Aktualisiert 21.01.2016 07:51

Ohne Freunde

«Ich bin in der Schweiz mutterseelenallein»

Arbeitskollegen sind keine Freunde und Nachbarn bleiben distanziert: Ausländer erzählen, warum es in der Schweiz so schwierig ist, Freunde zu finden.

von
B. Zanni
Viele Ausländer wollen mit Schweizern Freundschaften aufbauen, fristen aber manchmal ein einsames Dasein.

Viele Ausländer wollen mit Schweizern Freundschaften aufbauen, fristen aber manchmal ein einsames Dasein.

Colourbox

In Sachen Freundschaft haben die Schweizer noch grossen Aufholbedarf. Laut einer Umfrage der britischen Bank HSBC landet die Schweiz in der Kategorie «Making Friends» auf dem zweitletzten Platz. Das hat bei den Lesern kontroverse Reaktionen ausgelöst. Ein Leser schreibt: «Ich wohne seit zehn Jahren in Zürich. Abgesehen von Leuten aus dem Geschäft kenne ich keine Menschenseele.» Ein anderer berichtet: «Obwohl die Berner den Ostschweizern an Offenheit einiges voraushaben, war es in Bern für mich schwierig, Freundschaften zu knüpfen.» Eine Leserin findet: «Ich hatte immer schnell das Gefühl, zu stören – und den Leuten lästig zu sein.»

Andere Leser verteidigen die Schweizer. «Freunde findet man nicht, sondern Freundschaft muss wachsen.» Jemand meint: «Lieber zehn gute Feinde als einen falschen Freund.» Ein Leser fragt: «Wie kann man jemandes Freund werden, der vielleicht schon im nächsten Monat in ein anderes Land verschwindet?» Vielen eingewanderten Ausländern hingegen spricht das Umfrageresultat aus dem Herzen. 20 Minuten hat mit Betroffenen gesprochen.

«Meine spontane Art stösst an»

Juan Sánchez*, 39: «Schnell merkte ich, dass es schwierig ist, Freundschaften zu knüpfen. In Kolumbien waren meine Arbeitskollegen auch meine Freunde. Hier hatte aber niemand Interesse, sich in der Freizeit auf ein Bier zu treffen. Ich merkte auch, dass die Schweizer viel Wert darauf legen, dass man ihre Sprache beherrscht. Ich konnte noch nicht gut Deutsch und fühlte mich oft ausgegrenzt.

Ich bemühte mich sehr um Kontakte. Im Park sprach ich Leute direkt an. Ich fragte eine Gruppe, ob ich beim Pingpongspielen mitmachen kann. Sie liess mich warten und war plötzlich weg. Auch im Ausgang waren die Reaktionen distanziert. Und die Frauen sahen meine Kontaktversuche oft als Flirt an. Ich glaube, dass ich für viele Schweizer zu spontan bin. Mittlerweile habe ich einen Freundeskreis. Ich zog in eine WG und lernte dadurch viele Leute kennen.»

«Freundschaften sind hier unmöglich»

Anika Koch*, 54: «Ich bin Deutsche und nun schon seit 13 Jahren hier. In der Schweiz ist es nicht möglich, Freundschaften zu knüpfen. Beim Einzug luden wir alle Nachbarn zu einem Umtrunk ein. Es war nett. Gegeneinladungen kamen keine. Einmal lud ich im Garten zu Kuchen und Kaffee. Alle waren begeistert. Aber es blieb bei diesem einen Nachmittag.

Unsere negativen Erfahrungen gipfelten in Streitereien mit einer Nachbarin. Sie besprayte unsere Haustür mit einem Raumduft, weil unser Zigarettenrauch das Treppenhaus angeblich verpestet hatte. Das verstehe ich nicht. Dabei hatte ich sie doch gerettet, als sie im Lift steckengeblieben war. Mein Mann ist inzwischen verstorben und meine Tochter ausgezogen. Ich sitze hier mutterseelenallein.»

Schweizer kalkulieren

Warum sind die Schweizer solche Freundschaftsmuffel? «Wie auch in anderen Bereichen sind wir bei Freundschaften immer sehr rasch am Kalkulieren», sagt Freundschaftsforscherin Syl Edelmann. Eine Freundschaft sei aber kein Handel, sondern eine optimale Balance aus Freiheit und Bindung. Eigen sei den Schweizern auch, eher misstrauisch als wohlwollend zu sein. «Wohlwollen birgt das Risiko, enttäuscht zu werden. Da sind wir vorsichtig.» Edelmann rät, bei der Suche nach Freundschaft, zurückhaltend und vorsichtig zu sein: abwartend hie und da ein Zeichen des Interessens und Wohlwollens zu setzen. «Die Schweizer mögen es nicht, wenn man zu direkt auf sie zugeht und sie mit Fragen und Meinungen überhäuft.»

*Name der Redaktion geändert.

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