Dietfurt SG - Hunderte Mädchen mussten für Emil Bührle Zwangsarbeit verrichten
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Dietfurt SGHunderte Mädchen mussten für Emil Bührle Zwangsarbeit verrichten

Wie Recherchen des «Beobachters» zeigen, mussten in der Nachkriegszeit unzählige Mädchen für den Zürcher Industriellen Emil Bührle arbeiten.

von
Florian Osterwalder
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Emil Bührle (rechts) war ein bekennender Kunstsammler und Waffenhersteller. Er war einst der reichste Schweizer. 

Emil Bührle (rechts) war ein bekennender Kunstsammler und Waffenhersteller. Er war einst der reichste Schweizer.

imago/ZUMA/Keystone
Die Fabrik von Emil Bührle hatte ihren Standort in Dietfurt. Dort verrichteten Hunderte von Mädchen Zwangsarbeit. 

Die Fabrik von Emil Bührle hatte ihren Standort in Dietfurt. Dort verrichteten Hunderte von Mädchen Zwangsarbeit.

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Und so sah das Marienheim aus. Die Mädchen wurden hier interniert. 

Und so sah das Marienheim aus. Die Mädchen wurden hier interniert.

Ortsmuseum Bütschwil

Darum gehts

  • Hunderte Mädchen wurden in der Nachkriegszeit in die Zwangsarbeit geschickt.

  • Darunter auch etliche Mädchen aus der Stadt Zürich, die für eine Firma von Emil Bührle arbeiteten.

  • Die Entlohnung der Zwangsarbeiterinnen war völlig unverhältnismässig.

Emil Bührle war Waffenfabrikant, Kunstsammler und Multimillionär. Das meiste Geld machte er vor allem mit Waffenverkäufen an die Nazis und die Alliierten. Das Kunsthaus Zürich stellt nun rund 170 Werke des Schweizer Industriellen aus.

Nun zeigen Recherchen des «Beobachters» die dunkle Seite des Unternehmers: In der Nachkriegszeit wurden Hunderte Mädchen in einer Fabrik Bührles zu Zwangsarbeit verdonnert. Der Industrielle besass in Dietfurt SG eine Spinnerei mit Mädchenheim. Etliche Fürsorgebehörden aus der gesamten Deutschschweiz liessen dort vermeintlich schwererziehbare Mädchen einweisen. Die meisten davon noch minderjährig.

300 Zwangsarbeiterinnen

Die Arbeitsbedingungen erläutert der Historiker Thomas Huonker gegenüber dem «Beobachter» als Zwangsarbeit. Dazumal gab es in der Schweiz das sogenannte «Übereinkommen 29» über Zwangs- und Pflichtarbeit, welches vorschrieb, Zwangsarbeit zu beseitigen.

Bei der Bührle-Spinnerei wurde dies jedoch nicht berücksichtigt. Dort sollen rund 300 Zwangsarbeiterinnen untergebracht worden sein. Darunter auch etliche Mädchen aus der Stadt Zürich.

Kanton Zürich prüft Abklärungen

Doch was heisst Zwangsarbeit? Die Mädchen konnten zum Beispiel nicht kündigen. Ausserdem durften sie sich ihre Tätigkeit in der Fabrik nicht aussuchen und hatten die Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Die heute 85-jährige Elfriede Steiger erhielt dazumal für 16 Monate Arbeit in der Spinnerei 50 Franken. Historiker Huonker dazu: «Das ist vollkommen unverhältnismässig im Vergleich zur geleisteten Arbeit.»

Das Rechercheteam der Tamedia konfrontierte die Stadt Zürich mit den Vorwürfen. «Es ist davon auszugehen, dass dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte noch nicht abschliessend aufgearbeitet ist», so die Stadt. Man werde prüfen, ob die Rolle der Stadt im nun bekannt gewordenen neuen Sachverhalt «vertieft zu untersuchen wäre», sagt Lukas Wigger, Sprecher des Präsidialdepartements.

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