Keine realen Kontakte - Homeoffice verleidet neuen Mitarbeitenden den Job
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Keine realen KontakteHomeoffice verleidet neuen Mitarbeitenden den Job

Neue Aufgabe, Unsicherheiten, fremde Kollegen am Bildschirm: Weil sie mit der Heimarbeit nicht zurecht kamen, kündigten einige neu Eingestellte nach kurzer Zeit wieder.

von
Bettina Zanni
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Im Homeoffice eine neue Stelle anzutreten, fällt nicht allen Berufstätigen leicht. 

Im Homeoffice eine neue Stelle anzutreten, fällt nicht allen Berufstätigen leicht.

20min/Sonja Mulitze
Eine Kadermitarbeiterin im Dienstleistungssektor startete im Herbst 2020 in einem grossen Unternehmen – im Mai kündigte sie wieder.

Eine Kadermitarbeiterin im Dienstleistungssektor startete im Herbst 2020 in einem grossen Unternehmen – im Mai kündigte sie wieder.

Getty Images/iStockphoto
Einer Kadermitarbeiterin verleidete die neue Stelle nach kurzer Zeit, weil sich alle ihre Kontakte im digitalen Raum abspielten.

Einer Kadermitarbeiterin verleidete die neue Stelle nach kurzer Zeit, weil sich alle ihre Kontakte im digitalen Raum abspielten.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Manche Mitarbeitende, die im Homeoffice starten mussten, hängten den Job nach kurzer Zeit an den Nagel.

  • Eine Kadermitarbeiterin verliess das Unternehmen, weil sie nie einen Kollegen sah, eine andere Mitarbeiterin fühlte sich «immer distanzierter von der Arbeit».

  • «Weil die menschliche Wärme fehlt, wissen viele neue Mitarbeitende nicht, woran sie sind», sagt ein Gewerkschaftsvertreter.

  • Laut einer Karriereberaterin steigt das Bedürfnis nach einem Dienstleistungsjob mit direkten Menschenkontakten.

Sie wechseln den Job, bleiben aber faktisch auf dem gleichen Stuhl sitzen: Jene Berufstätige, die während der letzten Monate im Homeoffice eine neue Stelle antraten. Damit kamen nicht alle zurecht.

Eine Kadermitarbeiterin im Dienstleistungssektor startete im Herbst 2020 in einem grossen Unternehmen – im Mai kündigte sie wieder. Verleidet war ihr der Job, weil sich alle ihre Kontakte im digitalen Raum abspielten. In diesen acht Monaten hatte sie nie einen ihrer Kollegen gesehen und sich nie mit der Chefin physisch über Erwartungen auch mal zwischen den Zeilen unterhalten können.

Kommunikationsexperte Stefan Häseli schilderte den Fall kürzlich auf dem Portal It-Daily. Kurz nach dem ersten Zusammentreffen mit Kollegen und Vorgesetzten im «echten» Umfeld habe sich gezeigt, dass es gar keine gemeinsame Basis gegeben habe, berichtet er weiter. «Ich bin nie wirklich angekommen», habe das Fazit der Mitarbeiterin gelautet.

Gekündigt, um nie mehr im Homeoffice zu arbeiten

Auch die 26-jährige K. J.* hängte ihren neuen Job als Software-Entwicklerin nach wenigen Monaten an den Nagel. «Trotz Umziehen in eine WG, in der es viel besser war als im ersten Lockdown, fühlte ich mich immer distanzierter von der Arbeit.» Nach den Weihnachtsferien habe es ihr ausgehängt. «Wieder im gleichen Zimmer an den gleichen Schreibtisch, um acht Stunden in den gleichen Bildschirm zu schauen.» Sie habe sich danach gesehnt, ihre Wohnung wieder zu verlassen und nach einem Job, bei dem sie auch mit Menschen Kontakt habe.

Als sie in den letzten Wochen wieder im Büro habe arbeiten dürfen, sei die Freude an der Arbeit zurückgekehrt, sagt J. Dennoch kündigte sie im April. Nun freut sie sich, ab August auf einer Baustelle zu arbeiten – dann beginnt die ETH-Absolventin eine Elektriker-Lehre. Für sie steht fest: «Solange die Pandemie andauert, werde ich nicht mehr einen Job machen, bei dem man mich nach Hause schicken kann.»

Durchgehalten hat hingegen Flurin Bucher. Sein erstes Lehrjahr als Mediamatiker bei der Swisscom fesselte ihn fast durchgehend ans Homeoffice. Es gebe Tage, an denen er es nicht so toll finde, die ganze Zeit zuhause zu sein, sagt er zu Apunto, dem Online-Magazin der Gewerkschaft Angestellte Schweiz. «Es fällt mir dann schwerer, mich zu motivieren.»

«Mitarbeitende wissen nicht, woran sie sind»

Gewerkschaften bestätigen, dass frisch eingestellte Mitarbeitende im Homeoffice oft kämpfen. «Weil die menschliche Wärme fehlt, wissen viele neue Mitarbeitende nicht, woran sie sind und fragen sich, ob man sie gut findet», sagt Hansjörg Schmid, Sprecher von Angestellte Schweiz.

Dazu fehlt ihnen laut Schmid der Austausch mit dem Team beim Mittagessen oder vor der Kaffeemaschine. «Tolle Kollegen können ja manchmal die Motivation für die Arbeit sein, macht es mal gerade nicht so Spass.» Da sie zu Einzelkämpfern würden, zögerten im Homeoffice eingestiegene Mitarbeitende weniger lange vor einer Kündigung.

Bedürfnis Job mit direkten Kontakten steige

Eine nicht repräsentative Umfrage von 20 Minuten mit rund 1000 Teilnehmenden zeigt: Über 10 Prozent der Teilnehmenden gefällt der Job weniger, seit sie im Homeoffice arbeiten. Auch Karriereberaterin Renate Köster sagt, dass viele Berufstätige nicht gerne isoliert arbeiten. «95 Prozent meiner Klienten wollen Kontakt zu anderen Menschen haben – sei es Kundenkontakt oder zumindest die Möglichkeit zum Smalltalk mit Kolleginnen und Kollegen.»

Das Bedürfnis nach einem Dienstleistungsjob mit direkten Menschenkontakten steige, sagt Köster. «Das Interesse an der Arbeit in der Gastronomie wird wieder zunehmen.»

Weniger Kündigungen in Pandemie

Mehrheitlich verzeichneten Unternehmen in der Pandemie jedoch trotz Homeoffice-Frust weniger Abgänge als üblich. «Im Jahr 2020 war, wie in wirtschaftlich unsicheren Zeiten üblich, die freiwillige Fluktuationsrate bei der Credit Suisse deutlich niedriger als in den Vorjahren», sagt Melis Knecht, Mediensprecherin der Credit Suisse. Auch das Telekommunikationsunternehmen Swisscom und der Grossverteiler Coop melden eine eher tiefere Fluktuation während der Corona-Zeit als vorher.

*Name der Redaktion bekannt.

Zusammenhalt trotz Homeoffice

Seit eine Homeoffice-Empfehlung gilt, kehren die Mitarbeitenden langsam wieder in die Büros zurück. Kommunikationsexperte Stefan Häseli stellt fest, dass sich Mitarbeitende durch die lange Homeoffice-Phase oft weniger miteinander verbunden fühlen. «Arbeitgeber sollten deshalb versuchen, den Teamgroove wieder hinzukriegen oder einen neuen zu erarbeiten.»
Vom Tisch ist das Thema Homeoffice aber nicht. Verschiedene Unternehmen haben bereits angekündigt, auf einen Mix zwischen Homeoffice und Arbeit vor Ort umzustellen. «Arbeitgeber sollten speziell darauf achten, dass sie neu eingestellte Mitarbeitende zuhause nicht hängen lassen», sagt Linda Rosenkranz, Sprecherin des Arbeitnehmer-Dachverbands Travailsuisse. Sie müssten die Chance haben, ihr Team besser kennenzulernen. «Gerade nach einer solchen Pandemie haben viele Angestellte das Bedürfnis, sich im Job sozial eingebunden zu fühlen.»

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