Aktualisiert 26.06.2011 18:29

MotoGP-Star Simoncelli«Ich bin ein Idiot»

Spätestens seit dem GP von Holland in Assen ist klar: Die Töff-Königsklasse MotoGP steckt in der Krise. Zum Glück spinnt Marco Simoncelli (24) und sorgt als «Lewis Hamilton auf zwei Rädern» für Unterhaltung.

von
Klaus Zaugg
Assen
MotoGP-Star Marco Simoncelli in seinem Element.

MotoGP-Star Marco Simoncelli in seinem Element.

Töffgott Valentino Rossi (32) ist auf der Ducati noch ein Hinterherfahrer. Die WM ist für den neunfachen Weltmeister längst verloren. Der Rückstand auf WM-Leader Casey Stoner beträgt bereits 55 Punkte.

Und doch gibt es gute Unterhaltung. Weil der Honda-Werkfahrer Marco Simoncelli keine Rücksicht auf Verluste nimmt. Der Italiener, der im Jahr knapp zwei Millionen Franken verdient, ist teuflisch schnell. Zweimal hat er 2011 schon die Trainingsbestzeit herausgefahren (in Barcelona und Assen). Aber im Rennen kann er seine Schnelligkeit nicht in Resultate ummünzen (kein Podestplatz) und in der WM steht er bloss auf dem 10. Zwischenrang.

Die Wirklichkeit ignorieren

Dafür fürchten ihn seine Gegner wegen unkontrollierter Fahrweise. In Le Mans holte er Titelanwärter Dani Pedrosa aus dem Sattel und der Spanier fährt seit diesem Crash nicht mehr. In Assen erwischte Simoncelli schon in der ersten Runde Titelverteidiger Jorge Lorenzo. Beide konnten sich wieder in den Sattel schwingen, Lorenzo wurde wenigstens noch 6. und Simoncelli 9. Der Spanier war hinterher stocksauer: «Simoncelli fährt so als ob er mit der Playstation spielen würde. Er ignoriert die Wirklichkeit.»

Zwischenfall zwischen Simoncelli und Pedrosa

Das schwarze Schaf der Töff-Königsklasse streute Asche über sein Haupt und gab kleinmütig zu: «Ich bin ein Idiot». Der Italiener mit der wilden Frisur ist ein charmanter, sanfter Junge und er kann sich nicht erklären, warum er auf dem Töff die Kontrolle verliert wie Dominique Strauss-Kahn die Zurückhaltung beim Anblick einer schönen Frau. Simoncellis Manager Carlo Pernat sieht seinen Klienten etwas romantischer: «Der Vergleich mit Strauss-Kahn tönt nicht schlecht. Aber Simoncelli reagiert, wenn er ein Bike sieht, eher so wie einst Mozart beim Anblick eines Klaviers: Er beginnt zu Träumen und vergisst die Welt um sich herum.»

Crash-König

Vor einem Jahr war der 250er-Weltmeister von 2008 in seiner ersten MotoGP-Saison mit 13 Unfällen bereits Crash-König. Auch 2011 steht er mit 6 Unfällen im Sturz-Ranking bereits wieder weit oben. Er hat seine GP-Karriere zusammen mit Tom Lüthi 2002 begonnen und hat sich im Laufe der Jahre zu einem «Anti-Lüthi» entwickelt: Lüthi ist als hochtalentierter Stilist jede Saison ein Anwärter auf den Schönfahrer- und Fairness-Preis. Simoncelli hingegen mit seinem wilden, rücksichtslosen Fahrstil Emotionen der Bad Boy schlechthin.

Müsste er nicht dringend einen Mentaltrainer haben oder gar psychiatrisch behandelt werden? Pernat sagt, diesen Ratschlag höre er oft. «Aber das ist alles kein Thema.» Kein Mentaltrainer oder gar eine Mentaltrainerin? «Wenn ich mit solchen Ideen komme, bringt mich sein Vater um.» Gemäss Pernat ist der Einfluss des Vaters – ein ehemaliger Eisverkäufer an der Adria – zu gross und die väterliche Präsenz auf dem Rennplatz ein Problem. Aber niemand wage es, das zu thematisieren. Wir haben es hier wahrscheinlich mit so etwas wie einem «Töffibus-Komplex» zu tun.

Sturzrangliste*

Moto GP 2010

1. Marco Simoncelli 13

2. Casey Stoner und Hector Barbera 12

3. Alvaro Bautista 11

4. Nicky Hayden, Loris Capirossi 10

Ferner: Valentino Rossi 4

Sturzrangliste*

MotoGP 2011

1. Randy De Puniet und Karel Abraham je 8

2. Marco Simoncelli 6

3. Loris Capirossi, Valentino Rossi, Cal Crutchlow, Ben Spiess 4.

*Training und Rennen

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