400 m Hürden: Hussein hegt nicht bloss einen Medaillentraum

Aktualisiert

400 m HürdenHussein hegt nicht bloss einen Medaillentraum

Kariem Hussein läuft heute Abend im Letzigrund über 400 m Hürden um die Medaillen. Für den bevorstehenden Finallauf will er an seiner bewährten Strategie festhalten.

Kariem Hussein nimmt das Wort Medaille nicht in den Mund. Er bleibt unverbindlich: «Im Final beginnt es bei null, im Final ist alles möglich», sagte er einen Tag vor dem grossen Moment im Letzigrund. Der 25-jährige Medizinstudent lässt sich nicht in eine Ecke drängen, er weist die Favoritenrolle aber auch nicht den Konkurrenten zu. Sein Trainer Flavio Zberg verneint sogar, dass man die Gegner analysiert habe: «Das bringt nichts. Das Niveau ist ausgeglichen, wir schauen für uns.»

Die Ausgangslage erinnert an die Situation von Marcel Schelbert 1999 an den Weltmeisterschaften in Sevilla. Der Zürcher gewann damals völlig überraschend Bronze, nachdem er noch als Nummer 7 auf die Zielgerade eingebogen war. Hussein ist nun die Meldenummer 7, aber diese Zahl hat gemäss Zberg keine Aussagekraft. «Die Erholungsfähigkeit an Meisterschaften ist mitentscheidend», betont Zberg. Für den Final wird nichts Neues ausprobiert, Hussein soll seinen Weg gleich souverän weitergehen. Die Schrittzahl bleibt bei 13 Schritten bis Hürde fünf, dann nimmt er den 14er-Rhythmus auf und wechselt für die 9. und die 10. Hürde möglicherweise noch auf 15.

Flavio Zberg ist von Husseins Fähigkeiten überzeugt. «Kariem ist wie geschaffen für einen 400-m-Hürdenläufer - gross, schlank, leicht, mit den richtigen Hebeln.» Er und Hussein hätten sich in den letzten Jahren als Trainer-Athleten-Gespann weiter entwickelt und die Details im Training und Umfeld optimiert. Jetzt besitzt Hussein das Format, um in die Fussstapfen von Schelbert oder anderer Schweizer Hürdengrössen über die volle Bahnrunde zu treten. Anita Protti gewann 1990 in Split EM-Silber, der langjährige Radio-Reporter Bruno Galliker liess sich 1958 an den EM in Stockholm Bronze umhängen. Dem Schaffhauser Hansjörg Wirz, der den europäischen Leichtathletik-Verband seit 2001 präsidiert, blieb dieser Exploit verwehrt. 1969 in Athen musste er mit Rang 4 vorliebnehmen.

Der Thurgauer hegt nicht bloss einen Medaillentraum, sondern er hat auch klare Vorstellungen, was aus ihm einmal werden soll. «Ich will einmal eine eigene Praxis führen.» Bis zu diesem Ziel muss er noch einige Hürden nehmen. Die letzten mündlichen Prüfungen zum Bachelor bestand er diesen Sommer erfolgreich. Den Master in Zürich schliesst er nun in fünf statt drei Jahren ab, damit er in der Leichtathletik im Hinblick auf Rio 2016 kaum Kompromisse eingehen muss.

Die Leidenschaft für den Sport und die Medizin hat der 25-Jährige von seinem Vater mit auf den Weg bekommen. Ehab Hussein, ein ehemaliger Volleyball-Internationaler aus Ägypten, arbeitete im Spital in Münsterlingen als Osteopath, wo er auch seine Frau, eine Schweizerin, kennenlernte. Er nahm seinen Sohn oft mit an den Arbeitsplatz, und dieser war begeistert vom Wirken seines Vaters.

Im Sport träumte Kariem Hussein zunächst von einer Karriere als Fussballer. Mit 16 Jahren stand er als Zweitligaspieler beim FC Tägerwilen in dieser Sparte im Zenit. Eine langwierige Bakterien-Infektion warf ihn weit zurück, sein Topniveau als Fussballer erreichte er nicht mehr. An einer Mittelschul-Meisterschaft überquerte er im Hochsprung 2,01 m. Dies blieb auch Werner Dietrich, der auch Werner Günthör entdeckt hatte, nicht verborgen. 28 Jahre nach Gold des Kugelstössers in Stuttgart liegt nun wieder eine Thurgauer EM-Medaille in der Luft. (si)

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