Aktualisiert 16.03.2006 16:37

Horror-Medikament macht aus Männern Monster

Ryan Wilson (Bild) ist einer der sechs Probanden, die das hochtoxische Medikament TGN 1412 eingenommen haben. Jetzt liegt er in einem Londoner Spital auf der Intensivstation und hat kaum noch Überlebenschancen. Eine Verwandte erkannte ihn nicht wieder. Seine Nase sei so gross wie sein ganzes Gesicht.

Nach einer ersten Nacht in einer gesonderten 36-Betten-Klinik der US-Firma Parexel liessen sich die Probanden ein Medikament verabreichen, das zuvor nur an Tieren getestet worden war. 2000 Pfund sollte jeder dafür bekommen, umgerechnet 4500 Franken.

Zwei der Männer hatten Glück: Sie bekamen anstelle des Präparats mit der Bezeichnung TGN 1412 nur ein wirkungsloses Placebo-Mittel. Für die anderen wurde das Experiment, hinter dem das Würzburger Pharma-Unternehmen TeGenero steht, zur Katastrophe. Alle sechs lagen am Donnerstag auf der Intensivstation.

Zwei von ihnen schwebten auch nach vier Tagen immer noch in Lebensgefahr. Diagnose: multiples Organversagen. Wenn Ärzte so etwas sagen, besteht häufig kaum noch Hoffnung.

«Elefantenmensch»

Ausserhalb der Klinik hat keiner die Männer zu Gesicht bekommen. Aber die Angehörigen berichten von Gestalten, wie man sie sonst nur aus Horrorfilmen kennt. Die Gesichtsfarbe zwischen lila und gelb, der Nacken völlig aufgedunsen, die Köpfe bis auf die dreifache Grösse geschwollen.

«Mein Freund sieht aus wie der Elefantenmensch», berichtete die BBC-Angestellte Myfanwy Marshall. Die Ärzte haben sie gewarnt, dass der 28-Jährige jederzeit sterben kann. Die Engländerin Jo Brown erkannte ihren 21-jährigen Schwager Ryan Wilson auf der Intensivstation zunächst gar nicht wieder.

Die deformierte Nase sei wie nach einem Unfall übers gesamte Gesicht verteilt. Der Klempnerlehrling gehört zu den beiden Männern, die ums Überleben ringen. Die Behandlung wird dadurch erschwert, dass die Mediziner zwar die Symptome kennen, aber keiner weiss, was vorgefallen ist.

Wurden bei der Herstellung des Teststoffs Fehler gemacht? War bei der Verabreichung des Medikaments möglicherweise etwas verunreinigt? Oder haben sich die Tester bei der Dosierung des Mittels geirrt, das eigentlich einmal gegen Multiple Sklerose, Brustkrebs und rheumatische Arthritis helfen sollte?

Fest steht, dass die katastrophalen Nebenwirkungen innerhalb von wenigen Stunden offensichtlich wurden. Der 23-jährige Raste Khan - einer der beiden Placebo-Patienten - berichtete, dass die anderen «wie Dominosteine umgekippt» seien.

«Zuerst haben sie ihre Hemden ausgezogen, weil sie über Fieber klagten. Dann haben einige geschrien, dass ihre Köpfe gleich explodieren würden.» Der Fernsehtechniker stand selbst Höllenqualen aus - Khan wusste lange nicht, dass er nur ein Placebo bekommen hatte.

Ermittlung und mögliche Klagen

Mit dem Fall beschäftigt sich jetzt auch Scotland Yard. Die Polizei will gemeinsam mit der Medikamenten-Aufsichtsbehörde MRHA in Erfahrung bringen, was schief gegangen ist.

Die ersten Angehörigen haben bereits eine Anwältin eingeschaltet, um eine Klage vorzubereiten. Trotz der 16-seitigen Freiwilligkeits-Erklärung, die alle Versuchspersonen unterschreiben mussten, rollen auf die beteiligten Konzerne Millionen-Forderungen zu.

(sda)

Fehler gefunden?Jetzt melden.