Depressionen: Sabrina (22) setzte ihre Antidepressiva selber ab - Psychiaterin warnt
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Pillshaming«Ich bin gegen die Einnahme von Antidepressiva»

Sabrina (22) litt unter Depressionen und war auf Medikation angewiesen. Als es ihr dadurch schlechter ging, hat sie diese abgesetzt. «Das Beste, was ich je tun konnte», sagt sie. Eine Psychiaterin warnt vor diesem Vorgehen.

von
Deborah Gonzalez
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Die 22-jährige Sabrina* hält nichts von Antidepressiva. Sie setzt sich aktiv gegen die Einnahme ein.

Die 22-jährige Sabrina* hält nichts von Antidepressiva. Sie setzt sich aktiv gegen die Einnahme ein.

Privat
Sie hat die Medikamente auf eigene Faust abgesetzt und sich dadurch besser gefühlt. (Symbolbild)

Sie hat die Medikamente auf eigene Faust abgesetzt und sich dadurch besser gefühlt. (Symbolbild)

Unsplash
Die 22-Jährige sagt: «Antidepressiva machen nur noch kränker!»

Die 22-Jährige sagt: «Antidepressiva machen nur noch kränker!»

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Darum gehts

  • Sabrina* (22) setzt sich aktiv gegen die Einnahme von Antidepressiva ein.

  • Sie hat die Medikamente auf eigene Faust abgesetzt und sich dadurch besser gefühlt.

  • Psychiaterin Anna Buadze warnt davor: «Setzt man die Medikamente zu früh und zu schnell ab, riskiert man einen Rückfall.»

20-Minuten-Leser*innen haben erzählt, wie sie von Pillshamern angegriffen wurden. Doch wer steckt hinter diesen «Ratschlägen», mit Antidepressiva aufzuhören? Eine davon ist die 22-jährige Sabrina*. Leid und Schmerz sei das einzige, was Antidepressiva sie haben spüren lassen, erzählt sie.

«Als ich angefangen habe, die Pillen einzunehmen, war mir oft schwindelig und übel. Anfangs hellte sie meine Stimmung ein wenig auf, aber irgendwann wurde ich willenlos und gleichgültig. Ich wurde zu keinem Zeitpunkt über die Nebenwirkungen aufgeklärt.»

«Mein Arzt hat mich nicht ernst genommen»

Die 22-Jährige spricht sich klar gegen die Medikamente aus: «Antidepressiva machen nur noch kränker – denn der Pharmaindustrie geht es nicht ums Heilen, sondern um das grosse Geld.» Sabrina ist der Meinung, dass der Fokus auf den eigenen Körper gesetzt werden sollte. 

Ihre Sorgen um die Nebenwirkungen habe niemand ernst genommen: «Es war, als rede ich mit einer Wand. Es sei nur Einbildung, sagte mein Arzt. Aber mit meinem Körper stimmte etwas nicht!» Sie habe oft den Wunsch geäussert, die Medikation abzusetzen – ohne Erfolg. «Irgendwann habe ich sie auf eigene Faust abgesetzt. Von einem Tag auf den anderen.»

«Es hat sich gelohnt, Antidepressiva abzusetzen»

Als sie diesen Schritt gewagt hatte, sei alles besser geworden: «Das «Sediert-sein» hörte endlich auf – das Absetzen war die beste Entscheidung! Mein Körper hatte danach zwar noch lange ein inneres Chaos, aber gelohnt hat es sich. Heute geht es mir gut.»

Ihre Erfahrung teilt sie nun auf Instagram und will andere dazu bringen, die Antidepressiva ebenfalls abzusetzen. «Will man von Antidepressiva wegkommen, kommt es zu körperlichen und psychischen Absetzsymptomen, die in einigen Fällen bis zu Jahre andauern können. Es ist Tatsache, dass diese Medikamente abhängig machen können und das soll genauso auch kommuniziert werden.»

*Name geändert.

«Setzt man die Medikamente zu früh ab, riskiert man einen Rückfall»

Anna Buadze, Psychiaterin und Oberärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. 

Anna Buadze, Psychiaterin und Oberärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. 

Privat

Frau Buadze, was halten Sie von Sabrinas Aussagen?

Die Anliegen der Betroffenen sind ernst zu nehmen. Die Aufklärung über die Erkrankung und über die Wirkung und Nebenwirkung der Medikation ist die Voraussetzung für die Behandlung, denn diese ist am erfolgreichsten, wenn sie auf einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Patient*in und Ärzt*in aufbaut.  

Was können Patient*innen tun, wenn Ärzt*innen von «Einbildung» reden?  

Grundsätzlich muss jede Nebenwirkung und Rückmeldung der Patient*innen ernst genommen werden. Patient*innen selbst sollten kritisch nachfragen und unbedingt eine aktive Rolle in der Therapie einnehmen. Wenn die «Chemie» in der Therapie nicht stimmt, kann man sich überlegen, den oder die behandelnde Person zu wechseln. 

Sabrina sagt: «Will man von Antidepressiva wegkommen, kommt es zu körperlichen und psychischen Absetzsymptomen, die in einigen Fällen bis zu Jahre andauern können.» – Ist das so?

Symptome können bei zu schnellem Absetzen oder unregelmässiger Einnahme auftreten und sind bei verschiedenen Antidepressiva unterschiedlich. Die aktuellen Studien zeigen jedoch, dass die meisten Absetzsymptome milde verlaufen und nach ein paar Wochen verschwinden.

Welche Gefahren können bei plötzlichem Absetzen auftreten? 

Laut den Leitlinien für die Depressionsbehandlungen sollten die Antidepressiva nach Rückgang der depressiven Symptome für vier bis neun Monate weiter eingenommen werden. So sollen Rückfälle in die Depression verhindert werden. Setzt man die Medikamente zu früh und zu schnell ab, riskiert man eben diesen Rückfall, der manchmal noch stärkere depressive Symptome verursacht als zu Beginn der Medikation.

Wieso fühlte Sabrina sich besser, obwohl Expert*innen davon abraten, abrupt abzusetzen?

Ohne die eigene Untersuchung kann ich die Lage von Sabrina nicht einschätzen. Ausser der Medikation, können hier auch andere Faktoren einen Einfluss auf ihre Befindlichkeit gehabt haben. Bei ärztlich verordneten Medikamenten empfehle ich in jedem Fall eine Rücksprache mit der Behandler*in. 

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