Schlepper-Opfer: «Ich arbeitete von 9 bis Mitternacht, ohne Pause»
Aktualisiert

Schlepper-Opfer«Ich arbeitete von 9 bis Mitternacht, ohne Pause»

Statt der Freiheit erwartet junge Flüchtlinge in Italien oft ein Leben in Sklaverei. Lovet aus Nigeria, Ana aus Rumänien und Amir aus Ägypten erzählen von ihrem Schicksal.

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Die Geschichte von Ahmed (13) bewegt Italien: Der Bub kam ganz allein von Ägypten nach Europa, um einen Arzt für seinen Bruder Farid (7) zu suchen. Das Wagnis hat sich gelohnt: Ein Spital in Florenz hat sich bereit erklärt, Farid kostenlos zu behandeln.

Die Geschichte von Ahmed (13) bewegt Italien: Der Bub kam ganz allein von Ägypten nach Europa, um einen Arzt für seinen Bruder Farid (7) zu suchen. Das Wagnis hat sich gelohnt: Ein Spital in Florenz hat sich bereit erklärt, Farid kostenlos zu behandeln.

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Dass die Reisen minderjähriger Flüchtlingskinder nach Italien nicht immer so glücklich enden, zeigt ein Bericht der Organisation Save the Children von Ende Juli 2016. Dieser beleuchtet die brutalen Taktiken der Menschenhändler, um Kinder aus Afrika und dem Nahen Osten nach Italien zu locken.

Dass die Reisen minderjähriger Flüchtlingskinder nach Italien nicht immer so glücklich enden, zeigt ein Bericht der Organisation Save the Children von Ende Juli 2016. Dieser beleuchtet die brutalen Taktiken der Menschenhändler, um Kinder aus Afrika und dem Nahen Osten nach Italien zu locken.

Save the Children
Einmal angekommen, werden Flüchtlingsmädchen gezwungen, sich zu prostituieren, um die immensen Schulden für die Überfahrt abzuzahlen.

Einmal angekommen, werden Flüchtlingsmädchen gezwungen, sich zu prostituieren, um die immensen Schulden für die Überfahrt abzuzahlen.

Save the Children

In Italien werden viele minderjährige Flüchtlinge von Menschenhändlern ausgebeutet. Die Organisation Save the Children hat mit einigen Opfern gesprochen. Ihre Geschichten sind aufwühlend und erschütternd.

Lovet (17) aus Benin City, Nigeria

«Ich wohnte bei meiner Grossmutter. Als sie starb, zog ich zu meinem Vater. Das Zusammenleben mit meiner neuen Familie war nicht glücklich, weil mich meine Stiefmutter schlug, wovon ich Narben am ganzen Körper davontrug. Darum entschied ich mich, nach Europa zu reisen, auch um meiner Mutter zu helfen, die finanzielle Probleme hatte.

Eine Freundin setzte mich in Verbindung mit Mamma G., die versprach, dass ein Mann namens V. meine Reise nach Italien bezahlen würde. Die Fahrt würde höchstens zwei Wochen dauern. In Italien könnte ich dann arbeiten, um meine Schulden abzuzahlen. Was sie nicht sagte, ist, dass ich mich dafür prostituieren müsste. Beim Dorfpriester besiegelten wir unseren Deal mit einem Voodoo-Ritual. Ich verpflichtete mich, 30'000 Euro zurückzuzahlen. Andernfalls würde ich sterben.

Am 24. Januar 2015 reiste ich mit meiner Freundin und noch einem Mädchen ab. Nach einer Woche kamen wir in Libyen an. Dort wurden wir von Soldaten vergewaltigt. Erst nach drei Monaten reisten wir nach Palermo weiter, wo schon jemand auf mich wartete. Ich wollte mich aber nicht an die Abmachung halten.

Ich schloss mich einem Schutzprogramm an. Seither wohne ich in einem Fluchthaus und bekomme psychologische Unterstützung. Jetzt habe ich Angst, weil V.s Schwester ein Foto von mir hat.»

Ana aus Constanta, Rumänien

«Mein Vater starb, als ich acht Jahre alt war. Ich habe vier Brüder. Einer von ihnen ist an Magenkrebs erkrankt. Um Geld für seine Operation zu verdienen, entschied ich mich, auswandern.

Via Facebook kontaktierte ich eine ehemalige Nachbarin, die jetzt in Italien lebt. Sie sagte, ich könne als Tellerwäscherin arbeiten. Die Hälfte meines Lohns würde sie als Gegenleistung für die Unterkunft behalten. Als ich ankam, erzählte sie mir, dass ihr Lebenspartner ein gewalttätiger Mann sei. Sie sagte, ich solle duschen, denn wir würden zusammen auf die Strasse gehen, um als Prostituierte zu arbeiten.

Ihr Partner nahm mir meinen ganzen Verdienst weg. Auch meinen Ausweis behielt er. Oft schlug und vergewaltigte er mich. Die Bilder davon veröffentlichte er auf Facebook. Eines Abends rannte ich davon und kontaktierte die Polizei. Jetzt wohne ich in einer Auffangeinrichtung, um mich von den körperlichen und seelischen Schäden zu erholen.»

Amir (17), Ägypten

«Ich floh von zu Hause, weil mein Vater mich misshandelte. Ich reiste nach Alexandria und stieg dort mit 30 anderen Menschen in ein kleines Boot, das uns auf ein grösseres Schiff bringen sollte. Weil aber die Polizei die Schlepperbande fasste, irrten wir zwei Tage im Meer herum, bis wir eine Insel erreichten. Von dort schickten sie uns nach Ägypten zurück. Ich versuchte es nochmal.

Beim zweiten Mal reiste ich in einem Boot, das so voll war, dass es zu kentern drohte. Wir fuhren eine Woche lang – ohne Wasser, ohne Essen. Als wir Brindisi erreichten, rannte ich davon und rief meinen Onkel in Turin an. Er nahm mich bei sich auf, dafür musste ich in seiner Pizzeria arbeiten. Aber mein Onkel war schlimmer als mein Vater. Er beleidigte und schlug mich. Ich arbeitete von 9 Uhr morgens bis Mitternacht, ohne Pause. Nachdem er mir drei Monate keinen Lohn bezahlt hatte, sagte er mir, dass er den Laden verkauft habe. So war ich wieder in Schwierigkeiten.»

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