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HygieneHunderttausend pfeifen aufs Zähneputzen

Über 100'000 Personen in der Schweiz greifen nicht täglich zur Zahnbürste. Manchmal hilft nur noch das Ziehen von Zähnen.

von
B. Zanni/A. Schawalder
Laut der neusten Schweizer Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik BFS putzen rund 120'000 Schweizer die Zähne weniger als einmal pro Tag. Dies, obwohl ihnen die Zahnputzfee im Kindergarten einbläute, wie wichtig Zähneputzen ist.

Laut der neusten Schweizer Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik BFS putzen rund 120'000 Schweizer die Zähne weniger als einmal pro Tag. Dies, obwohl ihnen die Zahnputzfee im Kindergarten einbläute, wie wichtig Zähneputzen ist.

Keystone/Gaetan Bally

Schon im Kindergarten bläut die Zahnputzfee uns ein, dass Zähneputzen so wichtig ist wie Essen und Trinken. Trotzdem ist die Mundhygiene für manche Schweizer kein tägliches Ritual. Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik (BFS) putzen rund 120'000 Schweizer die Zähne weniger als einmal pro Tag. Darunter sind vor allem 15- bis 34-jährige Männer (3,6 Prozent) und Frauen (0,8 Prozent).

Auch Zahnärzte beobachten, dass junge Menschen die Zahnpflege teilweise vernachlässigen. «Es kommt vor, dass ich Zähne ziehen muss, weil Patienten die Zahnpflege einfach ‹tschäddere› liessen und dann erst zum Zahnarzt kommen, wenn es brennt», sagt der Berner Zahnarzt Markus Neuwirth. «Junge Leute, ganz egal wie gebildet sie sind, finden manchmal, sie hätten Besseres zu tun, als ihre Zeit mit Zähneputzen zu verschwenden.»

Weil sie ihr Geld lieber für Kleider und Ausgang sparten, gingen sie auch erst im äussersten Notfall zum Zahnarzt. Der Konsum von Alcopops, Energydrinks und Softdrinks verschärfe das Problem. «Heute wird ständig an irgendetwas genippt. Putzt man dazu nicht regelmässig die Zähne, ist das ein Fluch.»

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Patienten voller Löcher

Neuwirth beobachtet das Phänomen vor allem bei Patienten nach dem Auszug aus dem Elternhaus. «Sie fühlen sich frei und halten sich deshalb auch nicht mehr an die Zahnputzregeln, die ihnen die Eltern vorschrieben.» Ein weiterer Grund sei die Wohlstandsgesellschaft. «Weil wir es uns leisten können, Löcher schnell beim Zahnarzt reparieren zu lassen, halten einige Leute Prophylaxe für unnötig.»

Erwin K. Wüest, Informationsverantwortlicher der Sektion Gesundheit beim BFS, vermutet: «Vielleicht halten die jungen Leute das Zähneputzen für unnötig, weil sie noch nie ein Zahnproblem hatten.» Ähnlich verhalte es sich bei jungen Rauchern. «Solange sie gesund sind, interessieren sie die Folgen des Rauchens nicht.»

Der Zürcher Fachzahnarzt für Rekonstruktive Zahnmedizin Thomas Truninger behandelte schon viele junge Patienten mit «Löchern von hinten bis vorne». Bei einer Risikogruppe handle es sich um Cannabis-Konsumenten. Cannabis reduziert den Speichelfluss, wodurch der Schutzeffekt des Speichels entfällt. «Isst man vor dem Schlafen zum Beispiel noch Chips und putzt die Zähne nicht, kann in kurzer Zeit Karies entstehen.»

«Viele Süssigkeiten und nie pflegen»

Auch Adrian Lussi, Direktor der Klinik für Zahnerhaltung, Präventiv- und Kinderzahnmedizin an der Universität Bern, sagt: «Wir haben immer wieder Fälle, in denen Leute tage- oder wochenlang ihre Zähne nicht geputzt haben.» Sie sähen ihre Zähne nicht als etwas Pflegenswertes. «Viele Süssigkeiten und nie pflegen, das führt zu Problemen.» Vor allem betroffen seien Kleinkinder von Zuwanderern: «Die Kinder haben wegen Süssigkeiten und Schoggi oft ein Problem mit Karies, weil sie nie darüber aufgeklärt wurden, wie wichtig Mundhygiene ist.» Auch gebe es Erwachsene, die sich dessen bewusst seien, aber aus Bequemlichkeit die Zähne nicht putzten.

Schlechte Zahnhygiene hat Folgen. Zum Beispiel kann es Mundgeruch verursachen, da Speisereste in Zahnzwischenräumen zu verfaulen beginnen. Es verursacht aber auch Karies, was zu Löchern in den Zähnen und geschädigtem Zahnfleisch führen kann. Schliesslich ist das jedoch das Problem jedes Einzelnen: Krankenkassen übernehmen keine Zahnschäden, die man mit korrekter Hygiene vermeiden werden könnte.

Im internationalen Ranking der 15-Jährigen, die ihre Zähne mehr als einmal pro Tag putzen, steht die Schweiz jedoch an der Spitze. Dies geht aus einem Report der Weltgesundheitsorganisation aus den Jahren 2013 und 2014 hervor. Auch die Mehrheit der Bevölkerung legt viel Wert auf die Mundhygiene. 54 Prozent der Schweizer putzen zweimal täglich die Zähne. 27 Prozent greifen sogar dreimal täglich zur Zahnbürste.

Das BFS erhob die Daten zur täglichen Mundhygiene 2012. Befragt wurden Personen ab 15 Jahren.

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