22.11.2020 11:08

Pestizid-VorfallHugo dos Santos (43) kämpft gegen Syngenta-Pestizid

2013 veränderte sich das Leben des Brasilianers Hugo dos Santos für immer. Jetzt kämpft er dafür, dass in der Schweiz die Konzernverantwortungsinitiative angenommen wird.

von
Leo Hurni

Lehrer Hugo dos Santos beschreibt, wie eine brasilianischen Fluggesellschaft Pestizid über seiner Schule versprühte.

Video: Leo Hurni

Darum gehts:

  • 2013 verteilte ein Flugzeug Pestizide über ein Schulhaus in Brasilien.

  • Das Pestizid stammt vom Schweizer Agrar-Unternehmen Syngenta.

  • Der Lehrer Hugo dos Santos erlebte den Vorfall und spricht mit 20 Minuten darüber.

  • Mit der Konzernverantwortungsinitiative in der Schweiz erhofft sich dos Santos, dass Syngenta Verantwortung für die Folgen des Pestizidunfalles übernimmt.

Es war ein Tag wie jeder andere im brasilianischen Dorf Rio Verde. Die Schulkinder von Hugo dos Santos Klasse spielten im Hof, als sie die Rotoren eines Flugzeuges lärmen hörten. «Einige sprangen dem Flugzeug nach», erzählt er. «Plötzlich sah ich, wie Gift vom Himmel wie Nieselregen auf die Schule und in mein Essen regnete

Seit diesem Tag verbindet dos Santos mit der Schweiz eine Leidensgeschichte: Denn das versprühte Pestizid Engeo Pleno stammte von der Schweizer Chemiefirma Syngenta. Das Pestizid enthält den Stoff Thiamethoxam. Aufgrund seiner Gefährlichkeit für Bienen hatte die brasilianische Umweltbehörde Ibama die Anwendung von Thiamethoxam über Maisfeldern per Flugzeug, wie es im Fall von dos Santos der Fall war, 2012 verboten. Das Flugzeug war im Namen der brasilianischen Fluggesellschaften Aerotex unterwegs.

Die Folge des Vorfalls: Seit diesem Tag plagen dos Santos täglich starke Kopfschmerzen. An den Tag, an dem er diese erstmals spürte, erinnert sich dos Santos noch genau: «Ich bekam Atemprobleme, Kopfschmerzen. Den Schülern ging es gleich. Wir gingen alle ins Spital. Die Kinder fühlten sich alle schlecht und sagten mir, dass sie nicht sterben wollten. Auch ich dachte in dem Moment, dass ich sterben werde. Diesen Moment werde ich nie vergessen», erzählt er im Videogespräch.

Er kämpft für Gerechtigkeit

Seither kämpft er zusammen mit seinen Schülern für Gerechtigkeit und eine Wiedergutmachung von Syngenta. Von Syngenta oder der Regierung hätten er und die Schüler nie eine Entschädigung erhalten. 2018 wurde Syngenta und das Flugzeugunternehmen Aerotex von einem regionalen Gericht zu einer Geldstrafe von rund 25’000 Franken verurteilt. Doch Syngenta hat Rekurs eingelegt.

Syngenta sei an dem Vorfall selbst nicht direkt beteiligt, wie sie auf Anfrage von 20 Minuten sagt. Das Urteil wurde deshalb an die nächste Instanz weitergezogen und ist zurzeit noch offen. Dos Santos ist nicht zuversichtlich, dass es eine Wiedergutmachung von Syngenta geben wird.

«Syngenta soll Verantwortung übernehmen. Auf dem Papier mag die Firma sauber wirken, doch in der Praxis geht es ihr nur ums Geld, Menschenrechte scheint sie nicht zu interessieren», so dos Santos. Er freue sich jetzt aber, dass die Schweiz über die Haftung von Unternehmen im Ausland diskutiere. Er hofft, dass durch die Konzernverantwortungsinitaitive Geschädigte wie er ihre Rechte besser durchsetzen können: «Ich wünsche mir, dass die Konzerne jetzt Verantwortung übernehmen. Dann müsse Syngenta auch für ihre Taten einstehen und uns rechtmässig entschädigen.»

Syngenta ergreift Vielzahl von Massnahmen

Auf Anfrage schreibt Syngenta gegenüber 20 Minuten: «Überall dort, wo wir tätig sind, legen wir grössten Wert auf die sichere Verwendung unserer Pflanzenschutzmittel und Produkte. Syngenta war an dem Vorfall selbst nicht direkt beteiligt und kann deswegen dazu keine Stellung nehmen. Syngenta hat das Produkt auch nicht an den involvierten Landwirt verkauft.»

Syngenta ergreife eine Vielzahl von Massnahmen, um ihrer Produktverantwortung nachzukommen. Dazu gehörten etwa Schulungen für Ärzte, Trainings zur sicheren Handhabung von Pflanzenschutzmitteln und dem Einsatz von individuellen Schutzausrüstungen (PSA). Man arbeite auch mit Sindag, der nationalen Gewerkschaft für landwirtschaftliche Luftfahrtunternehmen in Brasilien zusammen. Allein im Jahr 2020 habe Sindag mehr als 4600 Personen in der Verwendung von Agrarflugzeugen aus der Luft zur Anwendung von Pflanzenschutzmitteln geschult.

«Das alles zeigt, dass der tragische Vorfall im brasilianischen Bundesstaat Goiás als ein bedauernswerter Einzelfall zu sehen ist. Grundsätzlich übernehmen Unternehmen für sich selber die volle Verantwortung und haften dafür bereits heute schon.» Zum laufenden Gerichtsverfahren im Fall von Hugo dos Santos könne man sich zurzeit nicht äussern.

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62 Kommentare
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Eja

23.11.2020, 19:15

Es geht aber darum, dass Firmen wie Syngenta oder Monsanto weiterhin tonnenweise Pestizide, die in Europa verboten sind, in Drittwelt Länder exportieren. DAS ist das Problem, und dagegen muss man was unternehmen.

Ramses

23.11.2020, 16:07

Es ist wichtig die Konzerninitiative anzunehmen, damit solche Umweltschweinereien der Vergangenheit angehören. Wenn man die Konzerne nicht mit Gesetzen stoppt, dann machen sie weiter bis unser Planet nur noch aus Gift und Tod besteht.

GurkenRick

23.11.2020, 15:44

Was hat denn Syngenta damit zu tun? Bei einem Autounfall haftet ja auch nicht der Hersteller.