Generation Youtube: «Huere krass!»
Aktualisiert

Generation Youtube«Huere krass!»

Auf ihren Handys reichen sich die Jugendlichen Filme von blutigen Schlägereien, gequälten Obdachlosen und misshandelten Kriegsopfern wie Trophäen herum. Zwei 16-jährige Zürcher versuchen zu erklären, warum das so ist.

Luca und Tom (richtige Namen der Redaktion bekannt) besuchen in Zürich das Gymnasium. Filme von brutalen Schlägereien, die mit dem Handy oder einer Videokamera aufgenommen wurden, haben die zwei Freunde schon unzählige gesehen. Beide wurden auch schon Zeugen, als eine Bande von Jugendlichen einen anderen Teenager bewusstlos prügelte und den Übergriff mit dem Handy aufzeichnete. «Die kamen in einer Gruppe von zirka 20 Typen und haben einen ungefähr 17-Jährigen, der im Zürichhorn mit zwei Kollegen ohne Böses zu ahnen auf einer Parkbank sass, einfach so zusammengeschlagen. Der hatte keine Chance. Seine zwei Kollegen wurden festgehalten und mussten mit ansehen, wie auf den wehrlos am Boden liegenden Freund, von allen Seiten eingetreten wurde. Die Angreifer waren so zwischen 15 und 20 Jahre alt. Ihren Überfall haben sie mit dem Handy gefilmt. Abends passiert das am See in Zürich ständig. Niemand getraut sich einzuschreiten», berichten die zwei Gymnasiasten, als wäre es das Normalste der Welt.

«Gesicht zu Brei geschlagen – huere krass»

«Ich kenne da einen Jungen von der Goldküste, der sich oft mit der Unterstützung seiner Gang prügelt und die Opfer danach fotografiert. Auf einem der Bilder ist ein bewusstloser Typ zu sehen, sein Gesicht zu Brei geschlagen, das war „huere" krass. Ich sagte ihm, dass ich das voll krank finde. Er meinte nur, dass er zwar das Opfer nicht gekannt habe, es aber sicher ein Arschloch gewesen sei», erzählt Luca. «Die sind stolz darauf und wollen sich so Respekt verschaffen. Sie wollen damit zeigen, wie krass sie drauf sind und dass man sich besser nicht mit ihnen anlegen sollte», erklärt Tom.

Obdachlose-Quälen als Quotenrenner

Luca und Tom sind keine Schläger. Trotzdem üben Gewaltdarstellungen eine gewisse Faszination auf sie aus: «Es ist voll krank, primitiv und eigentlich zu krass, sich am Leiden anderer zu unterhalten. Aber irgendwie ist man halt schon neugierig und schaut sich das Zeugs an», versucht Tom sich zu erklären. Er ist im Besitz einiger DVDs auf welchen Obdachlose zu sehen sind, denen ohne Betäubung ein Penis-Piercing gestochen wird. Als Belohung bekommen sie eine Flasche Schnaps. In einer anderen Sequenz wird ein obdachloser Trinker dazu überredet, sich mit einer Zange die Schneidezähne rauszureissen. Das Ganze nennt sich «Bum-Fights» und machte den Erfinder zum Multi-Millionär. «Ich habe auch zwei DVDs, auf denen „Backyard-Wrestling" gezeigt wird, das ist voll geiler Amy-Bullshit. Da schlagen sie mit Stacheldraht umwickelten Keulen und Neonröhren voll auf sich ein, ohne Körperschutz oder dergleichen. Das Publikum bringt Waffen mit und gibt sie den Kämpfern, um sie dann am Gegner auszuprobieren. Der Boden ist innert Kürze voller Scherben, Haut- und Haarfetzen und literweise Blut», schildert Tom sichtlich beeindruckt den Inhalt und fügt nicht ohne Stolz hinzu: «Den Film habe ich in einem Laden in der Altstadt gekauft, damals war ich knapp 14 Jahre alt. Dort bekommt man einfach alles ohne Probleme. Auch Pornos und Filme mit Frauen, die sich zusammenschlagen.»

Den Konsum auch schon bereut

Noch leichter kommt man im Internet an solche Filme. Die zwei Mittelschüler schauen sich solche Filme in der Mittagspause im Computerraum an: «Es ist eine Art Sport mit Live-Übertragung. Es ist schon krass, wenn man eine solche Schlägerei sieht und weiss, dass hier nicht Ketchup spritzt, sondern echtes Blut», so Luca und ergänzt: «Ich habe auch schon Filme gesehen, die ich mir lieber nicht angeschaut hätte. Da wurde einer am Boden liegenden Geisel mit einem Dolch der Hals aufgeschlitzt und der Mann verreckte.»

Manuel Bühlmann, 20minuten.ch

Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Interviews auf 20minuten.ch

Serie: Generation YouTube

Teil 3: «Huere krass!»

Ob Prügelfilm, Schlampen-Video oder Lehrer-Mobbing, die multimediale Demütigung des Anderen ist laut verschiedenen Experten zum Volkssport geworden. Und immer mit dabei an der vordersten Erniedrigungsfront: Das Handy als Tatwaffe.

Polizisten, Statistiker und Psychologen machen inzwischen die permanente Reizüberflutung und die zunehmende Vermischung von virtueller Computerrealität und Wirklichkeit verantwortlich für den Besorgnis erregenden Anstieg an schwerer Jugendgewalt. Die zunehmende Brutalität wird mit der Verrohung durch die permanente Gewaltgewöhnung erklärt.

In einer Serie nimmt sich 20minuten.ch den verschiedenen Aspekten der neuen „Gewaltdimension“ an. Zur Sprache kommen jugendliche Filmer, - die meist gar nicht wissen, was sie tun, -, Psychologen werden zu Rate gezogen und Polizisten befragt. Die meist entweder völlig überforderten oder völlig ahnungslosen Eltern werden ebenso wenig vergessen, wie die Rolle der Medien. Die bewegen sich, je nach Situation, schnell auf dem schmalen Grad zwischen Aufklärern der Öffentlichkeit und Helfershelfern der Handy-Mobber.

Bereits publiziert:

Deine Meinung