Aktualisiert 12.02.2020 11:28

Tieflöhne«Ich arbeite 100 Prozent und verdiene 3400 Fr»

473'700 Personen in der Schweiz verdienen monatlich weniger als 4335 Franken. Betroffene erzählen, was das bedeutet.

von
dk

In dieser Auswahl von Berufen erhalten Angestellte einen sogenannten Tieflohn.

Ihr Lohn reicht gerade mal knapp für die Miete, Krankenkasse und den Einkauf. Die Rede ist von 473'700 Personen in der Schweiz, die monatlich weniger als 4335 Franken verdienen und somit einen sogenannten Tieflohn erhalten. Vor allem im Detailhandel, in der Gastronomie und in der Hotellerie sind solche Tieflohnstellen verbreitet.

Für Betroffene ist es hart, mit dem Budget auszukommen. Vier Betroffene erzählen, wie sie ihren Alltag meistern und worauf sie aus Kostengründen verzichten, um über die Runden zu kommen:

Marcel C.* (26): «Wie das Geld eintraf, war es auch schon wieder weg»

«Ich bin Coiffeur und verdiente in meinem alten Job zu Beginn 3800, dann 4150 Franken brutto. Der Lohn bedeutete, dass es – sobald man sich etwas gönnen wollte – sehr knapp wurde. Es reichte knapp für die Miete, Rechnungen und einen 2-Wochen-Einkauf, und dann war das Bankkonto leer. Mit einem solchen Budget war es nahezu unmöglich, sich nicht zu verschulden. Schlussendlich kam ich gegen Ende des Monats nur noch dank dem Trinkgeld über die Runden. Wie das Geld eintraf, war es aber auch schon wieder weg. Als Konsequenz verzichtete ich jahrelang auf Ferien, aufs Kino oder den Ausgang mit Kollegen. Mittlerweile habe ich aber einen Job gefunden, der besser bezahlt ist.»

L.S.* (22): «Alleine wohnen geht gar nicht»

«Den tiefsten Lohn findet man wahrscheinlich in der Kosmetikbranche: Ich arbeite 42,5 Stunden in der Woche und verdiene netto nur um die 3400.- Franken. Zwar komme ich einigermassen gut über die Runden, aber alleine wohnen geht gar nicht, da die Mieten derart hoch sind. Ferien oder sonstige Anschaffungen sind auch nur mit Sparen möglich.»

D. M.* (24): «Wir verbringen viel Zeit in der Natur»

«Ich arbeite schon seit der Lehre in der Postzustellung und verdiene auf 100 Prozent gerechnet 4250 Franken. Mit zwei Kindern und den Ausgaben für die Betreuung, die Miete, das Auto, die Krankenkasse und das Essen bleibt uns für anderes Ende Monat kaum noch was übrig – obwohl wir sehr sparsam und extrem basic leben. In die Ferien gehen wir extrem selten und wenn, dann nach Serbien in die Ferienwohnung der Schwiegereltern. Ich habe aber das Glück, dass die Kinder mit wenig zufrieden sind. Wir verbringen auch darum viel Zeit in der Natur. Für mich ist klar: Auch wenn ich mehr verdienen würde, würde ich nichts an unserem Lebensstil ändern, sondern das Geld auf die Seite legen. Für einen Besuch im Zoo etwa.»

Dietrich W.* (59): «Gemüse aus dem Garten und wenig Fleisch»

«Ich habe ein Übersetzungsbüro und musste mich als Freelancer mein Leben lang mit sehr knappem Budget über Wasser halten. Obwohl ich im Schnitt unter 4000 Franken monatlich verdiene, fühle ich mich aber nicht arm, sondern sogar privilegiert, da ich und meine Frau das Glück haben, ein eigenes Haus zu besitzen. Ohne diesen Umstand sähe es ziemlich düster aus, denn auch so müssen wir sorgfältig mit dem Geld umgehen. Wir besitzen etwa kein Privatauto und legen im Haus immer selber Hand an, um die Kosten für Handwerker zu sparen. Selber kochen, das Gemüse aus dem Garten und wenig Fleisch sind auch Mittel, um das Budget tief zu halten. Die Prämienverbilligungen und Stipendien für unsere zwei Kinder haben zudem enorm geholfen.»

I. L.* (20): «Ich würde einen Lohn um 4800 Franken als fair empfinden»

Vor zwei Jahren habe ich meine KV-Ausbildung in einem grossen Reisebürokonzern erfolgreich abgeschlossen und fand dann in einem kleineren Reisebüro eine Stelle. Momentan verdiene ich brutto 4250 Franken pro Monat. Da wir im Geschäft nur zu zweit sind, trage ich eine grosse Verantwortung und bin für mehrere Wochen pro Jahr allein für das Geschäft zuständig. Darum würde ich einen Lohn um 4800 Franken als fair empfinden, aber angeblich ist es in der Branche «üblich», einen tiefen Lohn zu erhalten.

Mit meinem Geld gehe ich sehr sparsam um, weil ich neben der Wohnungsmiete und der Krankenkasse das Fahrzeug und weitere Rechnungen finanzieren muss. In die Ferien gehe ich trotz meiner Tätigkeit im Reisebüro praktisch nie. Jedoch konnte ich im April ein Schnäppchen ergattern und war eine Woche auf den Kanaren. Trotzdem musste ich rund fünf Monate lang sparen, bis ich genügend Geld dafür hatte.»

*Name der Redaktion bekannt

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.