Tontaubenschiessen: «Hornusser-Blindheit» kostet erste Medaille
Aktualisiert

Tontaubenschiessen«Hornusser-Blindheit» kostet erste Medaille

Platz 34 statt eine Medaille für den Tontaubenjäger Fabio Ramella: Die «Hornusser-Blindheit» ist nicht nur ihm zum Verhängnis geworden. Am gleichen Problem scheitert der «todsichere» Gold-Tipp.

von
Klaus Zaugg
London

Tontaubenschiessen (Skeet) entspricht ganz und gar nicht der eidgenössischen Vorstellung des Schiessens. Dieser Sport muss zuerst kurz erklärt werden. Die Szenerie ist wie ein Wirklichkeit gewordenes Computerspiel. Mit Jagd-Schrotflinten, die nach einem mutzen «Päng» 250 Kugeln versprühen, schiessen coole Jungs in rascher Folge Tontauben: Es handelt sich um Tongefässe, fürs Fernsehen gefüllt mit grünem Pulver. So sind Treffer sofort ersichtlich.

Treffer sind so häufig, dass in der Kriegssprache bei einseitigem Verlauf einer Schlacht von «Tontaubenschiessen» die Rede ist. Aber die Legende, dass schmerbäuchige Ölscheichs mit einem Falken auf den Schultern und dem Hausgeparden an der Lederleine zum olympischen Wettkampf schreiten, sind frei erfunden. Tontaubenschiessen, in dieser Disziplin seit 1968 olympisch, ist heute ein hoch kompetitiver Sport.

Schweizer sind Exoten

Im Vergleich zum echten Schiessen in den Ständen und Schützenhäusern hat Tontaubenschiessen einen urigen «Wildwest-Groove»: Die Schützen tragen ihre doppelläufigen Schrotflinten (Jagdgewehre) lässig über der Schulter. Sie stehen beim Schiessen breitbeinig wie John Wayne und wirken mit ihrer kecken Verwegenheit ein wenig wie olympische Rock'n'Roller.

Dieser Stil entspricht ganz und gar nicht der todernsten, hochpräzisen klassischen und ruhmreichen helvetischen Schützenkultur und – Tradition. Deshalb gibt es in der Schweiz nur rund 250 Tontaubenjäger Fabio Ramella (32) ist ein Exot: Der erste Schweizer überhaupt, der in diesem Wettbewerb antritt – vor 44 Jahren schoss letztmals ein Schweizer auf olympische Tontauben – aber in der Disziplin «Trap».

Grösste Negativ-Sensation der Olympischen Spiele

Der Zimmermann, Jagdaufseher und passionierte Jäger war hier eine heimliche Medaillenhoffnung. Aber am Schluss wird ihm die «Hornusser-Blindheit» zum Verhängnis und er hat die Qualifikation am Dienstag mit 109 Punkten auf dem 34. Platz abgeschlossen – für einen Platz im Final wären Rang 6 und mindestens 120 Zähler notwendig gewesen.

Die «Hornusser-Blindheit» ist keine Ausrede. Dieses sportmeteorologische Phänomen bringt auch Tore Brovol um alle Medaillenchancen. Der Norweger ist die Nummer 1 der Welt und galt als einer der «todsichersten» Gold-Tipps für London 2012. Er stürzt in der Qualifikation auf Platz 27 ab (110 Punkte). Eine der grössten Negativ-Sensationen dieser Spiele.

Schwierige Lichtverhältnisse

Was ist die «Hornusser-Blindheit»? Wenn die Lichtverhältnisse durch sonnenverhüllende Wolken schnell wechseln, sehen die Hornusser, die im Ries stehen, den heranfliegenden Nouss nicht mehr.

Am Montag jagten Wolken über London dahin, helles Sonnenlicht und Schatten wechselten immer wieder. Die Tontaubenjäger schiessen in einer wunderschonen englischen Parkanlage in Richtung einer riesigen, dunkelgrünen Abschrankung. Scheint die Sonne, sehen sie die fliegende Tontaube gut und treffen. Wird die Sonne unverhofft durch vorüberziehende Wolken verdeckt, sind die Tontauben vor dem dunkelgrünen Hintergrund fast nicht mehr zu sehen. Die Tontaubenjäger schiessen daneben.

Warten auf Medaille geht weiter

Die Qualifikation bestreiten Sechsergruppen. Einzelne hatten am Montag gute Lichtverhältnisse. Andere – wie eben jene des Schweizers und des Norwegers ganz und gar nicht. Deshalb stand schon nach drei von fünf Qualifikationsdurchgängen am Montag fest: Fabio Ramella und Tore Brovol schaffen das Finale nicht mehr und gewinnen keine Medaille. Sie haben haben zu oft danebengeschossen.

Fabio Ramella sieht ein wenig aus wie Skistar Beat Feuz. Nur auf den ersten Blick wirkt er scheu. Er sagt, der Wind sei kein Problem gewesen. «Aber die schnellen Lichtwechsel haben mich irritiert, ich habe die Tontauben nicht mehr gesehen.» Ein paar Meter weiter steht der gestürzte und zutiefst enttäuschte Titan Tore Brovol (er hat in der gleichen Sechsergruppe geschossen) und diktiert den norwegischen Chronistinnen und Chronisten in die Notizblöcke, der Wind sei kein Problem gewesen. «Aber die schnellen Lichtwechsel haben mich irritiert, ich habe die Tontauben nicht mehr gesehen.» Er ist, wie Fabio Ramella, an der «Hornusser-Blindheit» gescheitert. Wir müssen weiterhin auf unsere erste Medaille warten.

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