19.10.2019 12:17

Leser-Geschichten«Ich bereue es, meine Lehre gemacht zu haben»

Schlechter Betrieb, mieser Lohn, kaum Entwicklungsmöglichkeiten: Nicht alle freuen sich über die Ausbildung, die sie gewählt haben.

von
rkn
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Viele Leser bereuen die Ausbildung, die sie gewählt haben. So schreibt Buchhändlerin Lara etwa: «Ich wünschte, ich hätte mich anders entschieden.» (Symboldbild)

Viele Leser bereuen die Ausbildung, die sie gewählt haben. So schreibt Buchhändlerin Lara etwa: «Ich wünschte, ich hätte mich anders entschieden.» (Symboldbild)

iStock/Lordrunar
Auch wegen schlechter Weiterbildungsoptionen und fehlender 100-Prozent-Stellen bereuen viele Leser die gewählte Lehre.

Auch wegen schlechter Weiterbildungsoptionen und fehlender 100-Prozent-Stellen bereuen viele Leser die gewählte Lehre.

iStock/Djedzura
Ein Leser schreibt, seine Lehre bringe ihm im Studium gar nichts – doch er habe das erst beim Studienbeginn bemerkt.

Ein Leser schreibt, seine Lehre bringe ihm im Studium gar nichts – doch er habe das erst beim Studienbeginn bemerkt.

Keystone/Christian Beutler

Die meisten Schweizer Jugendlichen sind mit der Wahl ihrer Ausbildung zufrieden. Doch manche bereuen es, eine bestimmte Lehre gewählt zu haben – anderen gefällt der Lehrbetrieb nicht.

Leser erzählen, warum sie im Nachhinein doch nicht zufrieden sind. Personalexperte Matthias Mölleney von der Hochschule für Wirtschaft Zürich gibt seine Einschätzung:

«Meine Vorkenntnisse bringen im Studium keine Vorteile»

F. (27), Elektroinstallateur: «Für mein jetziges Studium als Elektroingenieur hätte ich besser Elektroniker oder Automatiker gelernt. Mit meinen Vorkenntnissen als Elektroinstallateur habe ich leider keinerlei Vorteile. Manchmal vermisse ich trotzdem das Arbeiten mit den Händen. Nach einer Weile vergeht einem aber der Spass auf der Baustelle. Die primitive und vulgäre Ausdrucks- und Umgangsweise, mit der man täglich konfrontiert ist, ist einfach nicht lange auszuhalten.»

Mölleney: «Es kann vorkommen, dass man erst beim Studienbeginn merkt, dass die Lehre gar nicht die richtige war. Anders ist es nur, wenn man von Anfang an eine klares Ziel für das Studium hat und sich mit einer vorhergehenden Lehre bestens darauf vorbereiten möchte. Aber die wenigsten Menschen haben so einen langfristigen, strategischen Karriereplan – und das ist auch gut so.»

«Ich wünschte, ich hätte mich anders entschieden»

Lara (25), Buchhändlerin: «In der zweiten Woche meiner Ausbildung ging ich mit einer Mitarbeiterin Mittag essen. Da fragte sie mich, warum ich diese Ausbildung überhaupt mache, da die Buchbranche langsam den Bach runtergehe. Trotzdem habe ich die dreijährige Lehre abgeschlossen. Jetzt bereue ich das und wünschte, ich hätte mich anders entschieden. Fünf Jahre nach der Lehre ist es für mich schwierig, in eine neue Branche einzusteigen.»

Mölleney: «Wenn man schon in der zweiten Woche merkt, dass man die ‹falsche› Lehre ausgewählt hat, ist es noch nicht zu spät, um zu wechseln. Wenn die Lehre aber schon länger läuft, ergibt es mehr Sinn, sie abzuschliessen und danach zu schauen, auf welchem Weg man weiterkommt.»

«Werde nur als billige Arbeitskraft genutzt»

James (20), Automobil-Mechatroniker: «Da ich anders aussehe, werde ich anders behandelt – ich werde nur als billige Arbeitskraft genutzt. Von einer Ausbildung kann man da nicht sprechen.»

Mölleney: «Ich würde empfehlen, das Gespräch mit den Verantwortlichen für die Ausbildung zu suchen. Vielleicht stimmt es, dass das ‹andere Aussehen› zu der schlechteren Behandlung führt, vielleicht gibt es aber auch andere Gründe für diese Wahrnehmung. Je früher das Gespräch stattfindet, desto besser sind die Chancen, dass man da noch etwas verändern kann.»

«Lehrpläne werden nicht eingehalten»

Bruno (18), Automobil-Mechatroniker: «Die Lehrpläne werden nicht eingehalten und die Arbeit ist ohne Schutzmassnahmen sehr gefährlich. Wegen des hohen Zeitdrucks haben wir sehr viel Stress, und der körperliche Verschleiss ist enorm.»

Mölleney: «Hier gilt die gleiche Empfehlung: unbedingt das Gespräch mit den Verantwortlichen für die Ausbildung suchen.»

«Pro Stunde zahlen Kunden 100 Franken, ich bekomme 5»

Tobias (18), Informatiker: «Das Lernen gilt nur als Vorwand, um immer wieder die gleichen Aufgaben zu lösen. Und das bei einem Stundenlohn von rund 5.20 Franken – dabei gilt bei Arbeiten für Kunden ein abartiger Stundensatz von teils über 100 Franken.»

Mölleney: «Dass der Betrieb Geld verdient, man selber aber kaum, damit muss man sich vermutlich abfinden. Vielleicht hilft der Austausch mit anderen Lernenden in anderen Betrieben oder Branchen, um sich einen Überblick zu verschaffen, wo die Situation etwas besser ist. Dann kann man nach der Lehre versuchen, das Unternehmen oder vielleicht sogar die Branche zu wechseln.»

«Finde keine 100-Prozent-Stelle»

M. (21), Detailhandelsfachfrau: «Nach der Lehre finde ich keine Stelle im Detailhandel mit einem Arbeitspensum von 100 Prozent. Heutzutage ist das wirklich schwierig.»

Mölleney: «Das Problem ist bekannt. Aber es gibt viel Fluktuation im Detailhandel und von daher auch gute Chancen, dass es doch irgendwann klappt mit der 100-prozentigen Anstellung. Man kann ja auch mit einem etwas reduzierten Pensum anfangen und von vornherein darauf hinweisen, dass man gern aufstocken würde, sobald sich dafür eine Chance ergibt.»

«Berufsfeld, Weiterbildung und Löhne sind schlecht»

Hans (25), Konstrukteur: «Ich würde die Lehre als Konstrukteur niemals wieder machen. Das Berufsfeld und die Weiterbildungsmöglichkeiten sind schlecht. Auch die Löhne sind im Vergleich zu den KV-lern im Banken- und Versicherungsgeschäft deutlich beschränkt – auch die Informatiker haben die Nase vorn.»

Mölleney: «Eine intensivere Information im Vorfeld wäre da sicher hilfreich gewesen. Andererseits ändern sich die Umstände auch ständig: Während früher eine KV-Lehre schon eine gute Voraussetzung war für eine gut bezahlte Stelle nach der Lehre, sind heute viele typische KV-Stellen durch Automatisierung und Digitalisierung stärker bedroht als damals.»

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