Aktualisiert 06.11.2015 14:49

Schweizer Pouletboom

Hühnerfarmen verdrängen Wiesen und Fluren

Pouletfleisch ist bei den Schweizern beliebter denn je. Überall werden Hühnermastställe gebaut. Das bereitet Landschaftsschützern grosse Sorgen.

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Geflügelzuchten boomen, weil die Schweizer Poulet lieben. Die Mastställe verdrängen aber Wiesen und Flure. Im Bild: Freilandhühner auf einem Schweizer Biobetrieb.

Geflügelzuchten boomen, weil die Schweizer Poulet lieben. Die Mastställe verdrängen aber Wiesen und Flure. Im Bild: Freilandhühner auf einem Schweizer Biobetrieb.

Schweizer haben Appetit auf das vergleichsweise gesunde Pouletfleisch. Sie essen davon mehr denn je. Die Entwicklung mag für Ernährungsberater und Pouletproduzenten erfreulich sein, doch sie bringt ein grosses Problem mit sich. Der Pouletboom macht sich in der Schweizer Landschaft bemerkbar.

Raumplaner und Landschaftsschützer sind deshalb besorgt, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt. Aufgrund der hohen Nachfrage braucht es immer mehr Masthühner. Diese benötigen mehr Platz, was zur Folge hat, dass Wiesen und Fluren verschwinden. «Die Bauerei ausserhalb von Bauzonen geht überwiegend auf die Pouletmast zurück», sagt Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz zur Zeitung.

Hühnermast den Gewerbezonen zuschlagen

Der Trend scheint bestehen zu bleiben. Laut der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung (VLP) sind alleine in der Ostschweiz 140 neue Hühnermastställe geplant. Rodewald glaubt hingegen nur an ein vorübergehendes Interesse. Er sieht deshalb in der Zukunft ein weiteres Problem: «Irgendwann haben wir Überkapazitäten, und es fehlt eine flächendeckende Bestimmung zum Rückbau von leeren Hallen.»

Gegen neue Hallen wird meist nur dann Einsprache erhoben, wenn wertvolle Schutzgebiete vom Bau betroffen sind. Will ein Bauer innerhalb seines Betriebs eine Geflügelhalle errichten, wird das meist erlaubt. Deswegen möchten die VLP und die Stiftung Landsschaftschutz die Hühnermast den Gewerbezonen oder neuartigen Spezialwirtschaftszonen zuschlagen.

«1000 Familien von Geflügelzucht abhängig»

Das sei keine gute Lösung, sagt Ruedi Zweifel, Direktor des Aviforum, der Stiftung zur Förderung der Geflügelzucht, «unsere Geflügelmasten gehören zu Familienbetrieben». Über 1000 Familien in der Schweiz werde auf diese Weise ein Einkommen ermöglicht. Wenn man andauernd höhere Anforderungen an die Tierhaltung stelle, dürfe man sich nicht beschweren, wenn es dafür Platz brauche.

Zweifel ist auch anderer Meinung als Rodewald. Er hält den Schweizer Poulethunger für kein temporäres Phänomen. Die Nachfrage steige seit über zwei Jahrzehnten kontinuierlich. Im internationalen Vergleich sei der Schweizer Konsum zudem noch immer um ein Drittel tiefer als der Durchschnitt.

Beschwerde gegen Hähne und Kirchenglocken

Auch in der Tessiner Gemeinde Cugnasco-Gerra sorgt ein Hühnerstall für rote Köpfe. Das Problem sind drei Hähne, beziehungsweise deren morgendliches Gekrächze. Weil sich eine Bewohnerin über deren Lärm beklagte, haben die Behörden den Besitzern der Gockel nun eine klare Anweisung gegeben.

Sinngemäss steht da: Ab jetzt müssen die Schreihälse nachts den Schnabel halten. Sie verlangen also sofortige Ruhe. Die Polizei werde zudem regelmässig vorbeischauen und die Situation kontrollieren.

«Wir wohnen seit 40 Jahren hier, mein Mann ist sogar hier geboren. Unser Hühnerstall hat noch nie gestört», sagt die Frau des Besitzers. Sie kenne die Frau nicht einmal, die sich beschwert habe. Und jetzt wolle sich auch noch die Polizei einmischen. «Wir lassen die Beamten einfach nicht rein, das ist doch ein Witz.»

Auch dem Bürgermeister Gianni Nicoli ist die Sache peinlich. Manchmal beklagten sich Leute wegen bellender Hunde – «aber eine Reklamation aufgrund von Hähnen habe ich noch nie bekommen». Trotzdem müsse er die Sache ernst nehmen. Die offizielle Nachtruhe dauert von 23 Uhr nachts bis 7 Uhr morgens, diese sei zu respektieren, so Nicoli.

«Das bedeutet aber nicht, dass die Familie ihre Gockel abgeben müsse.» Wohl seien aber einige Anpassungen nötig. «Ein Hahn beginnt zu krähen, wenn er das Morgenlicht sieht. Ich nehme an, wenn man ihn in einen stockdunklen Ort sperrt, passiert das nicht.»

Die Beschwerdeführerin hat aber offenbar nicht nur ein Problem mit krächzenden Hähnen. Sie scheint allgemein sehr empfindlich auf jegliche Art von Lärm zu sein. Sie nun auch eine Reklamation wegen der Kirchenglocken eingereicht. Diese sollen sich ebenfalls an die Nachtruhe halten, fordert die Dame.

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