Aktualisiert 22.01.2020 09:06

Heftige Kopfschmerzen

«Ich bin 18 und habe einen Hirntumor»

Arnaud kämpft bereits das zweite Mal gegen einen Hirntumor. Trotz Bestrahlung büffelt er für die Matura.

von
Jacqueline Straub
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Monatelang hatte Arnaud schlimme Kopfschmerzen und Augenprobleme. Beim ersten Termin bei der Neurologin sagte man ihm, dass es sich vermutlich um eine Dauermigräne handelt.

Monatelang hatte Arnaud schlimme Kopfschmerzen und Augenprobleme. Beim ersten Termin bei der Neurologin sagte man ihm, dass es sich vermutlich um eine Dauermigräne handelt.

«Die Neurologin sagte, ich hätte einen Hirntumor. 40 Millimeter lang und 24 Millimeter breit. Dieser sei gutartig, müsse aber operativ entfernt werden», so Arnaud.

«Die Neurologin sagte, ich hätte einen Hirntumor. 40 Millimeter lang und 24 Millimeter breit. Dieser sei gutartig, müsse aber operativ entfernt werden», so Arnaud.

Die Schulglocke läutet. Schüler laufen über das Schulgelände des Gymnasiums am Münsterplatz in Basel. Es wird gelacht, geredet und das Handy gezückt. Viele fahren zum Mittagessen nach Hause. Arnaud hat keine Zeit dafür. Der 18-Jährige muss ins Universitätsspital. Denn der grosse schlanke Mann hat einen Hirntumor. Während eineinhalb Monaten muss dieser fünfmal die Woche jeden Nachmittag bestrahlt werden.

«Das nervt schon sehr», sagt er. Seine Augen sind klein, er gähnt oft. «Die Müdigkeit ist eine der Nebenwirkungen. Ausserdem habe ich wenig Appetit, mir ist übel und die Bindehaut ist gereizt.» Alles sei besser, als eine solche Bestrahlung über sich ergehen lassen zu müssen.

«Ich hatte monatelang Kopfschmerzen»

Auf dem Weg ins Spital erinnert sich der Gymnasiast an die Zeit, bevor der Tumor im Dezember 2018 entdeckt wurde. «Ich hatte monatelang Kopfschmerzen, die jeden Tag schlimmer wurden.» Kurz darauf wurden seine Augen schlechter. «In der Schule hatte ich grosse Probleme einen Text zu lesen.» Sein Hausarzt verschrieb Arnaud Medikamente gegen die Kopfschmerzen. Diese schlugen nicht an. Beim ersten Termin bei der Neurologin sagte man ihm, dass es sich vermutlich um eine Dauermigräne handelt. «Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Doch ich habe diesen Gedanken verdrängt.»

Ein weiterer Untersuch brachte Gewissheit. Nach der sogenannten Magnetresonanztomographie, einem MRI, erhielt Arnaud einen Anruf. Die Neurologin bat ihn und seine Mutter, vorbeizukommen. «Sie sagte, ich hätte einen Hirntumor. 40 Millimeter lang und 24 Millimeter breit. Dieser sei gutartig, müsse aber operativ entfernt werden.» Er leidet an einem Makroadenom der Hypophyse. Das ist ein gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse.

Er sei schockiert gewesen, habe kein einziges Wort hervorgebracht. «Es schossen so viele Gedanken durch meinen Kopf: Werde ich die Matura abschliessen können? Kann ich mein Pharmaziestudium starten?»

Arnauds Tumor war 4 Zentimeter lang und 2,4 Zentimeter breit.

Beim Abendessen erzählte er seinem Vater und den Geschwistern vom Tumor in seinem Kopf. «Plötzlich waren alle still.» Es folgten aufmunternde Worte: «Das kommt schon gut.» Seine Kollegen sagten: «Joa, schon eine Scheisse.»

«Wenigstens mussten sie meinen Schädel nicht aufschneiden»

Januar 2019. Während Arnauds Klassenkameraden in den Skiferien waren, entfernten Ärzte den Tumor durch seine Nase. «Wenigstens mussten sie dafür nicht meinen Schädel aufschneiden», sagt Arnaud. Doch nach der OP die Ernüchterung: Ein Teil des Tumors konnte nicht entfernt werden, da er hinter der Hauptschlagader lag. Dennoch waren die Ärzte zuversichtlich, dass der Tumor nicht wachsen würde. Arnaud schöpfte Hoffnung. Doch einige Monate später kehrten die Kopfschmerzen zurück. Die Hoffnung hatte sich nicht bewahrheitet.

Arnaud betritt das Universitätsspital. Bereits das dritte Mal diese Woche. Im Wartezimmer der Radio-Onkologie ist er mit Abstand der jüngste Patient. Neonlicht und abgewetztes Mobiliar. «Hier ist einzig das Aquarium cool.» Eine junge Frau führt ihn in den Bestrahlungsraum. Es läuft leise Musik. Im Vorraum hängen Geburtstagskarten und selbstgemalte Bilder an der Wand. Routiniert legt er sich auf die Liege. Sein Kopf wird mit einer Maske fixiert. Diese braucht es, um den genauen Standort des Tumors im Kopf zu lokalisieren und zu bestrahlen.

Ziel der Bestrahlung ist es, den Tumor «einzufrieren», sodass dieser nicht weiterwächst. Würde der Tumor nicht behandelt, könnte Arnaud blind werden, an Lähmungserscheinungen leiden und durch den erhöhten Hirndruck ins Koma fallen. Im Gegensatz zu einer Chemotherapie fallen den Patienten bei der Bestrahlung keine Haare aus.

In den nächsten zehn Minuten hört der Maturand nur das Summen und Rattern der Bestrahlungsmaschine. Er wird nichts spüren. «Ich sehe nun alles etwas verschwommen. Das geht zum Glück in etwa 30 Minuten wieder vorbei.» Seine Wangen glühen rot. «Ich strahle nun», witzelt er.

«Aufgeben ist keine Option»

Nach der Bestrahlung wird sich Arnaud zu Hause hinlegen, schlafen oder für die bevorstehenden Prüfungen lernen. Seine Noten sind trotz Hirntumor stabil geblieben, seine Maturaarbeit hat er unter schlimmsten Kopfschmerzen geschrieben. «Ich werde die Matura bestehen und studieren. Aufgeben ist keine Option für mich», sagt Arnaud. Er vermisse den Alltag, die Energie: «Ich würde gern mehr in den Ausgang gehen, mehr essen können und fitter sein», sagt er.

Nach der Bestrahlung trifft sich Arnaud mit dem Oberarzt. Die Bestrahlung schlage gut an, meint er. Die schlimmen Kopfschmerzen würden vermutlich dauerhaft verschwinden und der zu 90 Prozent gutartige Tumor werde keine Probleme mehr machen. Doch der Tumor werde immer ein Teil in Arnauds Leben bleiben. Das bedeutet regelmässige Kontrolluntersuchungen und Medikamenteneinnahme.

Arnaud beklagt sich nicht. Hauptsache er wird wieder der Alte. «Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass ich gesund werde. Deswegen mache ich mir auch keine Gedanken über den Tod», sagt er. «Aber das Timing des Tumors – das ist wirklich richtig scheisse.»

600 Kinder und Jugendliche erkrankt

Zwischen 2009 und 2018 sind 508 Kinder im Alter von 0 bis 14 Jahren und 124 Jugendliche im Alter von 15 bis 20 Jahren an einem Hirntumor oder einem Tumor des Rückenmarks erkrankt. Die 5-Jahres-Überlebensrate bei Kindern zwischen 0 und 14, die zwischen 1999 und 2018 erkrankten, lag bei 74%.

Quelle: Swiss Childhood Cancer Registry, Annual Report 2017-2018

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