Weltmeister Christoph Kramer: «Ich bin Lucien Favre unfassbar dankbar»
Aktualisiert

Weltmeister Christoph Kramer«Ich bin Lucien Favre unfassbar dankbar»

In Leverkusen wurde er aussortiert. Vier Jahre später kehrt er als Weltmeister zurück zu Bayer 04. Am Mittwoch spielt Christoph Kramer gegen den FCB.

von
Eva Tedesco
1 / 8
Bei Leverkusen hatte man für Christoph Kramer (r.) 2011 keine Verwendung. Der damals 19-jährige Mittelfeldspieler wurde an Bochum in die 2. Bundesliga ausgeliehen.

Bei Leverkusen hatte man für Christoph Kramer (r.) 2011 keine Verwendung. Der damals 19-jährige Mittelfeldspieler wurde an Bochum in die 2. Bundesliga ausgeliehen.

Witters
2013 wechselte Kramer zu Borussia Mönchengladbach und reifte unter dem Schweizer Trainer Lucien Favre zum Nationalspieler. «Er war ein Glücksfall für mich», sagt Kramer über den Romand.

2013 wechselte Kramer zu Borussia Mönchengladbach und reifte unter dem Schweizer Trainer Lucien Favre zum Nationalspieler. «Er war ein Glücksfall für mich», sagt Kramer über den Romand.

uwe Speck
Die Kombo zeigt die 23 Spieler, die zum Kader der deutschen Nationalmannschaft für die WM 2014 in Brasilien gehörten. Im Kader fand sich überraschend auch Kramer, der erst im Mai unter Jogi Löw debütiert hatte.

Die Kombo zeigt die 23 Spieler, die zum Kader der deutschen Nationalmannschaft für die WM 2014 in Brasilien gehörten. Im Kader fand sich überraschend auch Kramer, der erst im Mai unter Jogi Löw debütiert hatte.

Vier Jahre war Kramer weg aus Leverkusen. 2011 wurde der defensive Mittelfeldspieler zuerst nach Bochum in die 2. Bundesliga ausgeliehen, ab 2013 spielte er unter Lucien Favre bei Borussia Mönchengladbach. Unter dem Schweizer Trainer reifte er zum Nationalspieler. Gladbach hätte den 24-Jährigen gerne behalten. Der 10-fache Internationale, der auch Angebote europäischer Top-Clubs wie Benfica Lissabon und Napoli hatte, entschied sich aber für eine Rückkehr zu Bayer 04. Mit der Werkself testet Kramer am Mittwoch (20 Uhr) in Basel gegen den Schweizer Meister.

Christoph Kramer, ziemlich genau vor einem Jahr wurden Sie mit Deutschland Weltmeister. Wie haben Sie das Jahr erlebt?

Für mich ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen und somit habe ich nur gute Erinnerungen an diesen 13. Juli 2014. Natürlich hat sich dadurch einiges geändert, aber die Veränderungen waren ja durchwegs positiv.

Sie mussten Leverkusen einst als Azubi verlassen und kehren nur vier Jahre später als Weltmeister zurück. Das klingt wie ein Märchen.

Vier Jahre sind im Fussball eine lange Zeit und irgendwo ist das ja auch das Konzept von Leverkusen, dass es junge Spieler – ich war damals 19 Jahre alt – ausleiht, die den Sprung ins Profikader nicht schaffen oder kaum Einsatzzeit bekommen hätten. Ich konnte mich in diesen Jahren auf höchstem Niveau bewegen, eigentlich alle Spiele machen. In meinem Fall ist das Konzept voll aufgegangen. Na gut, dass ich als Nationalspieler und Weltmeister zu Bayer zurückkomme, hätte ich selber nie gedacht.

Würden Sie einen ähnlichen Weg auch anderen jungen Spielern empfehlen?

Natürlich! Ich denke, dass es ganz wichtig ist, dass man nicht nur trainiert, sondern auch Spielpraxis bekommt. Das Niveau ist auch in der zweiten Bundesliga oder bei einem Club der ersten Bundesliga, der nicht im oberen Drittel angesiedelt ist, hoch. Ich habe natürlich auch viel getan, bin da aber sicher nicht der Einzige. Ich habe mich in schwierigen Phasen nicht unterkriegen lassen. Ich kann viele Momente meiner Karriere aufzählen, in denen ich einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Ich würde es auf ein Drittel Fleiss, ein Drittel Talent und ein Drittel Glück beziffern, dass ich diesen Weg gehen konnte.

Bei Bayer ersetzen Sie Simon Rolfes und treten in grosse Fussstapfen. Erhöht der Titel des Weltmeisters den Druck?

Ich mache mir da keinen Kopf. Simon war hier in Leverkusen ein Spieler, der über Jahre konstant gute Leistungen brachte. Aber seine Zeit ist vorbei. Ich bin ein anderer Spieler und ich glaube, dass ich auch schon auf anderen Fussballplätzen bewiesen habe, dass ich meinen Beitrag leisten kann. In erster Linie habe ich Freude und die sollte im Sport immer im Vordergrund stehen.

In Gladbach ist eine erfolgreiche Ära angebrochen. Das manifestiert sich in Platz 3 und der direkten Teilnahme an der Champions League. Sie aber wechseln zum letztjährigen Tabellenvierten.

Ich habe mich für diesen Schritt entschieden und habe Bochum und Gladbach viel zu verdanken. Ich war ein Teil einer erfolgreichen, neuen Ära in Gladbach, und das hat viel Spass gemacht. Wir haben über die zwei Jahre tolle Sachen entwickelt, aber es ist auch immer wieder gut für einen jungen Spieler, sich auf etwas Neues einzulassen. Es bringt ihn weiter. Klar ist auch Wehmut dabei, wenn man so einer tollen Zeit den Rücken kehren muss, aber die Freude auf das, was kommt, überwiegt.

Bei Gladbach hatten Sie mit Yann Sommer und Granit Xhaka zwei Schweizer Teamkollegen. Kann man sagen, die beiden sind in der Bundesliga angekommen?

Man sieht das ja an den Leistungen der beiden. Es ist ein Wahnsinn, was Yann in seiner ersten Saison gehalten hat (lacht) – abgesehen von diesem einen Schuss aus vierzig Metern … (Gladbach verlor im letzten November gegen den BVB, weil Kramer mit seinem Rückpass aus rund fünfundvierzig Metern Sommer sehenswert überlobbte, Anm. d. Red.) Zu Granit habe ich einen sehr guten Draht gehabt. Er war ja mein Partner auf der Doppelsechs. Mit ihm hat es irre viel Spass gemacht. Wir ergänzten uns sehr gut, was auch ein wichtiger Baustein für den Erfolg war.

Inwieweit hatte Trainer Lucien Favre – auch er Schweizer – Anteil an Ihrem Erfolg?

Der Trainer hat mich enorm weiterentwickelt. Für mich war Lucien Favre ein Glücksfall. Er hat viel Zeit in mich investiert, mir tolle Übungen gezeigt. Von daher bin ich ihm unfassbar dankbar. Er ist ein Stück weit mitschuldig im positiven Sinn, dass ich so weit gekommen bin.

Kennen Sie den Schweizer Fussball?

Natürlich kennt man den Fussball in den Nachbarländern auch. Die Nationalmannschaft ist wieder im Kommen. Die Liga ist teilweise interessanter geworden.

Und den FC Basel?

Granit und Yann haben mir ein paar Bilder gezeigt. Sie haben vom Verein geschwärmt und mir gesagt, was das für ein toller Club sei. Zudem habe ich den FC Basel in der Champions League verfolgt, wo er teilweise für Furore gesorgt hat.

Erachten Sie den FC Basel als guten Testspielgegner?

Vielleicht ein bisschen zu stark. Testspiele sind ja immer schwierig zu bewerten, weil man in der Vorbereitung steckt und vorher sehr viele harte Trainingseinheiten hat. Aber ein Vorbereitungsspiel gegen einen starken Gegner ist auch immer ein Massstab und eine weitere gute Trainingseinheit.

Die Bundesliga startet in einem Monat: Was trauen Sie Leverkusen in der neuen Saison zu?

Ich denke, dass die Bundesliga so ausgeglichen ist wie lange nicht. Schalke und der BVB haben zwar eine verkorkste Saison hinter sich, aber ich denke, dass beide wieder kommen werden. Gladbach, Wolfsburg und die Bayern sind Mannschaften, die oben mittun werden. Ich denke, dass wir im Pool dieser Top sechs mitmischen werden und dass jedes Detail zählen wird. Es werden hartumkämpfte Plätze werden, am Ende wird es wie schon in dieser Saison auf ein, zwei Pünktchen ankommen.

Kann es in der Meisterfrage ein Vorbeikommen an Bayern geben?

Gute Frage – ich weiss es nicht. Sicher ist, dass an den Bayern in Normalform kein Weg vorbeiführt. Dass wir sie in einzelnen Spielen schlagen können, hat man in der letzten Saison gesehen. Aber über eine ganze Saison wird das schwierig.

Ist das für einen Spieler Ihres Kalibers nicht frustrierend?

Ich meine, wenn man in der Bundesliga Zweiter, Dritter oder Vierter wird, kann man schon auf eine positive Saison zurückblicken – bei der aktuellen Übermacht der Bayern.

Anders gefragt: Wer wird 2016 Meister?

Basel … (lacht)

Deine Meinung