Russische Teilmobilmachung: «Ich bin Herr Peskow, ich werde sicher nicht ins Militärbüro kommen»

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Russische Teilmobilmachung«Ich bin Herr Peskow, ich werde sicher nicht ins Militärbüro kommen»

Nach der Teilmobilmachung geht bei vielen Russen die Angst um, ins Militär eingezogen zu werden. Ein Anruf beim Sohn von Kremlsprecher Dmitri Peskow zeigt nun, wie leicht die Kreml-Elite die Mobilisierung umgehen kann.

von
Benedikt Hollenstein

Ein Anruf bei Nikolai Peskow zeigt schnell, was dieser von einer Einberufung in den Dienst hält.

Youtube/Popular Politics/Twitter/wartranslated

Darum gehts

  • Russland gehen die Soldaten aus – nun will der Kreml 300’000 Reservisten mobilisieren.

  • Bei einem Anruf hat ein Vertrauter von Nawalny nun den Sohn von Dmitri Peskow aufgefordert, sich zum Dienst zu melden.

  • Dessen Reaktion zeigt, dass es für Kinder von wichtigen Politikern ein Kinderspiel ist, die Mobilmachung zu umgehen.

Nach der Ankündigung, dass man für den Krieg in der Ukraine 300’000 weitere Reservisten mobilisieren werde, suchen viele Russen verzweifelt nach Wegen, um dem Militärdienst zu entkommen. So explodierte in Russland schon am Dienstagabend, als das Gerücht einer Generalmobilmachung die Runde machte, bei Google die Zahl der Suchanfragen nach «wie verlasse ich Russland» und «wie umgehe ich den Militärdienst». In einer Rede hat Kremlchef Putin am Mittwochmorgen nun bekannt gegeben, dass eine sofortige Teilmobilmachung erfolge.

Sohn verweigert angebliche Einberufung

Doch die Furcht einem Militäreinsatz in der Ukraine vielleicht nicht entgehen zu können, ist je nach Familie und Bevölkerungsschicht ungleich gross. Das zeigt Dmitri Nisowzew, der ein Vertrauter des Oppositionellen Alexei Nawalny ist, mit einem einzigen Telefonat. Er telefonierte mit Nikolai Peskow, dem 32-jährigen Sohn des Kremlsprechers und vorsitzenden Leiters der Kremlverwaltung, und gab sich dabei als russischer Rekrutierungsoffizier aus, wie die «Bild» schreibt.

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Der Sohn des Kremlsprechers Dmitri Peskow ist einem angeblichen Rekrutierungsoffizier auf den Leim gegangen.

Der Sohn des Kremlsprechers Dmitri Peskow ist einem angeblichen Rekrutierungsoffizier auf den Leim gegangen.

Instagram/nd_peskov
Auf dem Youtube-Kanal «Populäre Politik» hat Dmitri Nisowzew mit Nikolai Peskow telefoniert und ihn aufgefordert, sich am nächsten Tag im Militärbüro zu melden.

Auf dem Youtube-Kanal «Populäre Politik» hat Dmitri Nisowzew mit Nikolai Peskow telefoniert und ihn aufgefordert, sich am nächsten Tag im Militärbüro zu melden.

Screenshot/Популярная политика
Nisowzew ist ein Vertrauter des Kreml-Kritikers Alexei Nawalny, der seit längerer Zeit in Russland im Gefängnis sitzt.

Nisowzew ist ein Vertrauter des Kreml-Kritikers Alexei Nawalny, der seit längerer Zeit in Russland im Gefängnis sitzt.

REUTERS

«Wir haben Ihnen, Herr Peskow, heute elektronisch eine Einberufung geschickt, bisher aber keine Antwort erhalten», beginnt Nisowzew. «Wir warten auf Sie – morgen um zehn Uhr».  Nikolai Peskow schiesst sofort zurück: «Natürlich werde ich morgen nicht da sein. Sie müssen verstehen, dass ich Herr Peskow bin». Es sei generell «nicht ganz richtig», dass er dort hin kommen solle.

«Wenn Putin befiehlt, gehe ich»

Ohne explizit seinen Vater und dessen hohe Positionen in Moskau zu erwähnen, nannte Peskow als Grund für sein Nicht-Erscheinen «politische Nuancen». So müsse sich der 32-Jährige zuerst über seine Rechte informieren und «allgemein verstehen, was vor sich geht». Von der Rekrutierungsliste gestrichen werden will der ehemalige Wehrpflichtige aber auch nicht. Er werde entsprechende Befehle befolgen – aber nur vom russischen Präsidenten persönlich. «Ich werde tun, was mir gesagt wird. Wenn Wladimir Putin sagt, ich muss dorthin gehen, werde ich gehen».

Dabei ist Nikolai Peskow als ehemaliger Wehrpflichtiger genau Teil der Gruppe, die den Kern der Teilmobilisierung bilden soll. Doch als Teil der russischen Elite dürfte es für ihn ein Leichtes sein, die Einberufung zu umgehen – bereits seit Kriegsbeginn greift der Kreml bei der Rekrutierung von neuem Personal vor allem auf die Bevölkerung ärmerer Regionen und ethnischer Minderheiten zurück.

Eigene Grossmutter verprügelt

Dass sich Nikolai Peskow jetzt auf den Familiennamen seines Vaters beruft, erstaunt angesichts seiner Vorgeschichte. Mehrmals kam der Sprössling des Putin-Sprechers mit dem Gesetz in Konflikt. Nach der Scheidung seiner Eltern zog Nikolai in den 1990ern nach Grossbritannien. Dort kam er als Jugendlicher in eine Jugendstrafanstalt, nachdem er ein Handy gestohlen hatte und belegte im Gefängnis auch Kurse zu den Themen Alkoholmissbrauch und Aggressionsbewältigung. Laut eines Anwalts von Nikolai sei dieser von seiner Familie verstossen und im Alter von 16 Jahren von zu Hause rausgeschmissen worden – jetzt nimmt er wieder Bezug auf den Namen seines Vaters.

Nach seiner Rückkehr nach Russland war Peskow von 2010 bis 2012 Teil der russischen Langstreckenraketen-Streitkräfte, war zeitweise auch als Korrespondent des international tätigen russischen Propagandablatts «Russia Today» tätig. 2016 ermittelte die russische Polizei gegen den mittlerweile hervorragend mit der russischen Elite vernetzten Peskow, weil dieser seine 71-jährige Grossmutter verprügelt haben soll. Das Verfahren verschwand «auf mysteriöse Weise», wie die Zeitung «Rospres» damals schrieb.

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