Aktualisiert 16.04.2018 11:23

Slang«Ich bi voll broke»

«Lan», «zäppemer eini» und «brainy» – solche Wörter sind in der Shisha-Bar oder auf dem Pausenplatz allgegenwärtig. So mancher Erwachsener kommt nicht mehr mit.

von
qll/wsa/daw
1 / 54
Der Langenscheidt-Verlag sucht Vorschläge für das Wörterbuch «100% Jugendsprache». 20 Minuten zeigt, wie heute auf der Strasse gesprochen wird.

Der Langenscheidt-Verlag sucht Vorschläge für das Wörterbuch «100% Jugendsprache». 20 Minuten zeigt, wie heute auf der Strasse gesprochen wird.

iStock
kein Anbieter
kein Anbieter

Für das Wörterbuch «100% Jugendsprache 2019», das die gängigsten Jugendwörter auflistet , können bis Montag per Facebook Vorschläge eingereicht werden. Bisher seien schon einige Hundert Vorschläge eingegangen, sagt Verena Vogt, Jugendsprache-Beauftragte beim Langenscheidt-Verlag.

Die meisten Vorschläge kämen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für das neue Buch seien recht häufig «uff» (=Ausdruck des Erstaunens), «brainy» (=schlau) und «Lauch» (=Schwächling) vorgeschlagen worden. Auch unsere Leser haben zahlreiche Beispiele geliefert, die ihrer Meinung nach in das Wörterbuch gehören.

Nedin (17, links im Bild) und Marko (18) aus Dulliken SO:

Marko: «Mit Freunden spreche ich zu 90 Prozent in unserem Slang. Ich habe einen grossen Freundeskreis, in den viele Nationalitäten integriert sind. Jeder bringt Wörter aus seiner Kultur ins Spiel. Ich bin zwar kein Raucher, aber ein beliebter Satz bei meinen Freunden ist: ‹Oglum lan, zäppemer eini?› Das heisst: ‹Mann, rauchen wir eine Zigarette?›» Sein Kumpel Nedin nennt ein weiteres Beispiel: «Ich begrüsse meine Freunde immer mit ‹slle lan›. Das heisst so viel wie ‹Hallo, wie geht es dir?›» Wenn sie in der Schule merkten, dass ein Lehrer gut drauf und ein wenig jünger sei, sprächen sie eine «Light-Version» der Jugendsprache. «Das finden die Lehrer dann okay, weil sie selber noch jung sind.»

Beide können das Register wechseln:«Mit meinem Chef oder mit anderen Autoritätspersonen kann ich sofort umschalten und mit einer ein wenig hochgestochenen Wortwahl sprechen. Ich arbeite in der Verkaufsbranche und habe täglich mit Menschen zu tun. Da ist eine andere Wortwahl angebracht», sagt Nedin.

Deniz (17) aus Weisslingen ZH:

Deniz: «Ich benutze unter Freunden immer dieselben Wörter wie ‹minchia› oder ‹Alter›. ‹Minchia› heisst auf Italienisch ‹Penis›. Wenn ich meine Freunde begrüsse, sage ich immer ‹Ey Bratan›, das heisst ‹hallo Bruder›.»

Fabienne (25) aus Reinach BL:

«Mit meinen Freunden spreche ich etwas härter, vielleicht auch ein bisschen asozial. Wir überlegen uns gar nicht, was wir sagen. Alles kommt automatisch. Ausdrücke wie ‹ich bi voll broke› (= ich bin richtig pleite) sind Standard, genauso wie ‹Baschtard› oder ‹Hueresohn›. Meist sind diese Begriffe aber nicht böse gemeint. Und wieso sollten wir uns zusammenreissen, wenn wir untereinander sind und alle so sprechen? Ich vermute, dass wir uns unbewusst der Gesellschaft anpassen, also beispielsweise Wörter von Rappern übernehmen, die gerade angesagt sind. Und in der heutigen Zeit ist es ja auch nichts Schlimmes.

Im Job muss ich aber umswitchen. Ich arbeite in einer Parfümerie und verkaufe Luxus. So wähle ich meine Worte sorgfältiger. Statt beispielsweise zu sagen ‹Das Parfüm isch voll porno›, sage ich: ‹Dieser Duft unterstreicht Ihre Persönlichkeit›.»

Nathalie (29) aus Bern:

Ältere Leser verstehen nur noch Bahnhof. «Ich fahre täglich mit dem ÖV, man bekommt dort einiges mit. Leider kann ich mir diese Wörter nie merken, da ich sie nicht kenne. Ich meine: Ich bin erst 29 und verstehe das Gelaber schon nicht mehr», sagt Nathalie. Sie nehme an, dass auch ihre Generation Wörter verwendet habe, die Ältere nicht verstanden haben.

Ein lustiges Gespräch sei ihr geblieben: «Im Tram sassen ein Mädchen und zwei Jungs zusammen. Ich vermute, dass es Freunde waren. Einer der Jungen sprach das Mädchen immer mit ‹Alti› oder ‹Bitch› an. Irgendwann sagte der andere Junge ‹Hey, hesch ächt s Gfühl, Froue wei so agsproche wärde? Schliifts, Alte?! Du muesch chli meh Vater si. Da stöh sie druf!› Das war herrlich! Irgendwie fand ich es süss, dass er das Mädchen verteidigt hat, gleichzeitig aber seinen Kollegen ‹Alte› nannte. Der Junge hat dann auch ausgedeutscht, wie er das mit dem Vater meint. Seine Erklärung: ‹Dein Vater redet ja auch nicht so mit deiner Mutter.›»

Für die Sprachexpertin Verena Vogt sind solche Dialoge normal: «Jugendliche wollen sich abgrenzen. Das gehört zur Pubertät. Klar, dass sie das auch sprachlich versuchen. Sie suchen sich Wörter, die die Erwachsenen nicht verstehen.» Wenn die Wörter bekannter würden – sei es durch die Verbreitung durch das Internet oder über den Schulhof –, würden auch ältere Semester die Bedeutung mitbekommen und anfangen, die Wörter selbst zu benutzen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.