Tabuthema Identität: Hongkonger sind schlechte Chinesen

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Tabuthema IdentitätHongkonger sind schlechte Chinesen

Laut einer Umfrage betrachten sich viele Bürger Hongkongs nicht primär als Chinesen. Die Regierung in Peking zeigt sich erbost und mahnt: Alle Bürger der Volksrepublik sind Chinesen.

von
kri

Ein Land, zwei Systeme. Gemäss diesem Grundsatz durfte Hongkong nach der Wiedervereinigung mit dem sozialistischen China sein freiheitliches und kapitalistisches System beibehalten. Ein Land, zwei Identitäten? Das hingegen dürfte Deng Xiaoping kaum vorgeschwebt haben, als er die berühmte Formel prägte. Doch 15 Jahre nach der feierlichen Heimkehr in den Schoss der Volksrepublik scheint genau das die Realität: Viele Einwohner der Millionenmetropole fühlen sich in erster Linie als Hongkonger, und nicht als Chinesen.

Der brisante Befund liegt einer Langzeitstudie der Universität Hong Kong (HKU) zugrunde. Demnach bezeichnen sich nur 17 Prozent als «chinesische Bürger», während sich 38 Prozent als «Hongkonger» identifizieren. So hoch war der Abstand zwischen den beiden Werten seit zehn Jahren nicht mehr. «Das widerspricht Chinas wirtschaftlicher Entwicklung in den letzten Jahren, also muss es andere Gründe haben», kommentierte Robert Chung, Direktor der Abteilung für Demoskopie der HKU. Er überlasse es dem Betrachter, sich seine «eigene Meinung über die Gründe» zu bilden», schloss er süffisant.

«Unwissenschaftlich» und «unlogisch»

Dass viele Bewohner Hongkongs ein gespanntes Verhältnis zu ihren Landsleuten vom Festland haben, ist nicht neu. Am vergangenen Sonntag demonstrierten laut einem Bericht der «Washington Post» hunderte vor einem Dolce & Gabbana Geschäft, weil Chinesen vom Festland dort angeblich bevorzugt bedient werden. Diese ecken mit ihrem bisweilen lauten und dreisten Auftreten im geordneten Hongkong an. Laut Medienberichten sollen ausserdem immer mehr schwangere Frauen vom Festland einen Ausflug in die Stadt nutzen, um ihre Kinder dort zur Welt zu bringen. Diese erhalten damit automatisch das Aufenthaltsrecht. Politiker warnen bereits vor einer Überstrapazierung des Gesundheitssystems.

Die Zentralregierung reagierte äussert empfindlich auf solche Befindlichkeiten. Hao Tiechuan, ein ranghoher Vertreter Pekings in Hongkong, lud ausgewählte Reporter zur Pressekonferenz und bezeichnete die Umfrage als «unwissenschaftlich» und «unlogisch». Hongkong sei inzwischen ein Teil Chinas, also sei es falsch, seine Bewohner danach zu fragen, ob sie sich als Chinesen betrachteten. Regimetreue Medien überzogen Chung und sein Forschungsprojekt danach mit beissender Kritik. Die Umfrage verfolge «bösartige politische Ziele» und ihr Autor sei vom Ausland finanziert, hiess es unter anderem.

Vor Machtwechsel besonders sensibel

Über die Gründe für Pekings scharfe Reaktion gibt es verschiedene Theorien. Eine besagt, dass sich die Regierung vor der Ablösung der alten Führungsriege dieses Jahr besonders nationalistisch gibt. In den vergangenen Wochen wurden auch andere unliebsame Persönlichkeiten zur Zielscheibe, darunter pro-demokratische Politiker, ein älterer katholischer Priester, ein anti-kommunistischer Medienmogul und der US-Generalkonsul.

Andere sehen die Gründe eher in Hong Kong selbst, das 2012 einen neuen Regierungschef erhält. Dieser soll 2017 erstmals direkt vom Volk gewählt werden. Beobachter vermuten, dass Peking sicher stellen will, dass der Demokratisierungsprozess in Hongkong nicht zur Diskussion von Tabuthemen anregt, von denen Identität eines der heikelsten darstellt. Vor dem Hintergund niedergeschlagener Separatistenbewegungen in Tibet, Xinjiang und anderso betont Peking stets, dass sich alle Bürger der Volksrepublik ausschliesslich als Chinesen betrachten sollen.

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