

«Ohne die Menschen, die täglich draussen hart arbeiten und umsetzen, was die im Homeoffice sich ausdenken, würde das System nicht funktionieren», sagt Höhenarbeiter Mad (27).

Leser-Reporter
«Homeoffice ist ein Luxus für Bürokraten und Politiker.»

«Homeoffice ist ein Luxus für Bürokraten und Politiker.»

Leser-Reporter
«Langsam fliegt mir die Decke auf den Kopf», sagt Leserin Nadine (29), die seit Mitte März zuhause wartet, bis sie wieder normal arbeiten und studieren gehen kann.

«Langsam fliegt mir die Decke auf den Kopf», sagt Leserin Nadine (29), die seit Mitte März zuhause wartet, bis sie wieder normal arbeiten und studieren gehen kann.

Leser-Reporter

Um die Distanz zu anderen Menschen zu wahren, erachtet es der Bund für sinnvoll, dass derzeit möglichst viel von zu Hause aus gearbeitet wird. Bei einer Umfrage von 20 Minuten und Tamedia gaben 28 Prozent der Schweizer an, neu im Homeoffice zu arbeiten.

Doch nicht für alle ist Homeoffice eine Option. Vor allem Akademiker arbeiten neu von zu Hause aus: 54 Prozent der Befragten mit Uni- oder Fachhochschulabschluss geben an, neuerdings im Homeoffice zu arbeiten. Bei den Befragten mit Berufslehre und denen mit obligatorischer Schule sind es jeweils weniger als ein Fünftel.

«Homeoffice ist ein Luxus für Bürokraten und Politiker», findet darum Leser Mad (27), der als Höhenarbeiter Strassen und Baustellen sichert. «Ohne die Menschen, die täglich draussen hart arbeiten und umsetzen, was die im Homeoffice sich ausdenken, würde das System nicht funktionieren.»

«Kann zuhause alles machen»

Anders klingt es bei Leser Marc (47), der in der IT-Branche Marktforschung betreibt und seit einiger Zeit im Homeoffice ist: «Ich kann zu Hause alles machen, was ich im Büro auch tun kann – nur bei gewissen Kundenbesuchen muss man noch physisch dabei sein.»

Er werde darum auch nach der Lockerung der Massnahmen möglichst von zu Hause aus arbeiten: «Der grosse Vorteil ist der Arbeitsweg, den man sich spart.» Bei ihm seien das zwei Stunden pro Tag. Marc findet, wer die Möglichkeit hat, sollte Homeoffice unbedingt probieren.

«Würde mich eh angurken»

Viele Leser sind aber auch froh, dass sie nicht Homeoffice machen müssen: «Das würde mich eh angurken – ich arbeite lieber an der Front, als jetzt daheim zu sitzen», sagt etwa Steve (31), der im Sicherheitsdienst tätig ist.

Und Leserin Nadine (29), die als Modeberaterin seit Mitte März zu Hause bleiben muss und auch fürs Nebenstudium nur noch Distance-Learning machen darf, hat genug von Homeoffice: «Langsam fliegt mir die Decke auf den Kopf.» Sie freue sich, wenn sie wieder regulär zur Arbeit könne. Da sie derzeit ein Praktikum absolviert, ist sie besonders frustriert: «Ich habe davon schon zwei Monate verloren und Ende Juni ist es vorbei.»

Weniger Produktivität

Das Arbeiten zu Hause aus bereitet vielen Probleme, wie die Umfrage zeigt: Obwohl Homeoffice die Leistungsfähigkeit steigern kann, geben nur die wenigsten der neu zu Hause arbeitenden Personen an, dass sie sich jetzt produktiver fühlen. Rund 36 Prozent finden gar, deutlich weniger produktiv zu sein. Knapp die Hälfte spürt keine Veränderung bei der Leistung.

Als Hauptgrund für die sinkende Produktivität wird zu viel Ablenkung genannt – etwa durch Kinder. Auch kompliziertere Abläufe und Kommunikation im Team gelten laut der Umfrage als Leistungsbremsen. Hartmut Schulze, Professor für Arbeitspsychologie an der FHNW fügt hinzu: «Nach etwa drei Tagen ununterbrochenem Homeoffice nehmen Einsamkeits- und soziale Isolationsgefühle zu, und es stellt sich in der Regel ein Produktivitätsverlust ein.»

Jüngeren Personen fehlt zu Hause die Motivation

Auffällig: Bei den 18- bis 34-jährigen Umfrageteilnehmern ist der Hauptgrund für sinkende Produktivität nicht etwa die Ablenkung oder der komplexe Ablauf. Stattdessen heisst es bei dieser Altersgruppe in erster Linie, dass man sich einfach zu wenig motiviert fühle.

Die Einschränkungen der Produktivität dürften mit Erfahrung kleiner werden, ist Personalexperte Michel Ganouchi von Recruma überzeugt. Allerdings sei Homeoffice nicht für alle Menschen das Richtige. Er hoffe, dass die Schweiz das jetzt Gelernte auch künftig anwende und nicht in alte Muster zurückfalle.

Die Resultate basieren auf den Antworten von 40'835 Umfrageteilnehmern, davon 26'084 aus der Deutschschweiz, 12'627 aus der Romandie und 2124 aus dem Tessin.

Homeoffice wird zur normalen Option

Der «Homeoffice-Zwang» hat Schweizer Firmen quasi auf die Feuer-Probe gestellt. Personalexperte Matthias Mölleney ist überzeugt, dass Homeoffice dank dieser Erfahrung in der Schweiz nun zu einer normalen Option werden wird: «Es gab viele Chefs, die vor zwei Monaten noch gesagt haben, Homeoffice komme gar nicht in Frage – dieses Grundsatzargument zieht jetzt nicht mehr», sagt Mölleney zu 20 Minuten. In vielen Unternehmen sei man jetzt schon zum Schluss gekommen, dass etwa manche Meetings über digitale Kanäle besser fokussiert und damit produktiver seien. Solche Vorteile werde man sich in Zukunft zunutze machen wollen.

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