Aktualisiert 10.04.2020 11:11

Zukunft der Schweiz

«Hustende werden uns noch lange Angst machen»

Der Zukunftsforscher Georges T. Roos erklärt, was von der Corona-Krise übrigbleibt und warum die Angst uns noch in den nächsten zwei Jahren begleitet.

von
Jacqueline Straub
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Georges T. Roos ist Zukunftsforscher aus Luzern: «Der Einschnitt ist so tief, dass wir uns das ganze Leben an die jetzige Zeit erinnern.»

Georges T. Roos ist Zukunftsforscher aus Luzern: «Der Einschnitt ist so tief, dass wir uns das ganze Leben an die jetzige Zeit erinnern.»

Georges T. Roos
«Es wird noch lange dauern, bis wir zur Normalität zurückkehren können. Wichtig ist, dass die Ansteckungsrate auf unter eins gedrückt wird. Also dass ein Corona-Infizierter maximal eine weitere Person ansteckt. Erst dann kann die Mehrheit der Bevölkerung wieder einigermassen normal leben», so Georges T. Roos.

«Es wird noch lange dauern, bis wir zur Normalität zurückkehren können. Wichtig ist, dass die Ansteckungsrate auf unter eins gedrückt wird. Also dass ein Corona-Infizierter maximal eine weitere Person ansteckt. Erst dann kann die Mehrheit der Bevölkerung wieder einigermassen normal leben», so Georges T. Roos.

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«Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich das Misstrauen wieder legt», sagt Roos.

«Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich das Misstrauen wieder legt», sagt Roos.

Kmatija

Georges T. Roos, Sie sind Zukunftsforscher in Luzern. Wie sieht unsere Schweiz im April 2021 aus?

Das hängt von vielen Faktoren ab, aber in einem Jahr werden wir noch immer im Zeichen von Corona stehen. Der Einschnitt ist tief, und wenn nicht eine Pandemie die nächste jagt, was wir nicht hoffen, werden wir uns das ganze Leben an diese jetzige Zeit erinnern. Die wirtschaftliche Krise wird so tief sein, dass wir das auch in einem Jahr noch nicht aufgeholt haben.

Werden wir diesen Spätsommer bereits Normalität haben?

Es wird noch lange dauern, bis wir zur Normalität zurückkehren können. Wichtig ist, dass die Ansteckungsrate auf unter eins gedrückt wird. Also dass ein Corona-Infizierter maximal eine weitere Person ansteckt. Erst dann – und wenn wir dazu noch breit testen können –, kann die Mehrheit der Bevölkerung wieder einigermassen normal leben. Aber die Normalität, die wir vor Corona hatten, wird es so schnell nicht wieder geben.

Sind Sommerferien am Strand im Ausland realistisch?

Ich freunde mich mit dem Gedanken an, dass meine Sommerferien dieses Jahr nicht im Ausland stattfinden werden.

Werden wir jemals wieder so unbeschwert leben können wie vor Corona?

Irgendwann werden wir dank Impfung oder spezifischer Eindämmung von neuen Infektionsherden wieder in der Lage sein, in gefüllte Fussballstadien zu gehen oder um die Welt zu reisen. In den nächsten ein bis zwei Jahren bleibt dies aber wahrscheinlich kritisch. Die Angst, wenn etwa einer hustet, wird uns auch noch in den nächsten zwei oder drei Jahre begleiten.

Inwiefern hat die Pandemie bereits unsere Gesellschaft verändert?

Es entstand viel kreatives Potential. Etwa kamen Secondhand-Läden oder Yoga-Lehrerinnen auf die Idee, ihre Produkte auch online anzubieten. Unsere besten Eigenschaften, nämlich Intelligenz, Kreativität und Anpassung, kommen nun zu Tage. Die Nervosität und Angst vor dem Virus bringt aber auch negative Seiten mit.

Welche denn?

Es rufen nun vermehrt Menschen bei der Polizei an, wenn sie fünf Teenager auf einem Platz stehen sehen, oder sie beschimpfen andere, wenn sie glauben, dass die Regeln verletzt werden. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich das grosse Misstrauen wieder legt.

Welche positiven Veränderungen werden nach der Pandemie bleiben?

Die Banden der Nachbarn, die sich solidarisch gezeigt haben, werden sicher bleiben. Die Krisenzeit Corona verbindet. Ebenso werden etliche Unternehmen viel dazulernen, wie sie Arbeit organisieren können. So wird Homeoffice sicher einfacher umsetzbar sein.

Wird sich auch das Schulsystem ändern?

Lehrpersonen in den oberen Schulklassen merken jetzt, dass sie bei einem Test nicht einfach nur Wissen abfragen können, denn das können die Schüler auch schnell im Homeoffice googeln, sondern dass das Verknüpfen von Wissen und die Einordnung in einen grösseren Zusammenhang entscheidend sind. So ist es ja auch im richtigen Leben: Die Prüfungen werden also wirklichkeitsnäher als früher. Das ist eine positive Entwicklung, die hoffentlich bleiben wird.

Was lernen wir aus der Krise?

Diese Krise führt uns vor Augen, dass man trotz hoher Zivilisation verwundbar ist. Wir werden gewisse Dinge, die wir als selbstverständlich ansehen, als durchaus bedrohte Dinge erkennen, die nur garantiert sind, wenn wir uns dafür einsetzen. Ich denke etwa an die Bewegungsfreiheit oder die Bürgerrechte. Überdies sehen wir jetzt schon, dass wir uns zu sehr abhängig gemacht haben von internationalen Wertschöpfungsketten, etwa in Bezug auf Medikamente. Da wird es in Zukunft ein Umdenken geben.

Werden Umgangsformen wie Händeschütteln aus Angst vor einer Ansteckung aus der Mode kommen?

Eher nicht. Aber wenn wir die Krise nicht in Griff bekommen, dann könnte das langfristig zu einer Verhaltensänderung führen. Aber die momentane Ersatzgesten deuten darauf hin, dass es ein Bedürfnis gibt, sich per Handschlag oder Umarmung zu grüssen.

Werden die Menschen nach der Krise mehr reisen oder eher daheim bleiben?

In den nächsten sechs bis zwölf Monaten wird nicht viel gereist. Sobald Corona global aber kein Thema mehr ist, wird die Reiselust langsam wieder zurückkommen. Ich glaube, dass es noch lange dauern wird, bis wieder so viele asiatische Touristen in die Schweiz kommen wie vor der Krise.

Werden in der Zukunft Lebensmittel nur noch online gekauft?

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass die Onlineshops der Grossverteiler völlig überlastet waren. Damit wurden weniger gute Erfahrungen gemacht. Ich denke, dass künftig mehr lokale Händler wie etwa der Bauer im Nachbardorf unterstützt werden.

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