Jerusalem-Syndrom: Homer macht den Jesus
Aktualisiert

Jerusalem-SyndromHomer macht den Jesus

Homer Simpson besucht Jerusalem und hält sich für den Messias – die neuste Episode der Kultserie beschreibt ein Syndrom, das auch in der Realität existiert.

von
Peter Blunschi

Pünktlich zum jüdischen Pessach- und zum christlichen Osterfest besucht die gelbe Chaoten-Familie Simpson das Heilige Land – zumindest in der neusten Episode der Endlos-Kultserie, die am letzten Sonntag in den USA ausgestrahlt wurde. Ihren Höhepunkt erreicht sie, als Homer vom «Jerusalem-Syndrom» gepackt wird. Er hält sich für den Messias und glaubt, er könne Christen, Juden und Muslime versöhnen, «weil alle den Frieden und Poulets mögen».

Natürlich geht das schief, doch das Jerusalem-Syndrom ist keine Erfindung. Jährlich werden Pilger und Touristen in die psychiatrische Klinik Kfar Shaul in Jerusalem eingeliefert, weil sie sich für biblische Figuren halten. In den letzten 25 Jahren habe man mehr als 450 Fälle registriert, sagte der Psychiater Gregory Katz, Leiter der Notaufnahme in Kfar Shaul, gegenüber CNN.

Als Beispiele nannte er einen Amerikaner, der in der Altstadt von Jerusalem in einem weissen Gewand als Apostel Paulus auftrat und «einige Unannehmlichkeiten» verursachte, weil er Juden und Muslime bekehren wollte. Oder einen «Nacktwanderer» aus Deutschland, der in der Wüste von Judäa aufgegriffen wurde im Glauben, er sei Johannes der Täufer.

Zusammenprall mit der Realität

Als Ko-Autor einer 2000 im «British Journal of Psychiatry» veröffentlichten Studie hat Katz zwei Arten des Jerusalem-Syndroms beschrieben. Die eine betrifft Menschen, bei denen zuvor nie eine geistige Störung festgestellt wurde, die jedoch nach ihrer Ankunft in Jerusalem plötzlich vom Wahn ergriffen werden, sie seien der Messias, ein Prophet oder die Jungfrau Maria (am beliebtesten bei Frauen). In der Regel handle es sich um streng religiöse Christen, und zwar Protestanten, keine Katholiken (die sind offenbar immun).

Meist kämen sie aus ländlichen Gegenden, die Reise nach Israel sei oft ihre erste ins Ausland überhaupt, sagte Gregory Katz: «Sie haben ein idealisiertes Bild der Heiligen Stadt, basierend auf langjährigem Bibelstudium. Der Zusammenprall mit der Realität in Form von Verkehrsstaus, Handys und scharfen Sicherheitsmassnahmen erzeugt bei ihnen einen zeitweiligen psychischen Zusammenbruch.» Nach einigen Tagen seien die Symptome in der Regel überwunden.

Feuer in Moschee gelegt

Solche Fälle machen aber nur etwa 10 bis 15 Prozent aller Menschen mit Jerusalem-Syndrom aus. Meistens handelt es sich um Besucher, die wegen psychischer Krankheiten in Behandlung sind und bereits mit der Überzeugung anreisen, sie seien auf einer Mission. Diese könnten nur in ihre Heimat zurückgeschickt und dort behandelt werden, sagte Katz. Als Beispiel erwähnt er einen amerikanischen Bodybuilder, der als «Samson» einen der gigantischen Steine aus der Klagemauer entfernen wollte.

Der wohl gravierendste Fall betraf einen christlichen Fundamentalisten aus Australien, der 1969 Feuer in der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg gelegt hatte, weil er den antiken Tempel für die Rückkehr Jesu wieder aufbauen wollte. Er wurde gemäss CNN vor Gericht gestellt, für unzurechnungsfähig erklärt und abgeschoben.

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