Fiala nach Plagiat: «Ich bin beschämt»
Aktualisiert

Fiala nach Plagiat«Ich bin beschämt»

Die ETH hat Doris Fiala den Mastertitel entzogen. Doch die FDP-Nationalrätin gibt sich nicht geschlagen: Sie will in den Sommerferien eine neue Arbeit verfassen.

von
Désirée Pomper

Frau Fiala, die ETH hat Ihnen den Mastertitel entzogen, weil Ihre Arbeit Plagiate enthält. Wie geht es Ihnen?

Doris Fiala: Glauben Sie mir, es ist wirklich hart für mich. Ich bin beschämt und emotional berührt. Es tut mir wahnsinnig leid, was passiert ist. Ich könnte mir die Haare raufen, dass ich so ein Lappi war und die Zitierregeln nicht genügend befolgt habe. Aber das Wichtigste für mich ist, dass die ETH ausgeschlossen hat, dass ich betrügen wollte und ich nicht vorsätzlich gehandelt habe.

Haben Sie Verständnis für den Entscheid der ETH?

Es nützt nichts, über diese Frage zu grübeln. Es ist jetzt einfach so und ich mache das Beste daraus. Man muss einfach seine Trägheit überwinden und wieder in die Hosen steigen. Ich bin ja noch nicht 95.

Sie haben bereits angekündigt, eine neue Masterarbeit zu schreiben. Warum tun Sie sich das an?

Die ganze Schweiz schaut auf mich. Ich will zeigen, dass ich einen Fehler wieder gutmachen will. Ausserdem habe ich, nachdem ich drei Kinder grossgezogen habe, meine Laufbahn Schritt für Schritt aufgebaut. Das lasse ich mir nicht kaputt machen. Ich habe so viel Zeit und Geld – rund 65'000 Franken – in diesen Master gesteckt. Man soll sehen, dass ich nicht aufgebe, sondern weiterkämpfe. Ich bleibe nicht auf dem Misserfolg sitzen.

Über welches Thema werden Sie Ihre neue Arbeit verfassen?

Ich habe tatsächlich bereits ein neues Thema für eine weitere Masterarbeit im Kopf. Es wird sich wieder um ein Sicherheitsthema handeln. Es muss aber zuerst noch von der ETH abgesegnet werden, deshalb möchte ich es noch nicht kommunizieren. Ausnahmsweise haben mein Mann und ich diesen Sommer keine Ferien geplant. Das heisst, dass ich mich bereits ab nächster Woche wieder in die Fachliteratur knien werde.

Werden Sie diesmal vorsichtiger mit den Fussnoten umgehen?

Das ist ja wohl klar. Ich habe meine Lektion gelernt. Ausserdem werde ich meine Arbeit eigenhändig durch ein Plagiatserkennungsprogramm lassen, bevor ich sie abgebe. So ein Fehler passiert mir nicht noch mal.

Werden Sie Ihre neue Masterarbeit wieder auf Ihre Homepage stellen?

Zuerst muss ich sie geschrieben haben, dann muss sie geprüft werden. Dann sehen wir weiter.

Denken Sie, dass Sie den Mastertitel beim zweiten Versuch bekommen werden?

Ich mache alles, beim zweiten Anlauf zu genügen. Ich weiss ja jetzt, was ich nicht mehr machen darf.

Die ETH hat angekündigt, die Regeln für die wissenschaftliche Praxis besser zu verankern.

Das ist dringend notwendig. Von anderen Universitäten und Fachschulen habe ich erfahren, dass dort sogar Semesterarbeiten einem Plagiats-Check unterzogen werden.

Ist Ihre Glaubwürdigkeit als Nationalrätin durch den Titelentzug beeinträchtigt?

Ich glaube nicht, dass mir die Geschichte schaden wird. Die ETH sagt ja explizit, dass ich weder betrogen noch geschummelt habe. Mir ist dieser Fehler passiert und ich lebe jetzt damit. Ich glaube, die meisten Leute denken, dass ich damit schon genug gestraft bin. Berufliche oder politische Konsequenzen muss ich deswegen nicht ziehen.

Warum sind Ihnen die Zitierfehler überhaupt unterlaufen?

Zu Beginn des Studiums bekam ich ein 12-seitiges englisches Handbuch. Doch ich war so vom Studium, dem Zeitmanagement, von Armee- und Sicherheitsfragen absorbiert, dass ich es nur kurz durchblätterte und ihm keine grosse Beachtung schenkte. Ich hatte in diesem Moment andere Sorgen als Fussnoten. Hinzu kommt: Ich habe keinen akademischen Hintergrund. Die Masterarbeit war meine erste wissenschaftliche Arbeit überhaupt. Deshalb hatte ich keine Erfahrungen mit dem Zitieren. Zum Studiengang wurde ich von der ETH auf Grund meiner Vorbildung, meiner Berufserfahrung und meiner Arbeit im National- und Europarat zugelassen. Der ETH war einfach zu wenig bewusst, dass besonders eine exponierte Person wie ich, die zudem noch nie wissenschaftlich gearbeitet hat, besser begleitet und kontrolliert werden müsste.

Ihre Masterarbeit wurde einem Plagiatscheck unterzogen, nachdem Ihre Ambitionen fürs Zürcher Stadtpräsidium publik wurden. Wissen Sie inzwischen, wer dahintersteckt?

Ich bin überzeugt, dass es sich um einen gezielten politischen Angriff gehandelt hat. Es ist unglaublich, mit welch harten Bandagen heutzutage gekämpft wird. Die Frage, wer dahinter stecken könnte, hat mich zuerst zermürbt. Doch ein guter Freund gab mir den Rat, mich davon zu befreien, und hat Goethe zitiert: «Was klagst du über Feinde? Sollten solche je werden Freunde, denen das Wesen, wie du bist, im Stillen ein ewiger Vorwurf ist». Ich blicke jetzt nach vorne und werde mich nicht weiter hintersinnen. Es ist, wie es ist.

Hatte die Affäre auch eine gute Seite?

Ich habe unzählige Zuschriften bekommen, auch von Professoren und Ärzten, denen es leid tut, dass ich unter die Räder gekommen bin. Sie schrieben mir, dass sich viele Akademiker fürchten müssten, wenn man ihre Arbeiten heute mit einem Plagiatsprogramm scannen würde. Alles in allem: Noch nie habe ich so grossen Zuspruch aus der Bevölkerung erhalten. Dafür bin ich sehr dankbar.

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