Pendler fehlen: Homeoffice macht Beizen das Geschäft kaputt
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Pendler fehlenHomeoffice macht Beizen das Geschäft kaputt

Pendler gehen wegen der Homeoffice-Empfehlung nicht mehr ins Büro. Das Nachsehen haben die ÖV-Betreiber, Take-away-Stände und Restaurants. Über die Mittagszeit wurde ihnen der Stecker gezogen.

von
Fabian Pöschl
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Mit dem empfohlenen Homeoffice bleiben die Pendlerströme aus und die Restaurants bleiben leer.

Mit dem empfohlenen Homeoffice bleiben die Pendlerströme aus und die Restaurants bleiben leer.

imago images/ZUMA Wire
Auch die Kantinenbetreiber spüren den Homeoffice-Blues. Die ZFV musste als Folge des Lockdown und der Homeoffice-Empfehlung im Frühling zwei Drittel der Betriebe vorübergehend einstellen.

Auch die Kantinenbetreiber spüren den Homeoffice-Blues. Die ZFV musste als Folge des Lockdown und der Homeoffice-Empfehlung im Frühling zwei Drittel der Betriebe vorübergehend einstellen.

Bild: ZFV

Die SBB fuhr bereits im ersten Halbjahr wegen der Corona-Pandemie einen Verlust von fast einer halben Milliarde Franken ein.


Die SBB fuhr bereits im ersten Halbjahr wegen der Corona-Pandemie einen Verlust von fast einer halben Milliarde Franken ein.

Tamedia AG

Darum gehts

  • Der Bundesrat appelliert an die Bevölkerung, auf Homeoffice zu setzen.

  • Doch mit den ausbleibenden Pendlerströmen fallen vielen Geschäften die Umsätze weg.

  • Jetzt sprechen Betroffene.

«Homeoffice ist nicht nur eine schöne Idee», sagte Gesundheitsminister Alain Berset am Mittwoch an einer Pressekonferenz. Es sei wichtig, dass die Homeoffice-Empfehlung im Kampf gegen das Coronavirus jetzt umgesetzt werde.

Mit den ausbleibenden Pendlerströmen will der Bundesrat die Übertragungsmöglichkeiten für das Virus einschränken. Doch damit fehlen den Geschäften, die auf Pendler ausgerichtet sind, wie etwa Bahnhofsläden, die Kunden.

Für diese Unternehmen könnte es nun ähnlich schwierig werden wie während des Lockdown im Frühling, wie Martin Eichler, Chefökonom des unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Economics, zu 20 Minuten sagt. Besonders betroffen gewesen seien damals Geschäfte in grossen Pendlerkantonen wie Zürich, Basel Stadt und Luzern.

20 Minuten hat bei den ÖV-Betreibern und bei den entsprechenden Firmen nachgehakt.

Bahn und ÖV-Anbieter

Die ÖV-Nachfrage liegt laut der Branchenorganisation Alliance Swisspass unter anderem wegen Homeoffice seit mehreren Wochen rund 30 Prozent unter der normalen Nachfrage, wie ein Sprecher sagt. Von der SBB sind noch keine Passagierzahlen zur laufenden Woche verfügbar. Doch bereits im ersten Halbjahr fuhr die Bahn wegen der Corona-Pandemie einen Verlust von fast einer halben Milliarde Franken ein. Das Berner Verkehrsunternehmen Bernmobil liefert Fahrgastzahlen von vergangener Woche, die gegenüber der Vorwoche 15 Prozent tiefer liegen. «Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend diese Woche fortsetzen wird», sagt eine Sprecherin. Bereits erkennbar ist ein leichter Rückgang bei den Postauto-Fahrgästen. «Wir hoffen, dass es nicht wieder so weit wie beim Lockdown kommt», sagt eine Post-Sprecherin.

Restaurants in den Innenstädten

Auch die Restaurants von Coop und Migros spüren die Homeoffice-Auswirkungen, wie es auf Anfrage heisst. «Wir gehen davon aus, dass die Kundenfrequenz in den kommenden Wochen weiter sinken wird», sagt eine Coop-Sprecherin. Einen spürbaren Rückgang über Mittag seit der Homeoffice-Empfehlung verzeichnet das Hotel und Restaurant Helvetia in Zürich, wie Geschäftsführer Daniel Zelger sagt. Auch bei Anlässen erwarte er einen starken Rückgang, weil die Weihnachtsevents komplett ausfallen würden. Das Helvetia könne die BAG-Auflagen dank seines flexiblen Raumkonzepts auch bei grösseren Events einhalten, doch die Leute hätten Angst vorbeizukommen, weil die Zahlen so hoch sind. Deshalb biete das Helvetia Private Dining in einem Hotelzimmer oder Zoom-Apéros an, bei denen es Apéro-Boxen an die Teilnehmer des virtuellen Treffens nach Hause schickt.

Kantinenbetreiber und Personalrestaurants

Auch die Kantinenbetreiber spüren den Homeoffice-Blues. Die ZFV musste als Folge des Lockdown und der Homeoffice-Empfehlung im Frühling zwei Drittel der Betriebe vorübergehend einstellen, wie eine Sprecherin zu 20 Minuten sagt. Mittlerweile seien wieder mehr als 80 Prozent der Kantinen geöffnet, allerdings merke die ZFV auch jetzt starke Frequenzrückgänge wegen Homeoffice. Obwohl die Kantine das Schutzkonzept umsetzen könne, würden die Leute derzeit nicht gern in der Kantine essen. Deshalb seien zusätzliche Angebote wie eine Take-away-Möglichkeit und Delivery geschaffen worden. «Für das laufende Jahr gehen wir von einen Umsatzrückgang von rund 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr aus», sagt die Sprecherin.

Büroflächen-Vermieter und Seminar-Räume

Der Technopark in Zürich vermietet Räume für Events und Sitzungen. Momentan erlebt der Park laut einem Sprecher nur einen leichten Rückgang abgesehen von einzelnen Stornierungen von grösseren Veranstaltungen. Allerdings sei der Umsatzeinbruch für das Jahr allgemein markant, da viele Veranstaltungen abgesagt worden seien. Das spürt auch das Grand Resort Bad Ragaz. «Der Trend, Veranstaltungen auf das kommende Jahr zu verschieben oder teils abzusagen, zeichnete sich schon seit Beginn der Pandemie ab», sagt CEO Patrick Vogler. Er gehe auch davon aus, dass das Mittagsgeschäft in den Restaurationen rückläufig ist, da auf Geschäftsessen am Mittag verzichtet werde.

Bahnhofsläden

Der Take-away-Anbieter Hitzberger spürt die Auswirkungen des Homeoffice, allerdings noch nicht so stark wie beim Lockdown im Frühling, wie es auf Anfrage heisst. Drastischer drückt sich die Branchenvereinigung aus. Die Läden und insbesondere die Take-aways am HB Zürich spüren seit Wochenbeginn einen deutlichen Rückgang wegen Homeoffice, sagt Andreas Zimmerli-Landolt, Präsident der Vereinigung Zürcher Spezialgeschäfte, zu 20 Minuten. «In den Restaurantbetrieben ist über Mittag der Stecker gezogen», so Zimmerli-Landolt. Der Detailhandel in den Städten sei massiv im Nachteil durch die fehlenden Pendler. Auf dem Land sei die Lage wohl nicht so schlimm. Allerdings mache den Läden noch vielmehr zu schaffen, dass die Touristen ausbleiben.

Externe Unternehmensberater

Der Unternehmensberater Rolf-Martin Kraft hat seit der Corona-Krise rund 80 Prozent weniger Umsatz, wie er zu 20 Minuten sagt. «Die meisten Firmen sagen alle Trainings und Coachings ab, weil die Leute Angst vor Präsenztraining haben», so Kraft. Weil er in den Trainings mit Rollenspielen arbeite, könne er auch nicht auf virtuelle Trainings ausweichen. Die Homeoffice-Empfehlung bringe nur bedingt Erfolg, weil sich die Leute wohl eher in privaten Kreisen angesteckt haben. Er geht davon aus, dass die Krise tiefe Spuren hinterlässt und er wohl kaum den Umsatz von früher wieder erreichen wird. «Ich habe mein externes Büro nun aufgelöst und bin froh, dass meine Frau ebenfalls arbeitet. So kommen wir zurzeit noch relativ gut über die Runden, die Frage ist, wie lange?»

«Relativ moderate Lösung Homeoffice»

Die gesamtwirtschaftlichen Kosten wegen der Homeoffice-Empfehlung sind laut Aymo Brunetti, Ökonom an der Universität Bern, «relativ moderat». In zahlreichen Dienstleistungsunternehmen lasse sich ein grosser Teil der Aktivitäten ohne allzu grosse Einschränkungen von zu Hause aus erledigen. Für die ÖV und die auf Pendler angewiesenen Unternehmen sei der Effekt zwar deutlich stärker, aber auch diese seien spürbar weniger betroffen als bei einem generellen Lockdown.

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