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Doktor Sex«Ich befürchte, mit dem Penis zu denken!»

Bisher wollte Nino sein erstes Mal mit einer Frau haben, die er liebt. Doch nun beginnt er, an seinem Vorsatz zu zweifeln – und auch an sich.

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Manche Männer scheinen fast ausschlieslich von ihrem Trieb gesteuert zu sein. (Szene aus «The Nines», Newmarket)

Manche Männer scheinen fast ausschlieslich von ihrem Trieb gesteuert zu sein. (Szene aus «The Nines», Newmarket)

Frage von Nino (21) an Doktor Sex: Ich bin immer noch Jungfrau und habe keine Beziehung in Aussicht. Dies macht mir ziemlich zu schaffen. Bisher war mein eiserner Vorsatz, das erste Mal mit einer Frau zu haben, die ich liebe und die auch mich liebt. Vielleicht klingt das altmodisch, aber das sind halt meine Prinzipien. Doch je länger ich schon so lebe, desto mehr denke ich, dass ich bei einer Gelegenheit zu einem One-Night-Stand nicht nein sagen würde. Einfach weil ich gern endlich intim werden möchte.

Bis jetzt ist diese Gelegenheit noch nicht gekommen, doch ich fürchte mich davor, dass bald eine Situation eintreten könnte, in der ich eine Entscheidung werde treffen müssen. Ich bin sicher, dass ich mir Vorwürfe machen würde, falls ich die erstbeste Gelegenheit für Sex wahrnehmen sollte. Ich hätte dann das Gefühl, nur mit meinem Penis gedacht zu haben. Viele sagen, das erste Mal werde überbewertet. Dies ist leicht und schnell gesagt – umso mehr noch, wenn man es schon längst hinter sich hat. Was denkst du: Soll ich warten oder meiner Lust nachgeben?

Antwort von Doktor Sex

Lieber Nino

Ich hüte mich davor, die eine oder andere Richtung zu favorisieren oder dir gar die Entscheidung abzunehmen. In den nachfolgenden Kommentaren der Leserinnen und Leser wirst du aber wohl Statements finden, die diesbezüglich an Klarheit nichts zu wünschen übrig lassen. Was ich tun kann, ist, dir ein paar Hintergründe zugänglich zu machen – in der Hoffnung, dir damit eine entspanntere und differenziertere Auseinandersetzung mit dem Thema zu ermöglichen.

Wer die Frage nach dem Stellenwert des ersten Mals stellt, fragt unweigerlich auch nach dem Stellenwert der Sexualität im kulturellen Kontext, in dem er lebt. Unsere westliche Kultur wurde in den letzten 2000 Jahren weitgehend vom Christentum geprägt, weshalb in ihr auch dessen körper- und sexualfeindliche Haltung vorhanden ist. Im Prozess der fortschreitenden Christianisierung wurde der Körper mehr und mehr «verteufelt» und den Menschen die Selbstbestimmung darüber entzogen. Dadurch verloren sie auch die Fähigkeit, dessen Bedürfnisse wahrzunehmen, wertzuschätzen und damit angemessen umzugehen.

Zwar wurde mit der «sexuellen Revolution» in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts Bemühungen in Gang gesetzt, das Recht auf den eigenen Körper wieder zurückzuerobern. Wie sich aber bald zeigte, war es nicht möglich, 2000 Jahre kulturelle Prägung durch eine Generation komplett zu verändern. Dies zeigt auch ein aktuelles Präventionsprogramm zum Schutz von Kindern vor sexuellen Übergriffen und Gewalt. Darin steht der Satz «Mein Körper gehört mir und ich darf nein sagen». So selbstverständlich wie die Botschaft tönt, so wenig wird ihr Inhalt in der Gesellschaft umgesetzt. Wäre dies anders, wäre wohl auch dein Umgang mit dem ersten Mal etwas entspannter und dein sowie das Leiden anderer junger Menschen kleiner. Man könnte dann nämlich mit Freude über den eigenen Körper bestimmen – und nicht nur nein, sondern eben auch JA sagen zu dem, woran man Spass hat.

Du siehst: Dein Denken und damit die Art, wie du dich mit dem Thema auseinandersetzt, sind stark geprägt von lebensweltlichen und kulturellen Hintergründen. Wisse aber: Du darfst ohne schlechtes Gewissen entscheiden und in deinem Leben das tun, was sich für dich richtig anfühlt. Auch wenn du dadurch alte, aber möglicherweise nicht mehr ganz zeitgemässe Konventionen brichst.

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