SP-Nationalrat Gross: «Ich befürworte die Sterbehilfe für Kinder»
Aktualisiert

SP-Nationalrat Gross«Ich befürworte die Sterbehilfe für Kinder»

Belgiens Parlament erlaubt die Sterbehilfe für Kinder. Die Idee findet auch in der Schweiz Unterstützer – doch es gibt auch Widerstand.

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Christoph Bernet/Marco Lüssi
Sterbehilfe-Kit in Belgien: Das Land erlaubt die Suizidhilfe für todkranke Kinder. Für SP-Nationalrat Andreas Gross ein «Schritt in die richtige Richtung».

Sterbehilfe-Kit in Belgien: Das Land erlaubt die Suizidhilfe für todkranke Kinder. Für SP-Nationalrat Andreas Gross ein «Schritt in die richtige Richtung».

Belgien betritt beim Thema Sterbehilfe Neuland. Das Parlament hat beschlossen, die Sterbehilfe für Kinder zu erlauben. Dafür müssen aber verschiedene Bedingungen erfüllt sein: Gegen die Schmerzen des Betroffenen darf es keine lindernden Mittel geben, die Kinder müssen «Urteilsfähigkeit» besitzen und als «unheilbar krank» diagnostiziert worden sein und obendrein muss die Zustimmung der Eltern vorliegen. Ausserdem müssen die Ärzte sicher sein, dass der Patient nicht mehr lange zu leben hat.

Die Ausweitung der Sterbehilfe in Belgien stösst in der Schweiz auf Zuspruch. Für SP-Nationalrat Andreas Gross ist der belgische Entscheid ein Schritt in die richtige Richtung. Natürlich sei die Suizidbegleitung bei Kindern ein schwieriges Thema: «Kinder sind nicht unbedingt in der Lage, zu beurteilen, was der Tod bedeutet.» Das belgische Gesetz sehe aber strenge Voraussetzungen vor. Ein Psychiater müsse bestätigen, dass sich das Kind der Tragweite des Entscheids bewusst sei.

«Kinder haben bei uns nicht viel zu sagen»

«Ich befürworte die Sterbehilfe für Minderjährige auch in der Schweiz – unter den Bedingungen, wie sie in Belgien vorgesehen sind», sagt Gross. Unheilbar kranke Kinder sollten über einen Freitod entscheiden dürfen. Die Sterbehilfe für todkranke Kinder sei schliesslich «ein Kann und kein Muss».

Eine Lösung, wie sie das belgische Parlament verabschiedet hat, würde Gross auch in der Schweiz begrüssen. Im Moment sehe er allerdings keine Mehrheit für das Anliegen. Vielleicht finde in einigen Jahren, wenn in Belgien erste Erfahrungen gesammelt worden seien, ein Umdenken statt.

Belgien könne wie Holland auf eine jahrzehntelange Tradition der Sterbehilfe für Erwachsene zurückblicken. Die Schweiz sei seit einigen Jahren in Fragen der Sterbehilfe für Erwachsene zwar auch liberal eingestellt. Im Bereich der Kinderrechte sei das Land im internationalen Vergleich aber rückständig: «Kinder haben bei uns nicht viel zu sagen.» Erwachsene hätten den Anspruch, besser zu wissen, was für Kinder richtig sei, als diese selber. Diese Haltung werde noch auf viele Jahre hinaus eine Lösung verhindern, die in Betracht ziehe, dass Kinder manche Dinge selber entscheiden können.

Dignitas und Exit sehen keinen Handlungsbedarf

Dignitas-Generalsekretär Ludwig A. Minelli sagt, er wolle den Entscheid eines ausländischen Parlaments nicht kommentieren. Auch er sieht für die Schweiz keinen Handlungsbedarf: Seines Wissen sei noch nie ein Minderjähriger bzw. dessen Angehörige mit einem Suizidwunsch an Dignitas herangetreten.

Ein anderes Thema ist laut Minelli die Früheuthanasie: «Es gibt Babys, die ohne Haut geboren werden. Sie überleben nicht lange, aber vor ihrem Tod leiden sie extrem.» In der Regel erspare man ihnen dieses Leiden: «Das ist heute gesetzlich nicht geregelt, das regelt die Medizin gemeinsam mit den Eltern.»

Generell tritt Minelli für eine «ergebnisoffene Suizidberatung» ein. Nur so lasse sich die Zahl der Suizidversuche reduzieren, die meistens scheitern und bei den Betroffenen oft schwere gesundheitliche Schäden auslösen. Mehr noch: «Wenn Menschen mit Suizidgedanken darüber mit jemandem reden können, ohne befürchten zu müssen, dass sie dafür weggesperrt werden, lassen sich meistens Lösungen in Richtung Leben finden.»

«Schweiz ist ähnlich liberal wie Belgien»

Wenn auch Jugendliche Zugang zu solchen Suizidberatungen hätten, liesse sich auch in dieser Altersgruppe die Zahl der Suizidversuche reduzieren, ist Minelli überzeugt. Dazu aber dürfe man den Suizid als menschliche Verhaltensweise nicht grundsätzlich ablehnen.

Bernhard Sutter, Vizepräsident der Sterbehilfeorganisation Exit, ist nicht überrascht vom Entscheid des belgischen Parlaments: «Eine grosse Mehrheit der Belgier steht der Sterbehilfe für Minderjährige positiv gegenüber.» Er schätzt die Chancen in der Schweiz höher ein als SP-Mann Gross und vermutet, dass Sterbehilfe für Jugendliche auch hier eine Mehrheit finden könnte: «In dieser Frage denken die Schweizer ähnlich liberal, auch wenn die Zustimmung deutlich tiefer sein dürfte, wenn es um Kinder geht.»

«Begreift ein Jugendlicher, dass er nie mehr aufwachen wird?»

Zudem wirft das Gesetz für Sutter offene Fragen auf: «Wie stellt man fest, ob ein Kind urteilsfähig ist? Begreift ein Jugendlicher wirklich, dass er nie wieder aufwachen wird, wenn er Sterbehilfe beansprucht?» Schon bei älteren, lebenserfahrenen Menschen nehme man den Entscheid zur Sterbehilfe nicht auf die leichte Schulter, so Sutter. «Dies ist natürlich noch viel weniger der Fall, wenn es um das Sterben von Kindern geht.»

SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni sagt: «Gerade weil es um Kinder geht, kann ich diesen Entscheid nicht verstehen und lehne ihn ab.» Ein siebenjähriges Kind sei gar nicht in der Lage, zu verstehen, was Sterbehilfe bedeute, geschweige denn so einen schweren Schritt zu entscheiden

«Menschliches Leben ist ein Geschenk»

Sie wolle sich nicht als Moralapostel aufspielen: «Jeder muss selber wissen, was er tut, und dafür die Verantwortung tragen.» Aber Sterbehilfe für Kinder sei für sie ein absolutes Tabu. In der westlichen Welt sei man offensichtlich soweit, immer mehr Einfluss auf den natürlichen Lauf des Lebens zu nehmen.

Dabei sei das menschliche Leben ein Geschenk. «Wollen wir wirklich einfach abschneiden am Anfang und am Ende des Lebens, was uns gerade nicht passt?», sagt Flückiger in Anspielung auf Abtreibungen und Sterbehilfe.

Es gehöre zu den Aufgaben des Menschen, einem leidenden Angehörigen beizustehen und ihn mit aller Kraft zu unterstützen. «Als gläubiger Mensch gehört der Tod, wie er auf natürliche Weise eintritt, zum Leben.» Sie lehne es ab, ihn künstlich herbeizuführen.

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