Natalie Hersche im Interview: «Heiss duschen dürfen wir einmal in der Woche – immer am Montag»
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Natalie Hersche im Interview«Heiss duschen dürfen wir einmal in der Woche – immer am Montag»

Fünf Monate sitzt Natalie Hersche bereits in einem weissrussischen Gefängnis. Mit 20 Minuten sprach sie über unfaire Wärter, Solidarität in Haft und ihren Kampf für die Freiheit.

von
Daniel Graf
Nathan Keusch
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Nach 150 Tagen in Haft fand am Dienstag ein Berufungsverfahren statt. Hersche durfte nicht anwesend sein.

Nach 150 Tagen in Haft fand am Dienstag ein Berufungsverfahren statt. Hersche durfte nicht anwesend sein.

Menschenrechtsorganisation Viasna
Beim Berufungsverfahren wurde ihre 2,5-jährige Haftstrafe bestätigt. Die Bilder stammen vom ersten Gerichtstermin vom 7. Dezember.

Beim Berufungsverfahren wurde ihre 2,5-jährige Haftstrafe bestätigt. Die Bilder stammen vom ersten Gerichtstermin vom 7. Dezember.

Menschenrechtsorganisation Viasna
Natalie Hersche bei einer Demonstration in Minsk. Am 19. September wurde sie wegen «Widerstands gegen Strafverfolgungsbeamte» verhaftet. 

Natalie Hersche bei einer Demonstration in Minsk. Am 19. September wurde sie wegen «Widerstands gegen Strafverfolgungsbeamte» verhaftet.

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Darum gehts

  • Die Empörung war gross, als die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin Natalie Hersche in Minsk zu 2,5 Jahren Haft verurteilt wurde.

  • Nach einem Protestmarsch wurde sie verhaftet und soll sich laut Anklage gegen die Polizei gewehrt haben.

  • Sämtliche Interventionen der Schweiz für eine Haftentlassung waren bisher erfolglos.

  • 20 Minuten konnte über ihren Bruder mit ihr sprechen.

Im September wurde die Ostschweizerin Natalie Hersche in Weissrussland verhaftet, weil sie an einem Protestmarsch für Frauenrechte und gegen Präsident Lukaschenko teilgenommen hatte. Ihr wird vorgeworfen, sich gegen die Polizei gewehrt zu haben. Ein Gericht verurteilte sie kürzlich zu 2,5 Jahren Haft (siehe unten). Ihr Bruder, Kassyan Gennadij, hat sie am Mittwoch im Gefängnis besucht und konnte ihr die von 20 Minuten gestellten Fragen übermitteln.

Sie müssen voraussichtlich noch 2 Jahre in Minsk hinter Gittern verbringen. Wie geht es Ihnen bei dem Gedanken daran?

Bereits vor meiner Reise nach Minsk war mir bewusst, dass ich eventuell verhaftet werden könnte. Dass ich für eine solche lange Zeit im Gefängnis sein würde, dachte ich aber nicht. Als das Urteil schliesslich verkündet wurde, war ich aber darauf vorbereitet. Nun werde ich warten und kämpfen. Beim Protestmarsch würde ich wieder teilnehmen: Ich war es leid zu sehen, wie mein Volk gedemütigt und beleidigt wurde. Es verdient eine bessere Zukunft, die Teilnahme am Protestmarsch war meine Bürgerpflicht.

Wie sieht ein Tag im Gefängnis in Minsk aus?

Um 6 Uhr stehe ich auf und mache das Bett. Um 06.30 gibt es Frühstück, um 8 Uhr ist der Morgencheck: Ein Mitarbeiter betritt die Zelle und zählt durch, ob alle da sind. Um 13 Uhr gibt es Mittagessen, von 14 bis 15 Uhr dürfen wir für eine Stunde in einem engen Innenhof an die frische Luft. Um 18 Uhr ist Abendessen, um 20 Uhr ein weiterer Check, ob alle da sind, um 22 Uhr ist Lichterlöschen.

Wie sieht es in der Zelle aus, wie ist sie eingerichtet?

In einer Zelle von etwa vier auf acht Metern befinden sich zehn Gefangene. Es hat Bänke, doch darauf haben nicht alle Platz. Also müssen sich einige auf die Betten setzen. Tagsüber dürfen wir aber nicht schlafen oder auf die oberen Etagen der Betten gehen. Und die unteren Betten sind so niedrig, dass wir uns bücken müssen, wenn wir darin sitzen. Deshalb machen wir uns mit der Zeit den Rücken kaputt. Es gibt auch kein heisses Wasser in den Zellen, das Wasser, das aus dem Hahn kommt, ist so kalt, dass man kaum 10 Sekunden die Hände darunter halten kann. Heiss duschen dürfen wir einmal in der Woche, immer am Montag. Wir dürfen uns ausserdem die Haare weder schneiden noch färben.

Wie werden Sie behandelt?

Kürzlich hat mich ein Mitarbeiter beleidigt und geschubst. Ich habe ihn gebeten, sich zu entschuldigen, doch stattdessen hat er uns den Fernseher aus dem Zimmer genommen, damit meine Zellengenossen wütend auf mich werden. Von den zehn Insassen in meiner Zelle sind vier politische Gefangene. Die Frauen verstehen sehr gut, wie es mir geht, sie haben mich nicht beleidigt, weil wegen mir der Fernseher aus der Zelle entfernt wurde.

Als ich am Mittwoch verbotenerweise auf dem Bett lag, wurde ich von den Wachen gerügt. Auch mein Hinweis, dass mir schwindlig ist und ich mich schwach fühle, hat nichts gebracht. Als ich mich weigerte, im engen Innenhof spazieren zu gehen, wurde ich auch wieder beleidigt und geschubst. Daraufhin lief ich in den Korridor zur Zelle zurück und sang laut ein politisches Lied. Dafür wollte man mich in eine Strafzelle stecken.

Können Sie sich gegen unfaire Behandlungen irgendwie wehren?

Ein Hungerstreik ist meine einzige Waffe im Kampf für meine Rechte als Gefangene. Am 15. Februar trat ich in einen Hungerstreik. Sobald ich ihn angekündigt hatte, kamen die Chefs zu mir und «arbeiteten» mit mir. Ich forderte, dass ich die gesamte Korrespondenz erhalte. Viele Briefe werden einfach weggeworfen. Ausserdem ist es in dem kleinen Innenhof unmöglich, sich körperlich zu betätigen. Ich forderte, dass wir die Stunde an der frischen Luft in einem grösseren Innenhof verbringen dürfen, damit ich Übungen machen kann. Diese Anforderung wurde mittlerweile erfüllt, die anderen werden geprüft. Deshalb habe ich beschlossen, den Hungerstreik vorerst auszusetzen.

Werden Sie sich weiter zur Wehr setzen?

Ich betrachte den Fall gegen mich als vollständig gefälscht. Die gesamte Anklage basiert auf unbewiesenen Vorwürfen und Meineid. Deshalb halte ich es für meine Pflicht, alle Verstösse gegen die Regeln für die Behandlung von Gefangenen sowie die Lügen und Fälschungen, die in diesem Untersuchungsgefängnis an der Tagesordnung sind, zu bekämpfen.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung von der Schweiz?

Ich weiss nicht, wie die Schweiz mir noch besser helfen könnte. Ich bin dem Schweizer Volk für die Unterstützung sehr dankbar. Ich habe einen Brief von Frau Bundesrätin Sommaruga erhalten und möchte mich auch bei ihr für die Unterstützung bedanken. Wichtig ist mir, dass ich in keiner Weise möchte, dass die Schweiz den Diktator (Alexander Lukaschenko, Präsident von Weissrussland, Anm. d. Red.) für meine Entlassung aus dem Gefängnis bezahlt.

Laut ihrem Bruder, Kassyan Gennadij, soll Natalie bald in ein anderes Gefängnis, eine Frauenkolonie in der Stadt Gomel, gebracht werden. Dort müssten die Gefangenen Fäustlinge für die Bereitschaftspolizei nähen. «Natalie sagte mir, dass sie sich weigern wird, obwohl sie dafür in eine Strafzelle sitzen muss», so Kassyan.

So urteilte das Gericht in Minsk

Am 19. September wurde die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin Natalie Hersche in Minsk im Rahmen eines Protestmarsches für Frauenrechte und gegen die Politik von Präsident Alexander Lukaschenkos verhaftet. Ihr wird vorgeworfen, sich dagegen gewehrt und einem Polizisten die Sturmhaube zerrissen und das Gesicht zerkratzt zu haben. Hersche bestreitet die Vorwürfe. Am 7. Dezember wurde sie zu 2,5 Jahren Haft verurteilt. Im Rahmen eines Berufungsverfahrens in Abwesenheit von Hersche bestätigte ein Gericht am Dienstag, 16. Februar, die Haftstrafe.

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