Studieren von zuhause aus: Hype um umstrittenes Online-Studium
Aktualisiert

Studieren von zuhause ausHype um umstrittenes Online-Studium

Gegen volle Vorlesungssäle: In den USA wetteifern Unis mit Gratis-Online-Kursen um die Gunst von Studenten. In der Schweiz gibt es auch erste Angebote. Diese sind aber umstritten.

von
Fabian Lindegger

Für Tausende Studenten beginnt in diesen Tagen das neue Semester. Und vor allem in den ersten paar Wochen ist es gut möglich, dass sie ihre Vorlesungen in überfüllten Hörsälen besuchen müssen. Wer sich nicht in einen solchen Hörsaal zwängen will, für den gibt es an vielen Schweizer Universitäten die Möglichkeit, Aufzeichnungen der Vorlesungen herunterzuladen und den Stoff anschliessend selbst aufzuarbeiten. Die Angebote sind beliebt: 2014 wurden solche Aufzeichnungen der verschiedenen Schweizer Unis bereits über eine Million Mal angeschaut.

Einen Schritt weiter gehen sogenannte MOOC, um die es in den USA seit längerem einen regelrechten Hype gibt. Fast sämtliche Top-Unis haben entsprechende Angebote. MOOC steht für «Massive Open Online Courses». «Massive» deshalb, weil eine unbeschränkte Anzahl Personen an den Kursen teilnehmen kann. «Open», weil sie gratis sind und jedem offenstehen. MOOC werden von Universitäten produziert und von privaten Unternehmen im Internet angeboten. Während eines Semesters gibt es jede Woche drei Videos, die 50 Minuten dauern und den Stoff vermitteln. Dazu müssen jede Woche eine Reihe von Aufgaben erledigt werden und am Ende des Kurses folgt eine Prüfung.

Schweizer Unis wenig aktiv

Schweizer Unis waren bisher nur wenig aktiv was MOOC anbelangt. Eine Vorreiterrolle spielte dabei die EPFL Lausanne: Seit 2012 bietet sie solche Kurse an und hat das umfassendste Angebot aller Schweizer Unis. «Ein MOOC zu produzieren, ist mit einem grossen Aufwand verbunden», sagt EPFL-Professor Martin Vetterli, der die Vorlesung Digital Signal Processing bereits dreimal in dieser Form durchgeführt hat. «20'000 bis 40'000 Personen haben sich jeweils für den Kurs angemeldet.» Allerdings hätten jeweils nur rund 5 bis 10 Prozent der Teilnehmer den Kurs auch tatsächlich abgeschlossen. Die Leute, die den Kurs auch tatsächlich beenden, hätten oft bereits einen Uniabschluss gehabt. «Wer einfach mal teilnimmt, weil es gratis ist, macht normalerweise nicht bis zum Schluss mit», so Vetterli.

Dieter Euler, Professor am Institut für Wirtschaftspädagogik an der Universität St. Gallen, sieht MOOC kritisch: «Solche Angebote müssen für die Studierenden einen grösseren Lerneffekt haben als Lehrbücher, damit sie sich lohnen. Ein gutes Lehrbuch ist einem MOOC in der Regel aber überlegen.» Denn es sei kognitiv anspruchsvoller, einen herausfordernden Text zu verarbeiten, als jemandem zuzuhören, erklärt Euler. Generell ist Euler skeptisch was E-Learning betrifft: «Seit 20 Jahren ist immer dieselbe Entwicklung zu beobachten: Es gibt eine neue Technologie und grosse Versprechen, wie das Lernen revolutioniert werden soll. Schlussendlich verändert sich aber nur wenig, weil wirklich innovative Lernkonzepte vielen zu aufwendig sind.»

Studenten profitieren

Das MOOs und Co. bald den normalen Uni-Unterricht ablösen könnten, glaubt auch Martin Vetterli nicht. Von den Erfahrungen, die man mit den Online-Kursen gemacht hat, würden aber auch die Studenten in den Hörsälen in Lausanne profitieren: «Weil sehr viele Leute teilgenommen haben, haben wir auch viele Rückmeldungen erhalten. Diese fliessen anschliessend wieder in die Planung der regulären Vorlesung an der Uni ein.» Der Gang in die Vorlesung lohnt sich also weiterhin. Und auch ein überfüllter Lesesaal bietet etwas, was der beste Online-Kurs nicht bieten kann: Die persönliche Kommunikation mit anderen Studenten, was für den Lernerfolg oft genauso entscheidend ist.

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