Dürre am Horn von Afrika: Hungerflüchtlinge trauen sich nicht nach Hause
Aktualisiert

Dürre am Horn von AfrikaHungerflüchtlinge trauen sich nicht nach Hause

Vier Monate nachdem die UNO vor einer Hungersnot in Somalia gewarnt hat, erholt sich die Region langsam wieder. Doch viele Flüchtlinge wollen nicht zurück.

von
Jason Straziuso
AP

Wie hingetupft leuchten Flecken saftigen Grüns auf der rotbraunen Ebene. Ziegen und Kamele grasen friedlich. Dicke rote Zwiebeln gedeihen auf dem Feld, dank eines von den UNO geförderten Bewässerungsprojekts. Vier Monate, nachdem die Vereinten Nationen wegen einer Hungersnot in weiten Teilen Somalias Alarm schlugen, beginnen sich manche Gegenden allmählich von der Katastrophe mit zigtausenden Toten zu erholen. Doch viele Hungerflüchtlinge fürchten die Heimkehr.

Viele Somalier, zumeist Frauen, aus dem Flüchtlingslager in Dolo an der Grenze zu Äthiopien wollen nicht nach Hause zurück. Sie haben Angst vor den islamistischen Extremisten, die die Gegend terrorisieren, und bangen, sich und ihre Kinder dort nicht ernähren zu können.

Seit Ausrufung der Hungersnot durch die grosse Dürre am Horn von Afrika am 20. Juli hat die UNO Millionen an Hilfsgeldern eingesammelt. Es hat geregnet. Vergangene Woche konnte die UNO die Zahl der Notstandsgebiete von sechs auf drei verringern und berichten, dass die Zahl der vom Verhungern bedrohten Menschen von 750 000 auf 250 000 zurückgegangen sei. Doch das Schicksal von 13 Millionen Menschen, die mit der schlimmsten Dürre in Ostafrika seit Jahrzehnten geschlagen sind, hängt noch immer am seidenen Faden. Die Hilfslieferungen müssten fortgesetzt werden, warnen Experten, wenn die sich langsam erholenden Gegenden nicht in bittere Not zurückfallen sollten.

«Erst am Anfang einer möglichen Besserung»

«Wir stehen erst am Anfang einer Phase der möglichen Besserung, wenn alles gut geht», mahnt Luca Alinovo, der Leiter des Somalia-Büros der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO). «Wie sind sehr weit entfernt von einem Ende der Hungersnot.» Es werde wahrscheinlich noch ein Jahr dauern, bis man sicher sein könne, dass die Gefahr vorüber sei.

Die Dürre hinterliess verbrannte Erde. Ein Grossteil der Ernte war vernichtet. Ziegenherden und Kamele gingen ein. Doch nun hauchte der Regen Regionen wie Dolo, die bis vor kurzem noch als Hungergebiet galten, neues Leben ein. Jetzt tummeln sich kleine Ziegenherden bei den gelbblühenden Büschen. Am Stadtrand rupfen Kamele Grünzeug von den Sträuchern. Esel trinken aus schlammigen Pfützen.

Im Flüchtlingslager am Ortsrand füllen Einwohner an der zentralen Wasserstelle grosse Kanister. Zwischen den Rundhütten aus Ästen und Planen spielen barfüssige Kinder. Schüchtern verstecken sie sich hinter Mamas bunten Röcken, als Vertreter von Hilfsorganisationen und Journalisten Anfang der Woche das Lager besuchen. 5.000 Menschen leben hier, meist Frauen und Kinder, die aus anderen Teilen Somalias vor dem Hunger geflohen sind.

Wo gekämpft wird, wird nicht gesät

Viele der Männer seien nach Hause zurückgekehrt, um ihre Felder zu bestellen, erklärt der somalische UNO-Mitarbeiter Abdi Nur. Doch die Frauen gingen nicht mit. «Ich will nicht zurück», sträubt sich die 62-Jährige Hafida Mamud. «Da gibt es keine Sicherheit und keine Tiere. Wir wollen nirgendwohin. Hier gibt es etwas zu essen.» Andere Frauen nicken zustimmend. «Ich will hierbleiben, weil es hier sicher ist», sagt Fahim Mohammed Mahmud, die vier Kinder hat.

Die somalischen Binnenflüchtlinge «müssen sich physisch sicher fühlen und eine Existenzgrundlage haben, mit der sie über die Runden kommen können», erklärt Challis McDonough, eine Sprecherin des Welternährungsprogramms (WFP). Zweifel daran sind nicht ausgeräumt. Der Vorstoss kenianischer Streitkräfte nach Somalia kürzlich macht die Sache noch komplizierter. Ohnehin haben die radikalislamischen Al-Schabab-Milizen, die den Süden des Landes beherrschen, die Hungerkatastrophe verschlimmert und die Arbeit der Hilfsorganisationen behindert.

Der Konflikt könne dazu führen, dass trotz des Regens die Nahrungsmittelproduktion gering bleibe, befürchtet Alinovo. Selbst wenn alles glattgeht, wird diese Regenzeit nur 30 Prozent des Bedarfs decken. «Wo der Konflikt zunimmt, pflanzen die Bauern nichts an. Sie bleiben weg vom Feld. Wenn das passiert, wird es schlimmer und schlimmer.»

Musterbeispiel Bewässerungsprojekt

Wie es sein könnte, zeigt das von der FAO finanzierte Bewässerungsprojekt am Ortsrand von Dolo, das Alinovi besichtigt: Auf zehn Hektar bauten 20 Familien Zwiebeln, Tomaten und Mais an und konnten mit dem Ertrag die Hungersnot überstehen. Ein staubiger Generator am Feldrand sorgt dafür, dass Wasser aus dem Fluss durch die Bewässerungskanäle gepumpt wird. «Wir waren von der Dürre nicht betroffen. Wir hatten genug zu essen von der Farm», sagt der 20-jährige Keynan Ibrahim, der Anfang 2010 mithalf, das Gelände zu roden und urbar zu machen.

Umgerechnet etwa 6000 Euro hat die FAO in das Projekt gesteckt, für Rodungsarbeiten, Saatgut, Dünger, Werkzeug, die Wasserpumpe und den Generator. Fast 250 solcher Bewässerungsprojekte hat die FAO in Somalia insgesamt gefördert. Alinovi wünschte, er hätte Geld für noch mehr. «Sie waren sogar in der Dürrezeit in der Lage, Nahrungsmittel zu produzieren. Sie haben ihre Erzeugnisse verkauft, und sie brauchten keine Unterstützung von anderen», sagt er. «Das ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie es überall in Somalia sein sollte.»

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