Aktualisiert 01.03.2015 12:06

Folteropfer

Hunderte Folteropfer wollen therapiert werden

Das Ambulatorium für Folteropfer des Roten Kreuzes wird von Flüchtlingen überrannt. Ein Arzt erzählt aus dem Alltag mit Gefolterten.

von
Ph. Flück
Ambulatorien für Folteropfer gibt es in Bern, Zürich, Genf und Lausanne.

Ambulatorien für Folteropfer gibt es in Bern, Zürich, Genf und Lausanne.

Herr Schwald*, welche Menschen kommen zu Ihnen?

Oliver Schwald: Menschen, die aus Kriegsregionen in die Schweiz geflüchtet sind oder Opfer von Gewalt und Folter in ihren Heimatländern geworden sind. Die erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis, von wo die Überweisung an das Ambulatorium des Roten Kreuzes (SRK) für eine fachspezifische Behandlung erfolgt. Die meisten Patienten kommen momentan aus der Türkei (40%) und dem mittlerem Osten (27%). Aber auch aus Afrika (13%) und Osteuropa (11%) kommen viele Menschen zu uns. Es handelt sich meist um Erwachsene. Das Durchschnittsalter unserer Patienten liegt um die 36 Jahre.

Wie gross ist die Nachfrage?

Derzeit können die fünf Ambulatorien für Folter- und Kriegsopfer den Bedarf nicht decken. Die Wartelisten sind lang. Schweizweit fehlen mehrere hundert Therapieplätze. Für die Zukunft müssen wir davon ausgehen, dass die Nachfrage nach Therapieplätzen weiter steigen wird. Mario Gattiker vom Staatssekretariat für Migration sagte zu den weltweiten Flüchtlingsbewegungen, dass die Lage so dramatisch sei wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Wie wurden Ihre Patienten gefoltert?

Lange Zeit war die Folter von körperlicher Gewaltausübung geprägt. Wir kennen alle die mittelalterlichen Foltermethoden. Während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahrzehnten danach hat sich die Folter geändert. Es findet weniger körperliche Gewalt statt, die ja nach der Folter auch gut nachzuweisen ist, sondern mehr psychische Gewalt. Häufig gehen Folterer nach folgendem Muster vor: Zuerst schwächt man einen Menschen, etwa durch Nahrungs- oder Schlafentzug, ständiger Beschallung mit Musik oder erzwungener Positionen – etwa langes Stehen oder Zusammenkauern. In einem zweiten Schritt wird der gefolterte Mensch bis in die Primärbedürfnisse abhängig gemacht, zum Beispiel, dass man nicht mehr entscheiden kann, wann man auf die Toilette geht. Ist eine Person so sehr geschwächt und in einer absoluten Abhängigkeit von den Folterern, kann eine Scheintötung oder ein anderes Zufügen eines Schreckens dazu führen, dass ein Mensch innerlich bricht. Und das ist ja das wahre Ziel der Folter – in die psychische Integrität eines Menschen einzugreifen.

Welches sind die langfristigen Folgen solcher systematischer Folter?

Viele Menschen werden von den Erinnerungen an Krieg, Folter, Vergewaltigung – wovor sie geflüchtet sind – eingeholt. Es sind psychische Folgen wie Ängste, Albträume, massive Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen oder Flashbacks. Das bedeutet, dass die Erinnerungen wie ein Film vor dem inneren Auge abläuft und der ganze Schrecken wieder da ist. Es gibt Menschen, die sich in den Krieg zurückversetzt erleben, wenn ein Flugzeug über sie fliegt. Aber auch körperliche Folgen sind häufig, vor allem Schmerzen, Taubheitsgefühle, Narben oder Bewegungseinschränkungen. Somit wird der Körper zu einer andauernden Erinnerung an das Trauma. Das Opfer fühlt sich in seinem Körper nicht mehr zu Hause.

Wie gewinnen Sie das Vertrauen eines Traumatisierten?

Es ist wichtig, dass man einem traumatisierten Menschen mit Respekt begegnet. Ihm gut erklärt, warum man etwas macht und was die nächsten Schritte sind. Es geht darum, dass der traumatisierte Mensch möglichst viel Kontrolle über die Gesprächssituation hat und sich nicht ausgeliefert erlebt.

Ist es überhaupt möglich, einen derart gebrochenen Menschen durch die Therapie zu heilen?

Was geschehen ist, kann natürlich nicht rückgängig gemacht werden. Viele schwer traumatisierte Menschen leiden ein Leben lang an den Folgen. Aber man kann helfen, die Symptome wie Panikattacken, Albträume, Schlaflosigkeit oder Angst vor sozialen Kontakten zu reduzieren und manchmal sogar zu bewältigen. Es ist wichtig, dass Traumatisierte möglichst früh medizinische Hilfe von uns erhalten. Denn je länger die posttraumatische Belastungsstörung unbehandelt bleibt, desto eher werden die Beschwerden chronisch.

Wie geht man mit Folter- und Kriegstraumatisierten um, die selber anderen Menschen Leid angetan haben?

Wenn man in einem Krieg war und als Soldat gekämpft hat, wird man häufig Opfer von Gewalt. Es ist aber gleichzeitig schwierig, nicht auch schuldig zu werden. Wir unterscheiden hier zwischen Schuldgefühlen und Schuldbewusstsein. Bei der realen Schuld geht es darum, sich mit dem, was man gemacht hat, zu konfrontieren und es in das eigene Selbstbild zu integrieren. Das heisst, zu akzeptieren und sich bewusst zu machen, dass man dieses Leid zugefügt hat. Das ist oft ein sehr schmerzhafter Prozess.

Heisst das, im Extremfall könnten Sie gezwungen sein, einen Terroristen decken und heilen zu müssen?

In eine solche Situation sind wir bislang nicht gekommen. Das Schweizerische Rote Kreuz steht für die Menschenrechte ein und ist an die sieben Grundsätze der Rotkreuzbewegung, darunter die Neutralität, gebunden. Das ist der Kontext, in dem wir uns bewegen. Es ist insbesondere für Menschen, die Menschenrechtsverletzungen erlitten haben, wichtig, von uns zu wissen, dass wir für Menschenrechte stehen.

Wie wird das Angebot finanziert?

Ein grosser Teil der Kosten des Ambulatoriums SRK in Bern wird durch eine SRK-eigene Stiftung sowie zweckgebundene Einzel- oder Grossspenden finanziert. Der Bund leistet einen kleinen Beitrag an die fünf Ambulatorien in Bern, Genf, Lausanne, St. Gallen und Zürich. Wir sind mit dieser Zusammenarbeit sehr zufrieden. Wenn wir aber das Angebot ausbauen, sind wir auf noch mehr Unterstützung angewiesen.

*Oliver Schwald ist ärztlicher Leiter Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in Bern.

«Das Schlimmste waren die vergewaltigten Frauen»

Ein Patient von Oliver Schwand erzählt «20 Minuten» wie er gefoltert wurde und mit welchen Folgen er noch heute leben muss:

«Mein Name ist Achmed, ich bin Syrier. Man steckte mich ins Gefängnis, weil ich an einer Demonstration teilgenommen hatte. Ich wurde regemässig geschlagen bis ich nicht mehr laufen konnte. Man sperrte mich zusammen mit anderen Gefangenen in eine sehr enge Zelle: Wir riefen um Hilfe, weil wir fast nicht atmen konnten. Einmal erstickte ein 70 jähriger sogar in unserer Mitte. Wir wurden aufs härteste schikaniert: Jeder von uns hatte täglich nur fünf Sekunden Zeit, um auf der Toilette sein Geschäft zu erledigen.

Aber das Allerschlimmste waren die jungen Frauen, die um Hilfe riefen, wenn sie vergewaltigt wurden. Wenn wir sie hörten, schrien und hämmerten wir an die Gittertüren. Wir beleidigten die Wärter, in der Hoffnung, dass sie von den Frauen ablassen würden, um uns zu schlagen.

Als ich in die Schweiz kam, lebte ich zuerst in einem Durchgangszentrum und ersuchte um Asyl. Damals realisierte ich das erste Mal, was mir eigentlich alles passiert war. Plötzlich kamen in den unmöglichsten Situationen Bilder und Gefühle hoch aus der Zeit im Gefängnis. Die Vergangenheit wurde immer wieder zur Gegenwart. Ich hatte Albträume und wollte deswegen nicht mehr schlafen. Die Beziehung zu meiner Frau war nicht einfach, sie musste mich ständig beruhigen. Ich nahm überall Gefahren wahr und konnte nur sehr schwer anderen Menschen vertrauen.»

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