Wegen ChatGPT: Uni-Professor lässt fast ganze Klasse durchfallen

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ChatGPT«Ich benote keinen KI-Bullshit» – Uni-Professor lässt fast ganze Klasse durchfallen

Ein Professor weigerte sich, die schriftlichen Arbeiten von Studenten zu korrigieren. Der Grund dafür: Die Texte seien von künstlicher Intelligenz geschrieben worden, wie seine Überprüfung mit ChatGPT ergab. 

Riccardo Castellano
von
Riccardo Castellano

Schummeln Studenten und Schüler mit ChatGPT? Wir haben nachgefragt. 

Video: Thomas Sennhauser / 20M

Darum gehts

  • Ein Professor der Universität Texas lässt seine Klasse nach der Abschlussfeier durchfallen.

  • Grund dafür ist, dass sie bei einer schriftlichen Arbeit ChatGPT gebraucht haben sollen.

  • Der Dozent testete dies in ChatGPT selbst und fragte die KI, ob die Texte generiert wurden.

  • Über die Hälfte der Klasse war von diesem Test betroffen.

  • Bis sich die Situation klärt, müssen die Studenten um ihr Diplom bangen.

Es ist der Albtraum jedes Studenten: Alle Arbeiten sind abgegeben, die Abschlussfeier ist bereits vorbei. Dann die Meldung, dass das Diplom nicht ausgestellt werden könne, da Ungereimtheiten bei einer schriftlichen Arbeit festgestellt wurden. Dieses Szenario erlebten die Studenten der Texas A&M University in der Stadt Commerce. 

Die Studenten schrieben eine Arbeit im Bereich Agrarwissenschaften, die online abgegeben wurde. Der Professor schrieb einen Tag nach der Abschlussfeier allen aus der Klasse ein E-Mail. Dort verkündete er, dass über die Hälfte die Arbeit aufgrund der Nutzung von künstlicher Intelligenz nicht bestanden habe. Das E-Mail wurde von einem anonymen Beteiligten auf der Online-Plattform Reddit veröffentlicht.

Wie der Professor seinen Studierenden auf die Schliche kam, war mehr als ungewöhnlich: «Ich habe eure Arbeiten in ChatGPT kopiert und gefragt, ob es diese erstellt hat. Wenn die KI dies bestätigte, bekamt ihr null Punkte», ergänzte der Professor in seinem E-Mail. Er bot den Studenten an, die Arbeit zu wiederholen. Bei einem erneuten Fall würde er sich ans Institut für wissenschaftliche Integrität wenden und dafür sorgen, dass die Studenten komplett von der Uni fliegen.

Kein «KI-Bullshit» erlaubt

Das E-Mail sorgte im Internet für grossen Gesprächsstoff. Zumal unter Experten klar ist, dass ChatGPT nicht geeignet für eine solche Evaluation ist. Die Entwickler von OpenAI betonen immer wieder, dass der Chatbot «halluzinieren» kann, also Fakten verdreht und falsch interpretiert. Somit ist die KI keine ideale Lösung zur Identifizierung von nicht von Menschen produzierten Texten. 

Die Situation löste bei den Studenten einen Aufschrei aus. Sie versuchten, dem Professor per E-Mail zu erklären, dass sie ihre Arbeiten selbst geschrieben haben, so der Reddit-Nutzer. Doch vergeblich, denn der Dozent ignorierte alle E-Mails und gab seine Antwort nur in der Bewertungs-Software der Universität preis: «Ich benote keinen KI-Bullshit», soll er im Portal kommentiert haben. 

Disziplinarverfahren auch an Schweizer Fachhochschule

Die ZHAW findet den Gebrauch von künstlicher Intelligenz grundsätzlich nicht problematisch: «Die ZHAW erachtet ein generelles Verbot von generativen KI-Systemen als nicht zielführend», schreibt sie 20 Minuten auf Anfrage. Der Umgang mit ChatGPT bei einem Leistungsnachweis werde individuell durch die Studiengangsleitung und den Dozierenden festgelegt. Trotzdem gelte auch hier die Deklarationspflicht.

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Auch ein Student der Uni Bern verwendete ChatGPT im Rahmen eines Leistungsnachweises.

Auch ein Student der Uni Bern verwendete ChatGPT im Rahmen eines Leistungsnachweises.

20min/Simon Glauser
Er flog auf und erhielt daraufhin einen Verweis im Sinne einer Rüge.

Er flog auf und erhielt daraufhin einen Verweis im Sinne einer Rüge.

20min/David Ramseyer
Die Studentinnen und Studenten des Instituts hatten zuvor eine E-Mail erhalten, gemäss der die Verwendung von KI-Tools untersagt ist.

Die Studentinnen und Studenten des Instituts hatten zuvor eine E-Mail erhalten, gemäss der die Verwendung von KI-Tools untersagt ist.

20min/Simon Glauser

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Hochschule Luzern. «Auch beim Einsatz von generativer KI gelten die wesentlichen Grundsätze wissenschaftlicher Integrität», so Simon Müller, Projektleiter Kommunikation. Dazu gehöre eine Aufklärung, wie und wofür Chatbots wie ChatGPT verwendet werden dürften. Bei Verdachtsfällen werde zuerst das Gespräch gesucht.

An der ZHAW ist ein Fall bereits eskaliert: Ein Verdacht bezüglich unerlaubter Verwendung von ChatGPT führte bereits zu einem Disziplinarverfahren. Was mit diesem Studenten oder dieser Studentin geschieht, ist noch offen, wie die Fachhochschule schreibt. 

Erste Entlastung für Fall in Texas

Mittlerweile soll der Professor in Texas aber zumindest einen Studierenden entlastet haben, der aufgrund des Verlaufs in Google Docs nachweisen konnte, dass er sein Werk selbst verfasst hat. Zwei weitere hätten jedoch zugegeben, ChatGPT für andere Arbeiten gebraucht zu haben, «was die Situation wohl nochmals verkompliziert», schrieb der Beteiligte auf Reddit. 

Die Universität erklärte gegenüber Insider.com: «Die Verantwortlichen der Universität untersuchen den Vorfall und entwickeln Richtlinien, um den Einsatz oder Missbrauch von KI-Technologie im Klassenzimmer anzugehen.» Der Professor würde den Fall individuell mit den Studenten regeln und noch sei niemand definitiv durchgefallen.  

Hast du für die Arbeit oder Uni/Schule schon Chatbots verwendet?

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