Antibiotika-Opfer: «Ich bin dankbar für jeden Tag ohne Schmerzen»
Aktualisiert

Antibiotika-Opfer«Ich bin dankbar für jeden Tag ohne Schmerzen»

Der Solothurner M. H. hat 2013 ein Antibiotikum aus der Gruppe der Fluorchinolone eingenommen. Seither leidet er an heftigen Nebenwirkungen.

von
F. Riebeling
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Nach der Einnahme eines Antibiotikums vor drei Jahren ist im Leben von M. H. aus dem Kanton Solothurn nichts mehr, wie es war.

Nach der Einnahme eines Antibiotikums vor drei Jahren ist im Leben von M. H. aus dem Kanton Solothurn nichts mehr, wie es war.

zvg
Plötzlich litt er unter Sehnen- und Gelenkschmerzen, willkürlichen Muskelkontraktionen, Muskelschwäche, Albträumen und Angstattacken. Zudem verstärkte sich sein Tinnitus.

Plötzlich litt er unter Sehnen- und Gelenkschmerzen, willkürlichen Muskelkontraktionen, Muskelschwäche, Albträumen und Angstattacken. Zudem verstärkte sich sein Tinnitus.

iStock/Chesiirecat
Schnell hatte er einen Verdacht, was die Symptome ausgelöst haben könnte: das Antibiotikum Ciprofloxacin, das er kurz zuvor wegen einer vermuteten Gallenblasenentzündung während fünf Tagen eingenommen hatte, «jeweils zwei Tabletten pro Tag à 500 Milligramm», so M.H.

Schnell hatte er einen Verdacht, was die Symptome ausgelöst haben könnte: das Antibiotikum Ciprofloxacin, das er kurz zuvor wegen einer vermuteten Gallenblasenentzündung während fünf Tagen eingenommen hatte, «jeweils zwei Tabletten pro Tag à 500 Milligramm», so M.H.

Wikimedia Commons/Myself/CC BY 2.5

Die ersten Lebensmonate seines dritten Sohnes, der vor rund drei Jahren geboren wurde, konnte M. H.* aus dem Kanton Solothurn nur bedingt geniessen, denn kurz nach dem freudigen Ereignis begann sein Körper zu rebellieren.

«Plötzlich litt ich an immer schlimmer werdenden Sehnen- und Gelenkschmerzen, dazu kamen willkürliche Muskelkontraktionen sowie eine generelle Muskelschwäche und enorm starke Schmerzen neurologischen Ursprungs», erinnert sich der Förster an die auffälligsten Symptome.

Daran, sein Baby in den Arm zu nehmen, sei nicht mehr zu denken gewesen. «Zudem bekam ich schlimme Albträume, litt unter Angstattacken und mein Tinnitus verstärkte sich.» Eine grosse Belastung für seine Familie.

Keine Unterstützung vom Hausarzt

Schnell hatte er einen Verdacht, was die Symptome ausgelöst haben könnte: das Antibiotikum Ciprofloxacin (siehe Box), das zur Gruppe der Fluorchinolone gehört und das er Tage zuvor wegen einer vermuteten Gallenblasenentzündung während fünf Tagen eingenommen hatte, «jeweils zwei Tabletten pro Tag à 500 Milligramm».

H. suchte nach seinen Gesundheitsproblemen im Beipackzettel – und wurde fündig. Trotzdem wiegelte sein Hausarzt ab: «Er deutete an, ich sei psychisch überlastet. Bei drei Kindern und einem Vollzeitjob sei das kein Wunder», so H., der sich Ähnliches noch häufiger von Ärzten anhören musste. «Danach schickte er mich wieder nach Hause.»

Keine Besserung in Sicht

In seiner Verzweiflung konsultierte er einen weiteren Arzt, der ihn ernst nahm, weil er schon andere Patienten betreut hatte, die nach der Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika mit verschiedenen Nebenwirkungen kämpften. Wie sein Patient betrachtet auch dieser den Kausalzusammenhang als gegeben.

Trotz guter Betreuung besserte sich der Gesundheitszustand des Patienten nicht – die Symptome wurden sogar schlimmer. Zwischenzeitlich konnte H. nicht einmal mehr normal gehen. Auch gut drei Jahre nach der Antibiotika-Einnahme ist der 38-Jährige weit davon entfernt, gesund zu sein. Regelmässig plagen ihn heftige Schübe und seine Gelenke werden merklich instabiler.

«Für jeden Tag ohne Schmerzen bin ich dankbar», sagt er. Die Hoffnung auf Heilung hat er aufgegeben: «Die Symptome werden mich wohl für immer begleiten.»

Gallenblasenentzündung war gar keine

Dass ihm sein alter Hausarzt bei der Verschreibung von Ciprofloxacin nicht auf die Möglichkeit einer dauerhaften Schädigung hingewiesen hat, empfindet er als schlimmes Versäumnis, genauso wie den Umstand, dass auch in den Packungsbeilagen nicht explizit darauf hingewiesen wird.

«Hätte ich das gewusst, hätte ich mich geweigert, es zu nehmen, und auf ein weniger aggressives Mittel bestanden.» Zumal sich später herausstellte, dass es sich bei der vermeintlichen Gallenblasenentzündung offenbar nur um eine schwere Verstopfung gehandelt hatte.

Hohe Dunkelziffer vermutet

Offiziell gibt es in der Schweiz 1400 Betroffene. So viele Fälle sind zumindest bei Swissmedic gemeldet. Doch laut H. könnten es noch viel mehr sein, «da die schwerwiegenden Schädigungen oft erst Monate nach der Einnahme richtig spürbar werden und dadurch oftmals nicht mehr mit der Medikation assoziiert werden».

Zusammen mit anderen Betroffenen setzt er sich nun dafür ein, dass die von den Antibiotika ausgehenden Gefahren bekannter werden: «Ich möchte andere Patienten warnen und vor ähnlichen Erfahrungen bewahren.» Er wünscht sich, dass Mediziner sensibilisiert werden und Fluorchinolone künftig nur noch im absoluten Notfall verschrieben werden.

*Name der Redaktion bekannt

Ciprofloxacin & Co.

Das Antibiotikum ist – genauso wie andere Präparate aus der Gruppe der Fluorchinolone – für seine breite Wirkung, aber auch für seine vielzähligen und erheblichen Nebenwirkungen bekannt, darunter:

- Sehnenentzündungen und -risse

- Gelenk-, Muskel- und Hautschmerzen

- Taubheitserscheinungen

- Herzrhythmusstörungen

- Leberschäden

- Halluzinationen

- Verwirrung

- Angststörungen

- epileptische Anfälle

- heftige Durchfälle

- Depressionen

- Suizidgedanken

Deshalb sollten sie eigentlich nur als Reserve eingesetzt werden, wenn andere Antibiotika versagen. Doch häufig werden sie auch bei Harnwegsinfektionen verschrieben, die sich auch gut mit anderen Mitteln behandeln liessen. Und das, wie viele Langzeitbetroffene wie M. H. monieren, ohne die Patienten über die möglichen Nebenwirkungen zu informieren.

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