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Infektiologe zu Bundesrats-Massnahmen«Ich befürchte noch einmal viele Ansteckungen am Wochenende»

Der Tessiner Infektiologe Christian Garzoni hätte sich sofortige Corona-Massnahmen gewünscht. Weil die Massnahmen erst ab Dienstag gälten, bestehe die Gefahr, dass sich am Wochenende noch einmal viele ansteckten.

von
Daniel Graf
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Der Bundesrat hat am Freitag neue Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus erlassen. Restaurants müssen schweizweit ab Dienstag schliessen.

Der Bundesrat hat am Freitag neue Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus erlassen. Restaurants müssen schweizweit ab Dienstag schliessen.

imago images/Walter Bibikow
Ob die Skigebiete offen bleiben dürfen, entscheiden die Kantone.

Ob die Skigebiete offen bleiben dürfen, entscheiden die Kantone.

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Der Tessiner Infektiologe Christian Garzoni hält das für gefährlich.

Der Tessiner Infektiologe Christian Garzoni hält das für gefährlich.

Darum gehts

  • Ab kommendem Dienstag gelten in der ganzen Schweiz verschärfte Massnahmen im Kampf gegen Corona.

  • Der Tessiner Infektiologe begrüsst die Schliessung von Gastrobetrieben, Freizeit- und Sporteinrichtungen.

  • Er hätte es aber lieber gesehen, wenn die Massnahmen schneller in Kraft getreten wären.

  • Auch für Weihnachten befürchtet er noch einmal viele Neuinfektionen.

Herr Garzoni*, reicht die Schliessung der Restaurants und Freizeitbetriebe aus?

Ob die Massnahmen reichen werden, ist schwierig zu sagen. Studien aus anderen Ländern und auch die Erfahrungen aus der Romandie zeigen, dass die Schliessung von Gastrobetrieben hilft, weil Bars und Restaurants häufige Ansteckungsquellen sind. Die Schliessung der Gastrobetriebe ist sicher zu begrüssen, ebenso die Bekräftigung, dass diese Betriebe finanziell unterstützt werden. In den Läden ist die Gefahr geringer, weil der Kontakt da meistens nur kurz ist. Wichtig ist dort, dass die Leute sich beim Betreten die Hände desinfizieren, damit das Virus nicht auf Oberflächen haften bleibt.

Die Massnahmen gelten erst ab Dienstag. Ist das zu spät?

Aus epidemiologischer Sicht ist klar: je früher, desto besser. Von einem Tag auf den anderen zu schliessen, wäre für Restaurants aber auch schwierig gewesen, so wären zum Beispiel viele Lebensmittel verdorben. Die Politik muss hier Kompromisse machen.

Besteht die Gefahr, dass jetzt am Wochenende viele noch auf die Skipiste, ins Kino, in die Beiz oder ins Fitnesscenter gehen?

Diese Gefahr besteht. Es ist hier ähnlich wie bei der Schliessung der Läden am Sonntag: Ich hätte das nicht gemacht, denn so gehen einfach alle, die unter der Woche arbeiten, am Samstag einkaufen, wodurch es zu Menschenansammlungen und vielen Kontakten kommt. Es ist gut möglich, dass es am kommenden Wochenende noch einmal zu vielen Ansteckungen kommt, weil viele es noch geniessen wollen, bevor am Dienstag vieles zugeht.

Ob die Skigebiete weiter offen bleiben dürfen, entscheiden die Kantone. Macht das Sinn?

Die epidemiologische Situation ist in der Schweiz gerade extrem kritisch. Dass der Bund den Kantonen diesen Entscheid überlässt, ist sicherlich ein politischer Entscheid. Ich finde das aber heikel. Wenn der Bund die Skigebiete schon nicht von sich aus schliesst, hätte er wenigstens klare Richtlinien vorgeben sollen, beispielsweise, dass die Skigebiete schliessen müssen, wenn der R-Wert in einem Kanton über 1 liegt oder die Spitäler in einer Notlage sind. Dass jeder Kanton selber entscheiden kann, ist gefährlich.

An Weihnachten dürfen sich weiterhin zehn Personen treffen, auch die 2-Haushalte-Regel bleibt nur eine Empfehlung. Befürchten Sie viele Ansteckungen an Weihnachten?

Ja, das ist leider fast sicher. Die unklaren Regeln werden zu einem starken Anstieg der Infektionen nach Weihnachten führen. Die richtige Message wäre gewesen, dass nur der engste Familienkreis gemeinsam feiern darf. Jeder, der aus einem anderen Haushalt dazukommt, bringt weitere Risiken. Der Bund hätte klarer kommunizieren und strikte Regeln festlegen müssen. Man muss jetzt klar sagen: Es wäre traurig, wenn jemand wegen eines Abendessens an Covid-19 sterben würde. Die Bevölkerung sollte das wissen. Diese Weihnachten werden anders werden, und wir sollten versuchen, die positiven Seiten daran zu sehen: die Familie im kleinen Kreis zu geniessen und Shopping- oder Abendessmarathons zu vermeiden.

Braucht es weitere Massnahmen, wenn die Zahlen in den nächsten sieben Tag nicht sinken?

Das ist schwierig zu sagen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass die Zahlen weiter steigen werden, davon geht auch die Taskforce aus, die klar strengere Massnahmen gefordert hat. Was aber schon betont werden muss: Es war das erste Mal in dieser zweiten Welle, dass der Bundesrat klar an die Bevölkerung appelliert hat: «Bleiben Sie zu Hause!» Das zeigt, dass das Land sich wirklich in einer Notlage befindet.

Der Bundesrat will am 30. Dezember eine Zwischenbilanz ziehen. Kann er so lange warten, auch wenn die Zahlen hoch bleiben?

Ich halte es für unrealistisch, dass der Bundesrat bis dahin einfach zusieht. Er wird die Situation sicher täglich beurteilen und sich vor Weihnachten noch einmal an die Bevölkerung wenden. Wenn es nötig sein sollte, kann er auch vor Weihnachten noch einmal schärfere Massnahmen beschliessen.

*Christian Garzoni ist Infektiologe und Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Pandemiebewältigung.

Diese Massnahmen gelten ab Dienstag

Auf Druck einiger Deutschschweizer Kantone und weil die Corona-Zahlen nach wie vor hoch sind, hat der Bundesrat am Freitag weitere Massnahmen beschlossen. Die wichtigsten Punkte:

• Gastronomiebetriebe werden geschlossen. Für die Festtage gibt es keine Ausnahmen.

• Sportbetriebe, Kultur- und Freizeiteinrichtungen werden geschlossen.

• Kapazitäten in Läden werden weiter beschränkt.

• Der Bundesrat empfiehlt: Bleiben Sie zu Hause!

Eine detaillierte Auflistung aller neuen Massnahmen gibt es hier.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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