Schriller Nachtclub-Star: «Ich bin ein Fashion-Clown und keine Transe»
Aktualisiert

Schriller Nachtclub-Star«Ich bin ein Fashion-Clown und keine Transe»

Er trägt Glitzer-Make-up, eine XXL-Irokesen-Perücke und tanzt Samba auf 17 cm hohen Highheels. Neto Clown über die Nachtclubszene, Homosexualität und Sixpack-Implantate.

von
Yolanda Di Mambro

Neto, du bist kürzlich mit Amanda Lepore, der berühmtesten Transsexuellen der Welt, in einem Zürcher Nachtclub aufgetreten. Hast du ihr mit deinem extravaganten Aussehen nicht die Show gestohlen?

Neto Clown: Nein. Amanda ist ein internationaler Star, sie reist um die ganze Welt, tritt in Clubs und Fernsehshows auf und kann davon gut leben. Ich hingegen bin ein Fashion-Clown, der seine Liebe für Mode und Zirkus als Kunstgestalt zum Ausdruck bringt. Ich bin weder eine Transe noch eine Dragqueen.

Kannst du von deinen Auftritten in Nachtclubs leben?

Hauptberuflich bin ich Coiffeur. In Nachtclubs arbeite ich nur Samstagnacht, gelegentlich auch am Freitag. Ich trete vorwiegend in der Schweiz – Zürich, Luzern, Schaffhausen und Lausanne – auf, ab und zu auch im Ausland. Viel verdiene ich nicht mit Clubauftritten, sie machen mir aber Spass.

Du schminkst dich wie ein Clown und bezeichnest dich auch als solcher. Weshalb?

Die Zirkuswelt hat mich schon als Kind fasziniert. Vom achten bis zehnten Lebensjahr durfte ich in einem Zirkus in meiner Heimatstadt Recife auftreten. Meine Mutter nahm mich eines Tages in den Zirkus. Ich rannte in die Manege und versuchte mich als Artist. Ich hatte einige Stunden zuvor den Zirkuskünstlern beim Proben zugesehen. Das Publikum dachte, ich sei Teil des Programms und klatschte. Da bot mir der Zirkus an, mit den Akrobaten zu proben und aufzutreten. Als der Zirkus dann wegzog, war das Abenteuer leider vorbei.

Welchen Bezug hast du zur Mode?

Mit 19 zog ich von Recife in die Metropole São Paulo. Ich entdeckte das Nachtleben und lernte viele Leute kennen, unter anderem auch einen Fashiondesigner, für den ich ein Jahr lang gearbeitet habe, obwohl ich zuvor nie eine Modeschule besucht hatte. Er brachte mir alles bei. Später habe ich auch als Designer für ein Brautmode-Label gearbeitet. Nach einem Jahr hatte ich jedoch genug davon. Ich wollte wieder als Hairstylist und Performance-Künstler arbeiten.

Du trägst 17 cm hohe Highheels und tanzt darin die ganze Nacht durch. Musstest du lange üben?

Nein, als Akrobat habe ich schon als Kind gelernt, das Gleichgewicht in allen möglichen Positionen zu halten. Das Tragen von Highheels ist übrigens reine Übungssache. Ich finde es schade, dass Schweizer Frauen fast nie Highheels tragen.

Haben Schweizer Frauen keinen Stil?

Doch, sie haben schon Stil, aber weniger als Brasilianerinnen. In Brasilien stehen Frauen zu ihrer Weiblichkeit, ziehen sich sexy an und tragen Highheels, auch wenn die Strassen oft nicht geteert sind. Für viele Schweizerinnen muss hingegen alles bequem sein: bequeme flache Schuhe, bequeme Kleidung, unauffälliges Make-up. Viele junge Frauen ziehen sich hier wie Männer an: Jeans, Pulli und Turnschuhe. Das finde ich sehr schade.

In Brasilien sind Beauty-OPs seit Jahrzehnten sehr beliebt. Legen sich Nachtclub-Tänzerinnen und -Tänzer oft unters Messer?

Ja, in der Nachtclub-Szene ist das gang und gäbe. Frauen lassen sich oft die Brust vergrössern und die Lippen aufspritzen. Männer hingegen lassen sich an Bauch und Po Implantate einsetzen, um einen Knackpo und ein Sixpack zu haben. Im Gegensatz zur Schweiz leisten sich aber in Brasilien auch arme Leute Beauty-OPs, da sie sie in 10 bis 20 Raten zahlen können.

Ist es in Brasilien schwierig, sich als Homosexueller zu outen?

São Paulo ist ziemlich liberal. Dort konnte ich problemlos als Fashion-Clown auftreten. Leider gibt es Skinhead-Gruppen, die es auf Homosexuelle abgesehen haben. In kleineren Städten Brasiliens gibt es eher Vorurteile gegenüber Schwulen. Schweizer sind da sehr offen. Jeder lebt sein Leben. Deshalb fühle ich mich hier so wohl. In der Schweiz sind es vorwiegend Ausländer, die Schwule nicht akzeptieren. Das hängt oft mit ihrer Religion zusammen.

Die Nachtclubszene hat nicht den besten Ruf. Es heisst oft, sie sei oberflächlich und nur an Alkohol, Sex und Drogen interessiert.

In der Clubszene werden Drogen offener konsumiert als anderswo. Im Gegensatz zu Bankern, die bei der Arbeit koksen, braucht man sich in der Szene nicht zu verstecken. Ich persönlich nehme jedoch keine Drogen. In der Clubszene sehe ich nichts Anrüchiges: Die Leute wollen Spass haben, Stress abbauen, vielleicht einen Partner finden, weil sie sich einsam fühlen.

Auf deiner Facebook-Seite animieren dich deine Freunde dazu, beim Casting von «Big Brother Brasil» mitzumachen. Beim Finale von 2010 gingen 154 Millionen Stimmen ein. Eine Teilnahme würde dich zum Star machen.

Ich würde gerne mitmachen, obwohl ich Bedenken hätte, meine Kunden drei Monate im Stich zu lassen. Ich werde mich vielleicht anmelden. Die Brasilianer hätten sicher Gefallen an meinem speziellen Look und meiner positiven Ausstrahlung.

Du bist jetzt 36. Wirst du dich mit 50 oder 60 Jahren aus dem Nachtleben zurückziehen?

Wenn man etwas mit Leidenschaft macht, spielt das Alter keine Rolle. Viele Film- und Musikstars arbeiten bis ins hohe Alter. In São Paulo sind Dragqueens auch schon auf der Bühne gestorben. Sie traten auf, auch als sie schon schwer krank waren. Zum Teil wurden sie auf dem Rollstuhl auf die Bühne geschoben. Ich liebe Shows über alles. Ich bringe die Leute zum Lachen und Staunen. Das liebe ich. Deshalb werde ich so lange tanzen, bis ich tot umfalle.

Neto Clown im Video «Opera» von Giorgio Scola (Video: Vimeo, Giorgio Scola)

Deine Meinung