Plus-Size-Model Tess Holliday: «Ich leide unter Magersucht – trotz Übergewicht»
Dem Plus-Size-Model Tess Holliday wird vorgeworfen, ihre Anorexie zu faken. 

Dem Plus-Size-Model Tess Holliday wird vorgeworfen, ihre Anorexie zu faken.

Tess Holliday / Instagram
Publiziert

Plus-Size-Model erzählt«Ich bin magersüchtig – trotz Übergewicht»

Tess Holliday (36) leidet an Anorexie. In einem Instagram-Post erklärt sie, warum es für übergewichtige Magersüchtige mehr Unterstützung braucht .

von
Geraldine Bidermann

«Ich fühle mich allein. Es ist schwer, sich mit etwas auseinanderzusetzen, für das es nicht genug Unterstützung gibt», schreibt Tess Holliday, eines der erfolgreichsten amerikanischen Plus-Size-Models, bei der vor einem Jahr Magersucht diagnostiziert wurde.

In einem Essay, der in der Zeitschrift «Today» veröffentlicht wurde, beschreibt sie die Tücken ihrer Krankheit. «Es tröstet mich, dass ich stark genug bin, um darüber zu sprechen. Aber seit der Diagnose und ersten Besserungen habe ich wieder Rückschritte gemacht. Es ist elf Uhr und ich habe heute ausser zwei Schlucken Kaffee noch nichts zu mir genommen.»

Vorwurf, eine Lügnerin zu sein

Als Tess zehn Jahre alt war, wurde ihre Mutter von deren damaligem Partner erschossen. «Wann immer ich traurig war, begann ich zu essen, was meine Verwandten zunehmend kommentierten. Ich begann also, meine Snacks im Zimmer zu verstecken», erzählt Tess. In den folgenden Jahren ass Tess übermässig viel – oder gar nichts. «Ich sah Essen oder auch Nicht-Essen als eine Art Strafe für mich selber an», erklärt die 36-Jährige.

Im Frühling 2021 wurde bei der US-Amerikanerin schliesslich eine Magersucht diagnostiziert, was sie ihren Followerinnen und Followern auf Social Media erzählte. Zahlreiche Kommentare warfen ihr vor, eine Lügnerin zu sein, die nur Aufmerksamkeit möchte.

«Wie kann man nur fett und magersüchtig sein?

Tess Holliday

Das Schwierigste an der Situation sei gewesen, sich auf ihre Genesung zu konzentrieren – und nicht auf die innere Stimme zu hören, die sie frage: «Tess, schau dich doch einmal selber an, wie kann man nur so fett und gleichzeitig magersüchtig sein?» Es sei brutal genug, dass es so wenig Informationen und Anlaufstellen für Übergewichtige mit Anorexie gäbe – sich da überhaupt selber zu glauben, gehöre für sie bis heute zu den grössten Herausforderungen.

Anorexie und Übergewicht

Magersüchtig, aber mit Übergewicht – wie passt das zusammen? Tatsächlich ist das kein Widerspruch. Bei normal- oder übergewichtigen Menschen spricht man von einer atypischen Anorexie. Diese Menschen hungern, ohne dass man es ihnen ansieht. Zwar drohen sie nicht wie Untergewichtige zu verhungern, allerdings wird der Körper durch die Mangelernährung ebenfalls geschädigt. Auch die psychische Belastung ist dieselbe.

«Anzuerkennen, dass ich magersüchtig bin und Hilfe brauche, hat mich viel Kraft und Therapie gekostet. Ich bin das Resultat einer Kultur, die Schlankheit feiert, aber ich schreibe jetzt meine eigene Geschichte. Ich bin nun in der Lage, für einen Körper zu sorgen, den ich mein ganzes Leben lang bestraft habe», twitterte sie.

Trügerische Komplimente

Während zahlreiche Followerinnen und Follower sie als falsche Person mit Aufmerksamkeitsdefizit darstellen wollten, machten ihr andere überschwängliche Komplimente für ihre Figur. «Wow, Tess, hast du abgenommen?», «Du siehst irgendwie schlanker aus, steht dir super!» – solche Bemerkungen häuften sich unter ihren Posts. Tess hat eine klare Meinung hierzu: Sie bittet Leute inständig, keine Bemerkungen über das Gewicht einer anderen Person zu machen.

«Für Leute wie mich, die versuchen, ihre Beziehung zu ihrem Körper neu zu gestalten und zu heilen, sind Kommentare über ihr Gewicht ein echter Trigger», sagt sie. Sie beendet ihren Post mit einem Ratschlag: «Wenn du jemandem nicht sagen kannst, dass er oder sie gut aussieht, ohne es am Gewicht festzumachen, dann lass es bitte lieber sein.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine Essstörung?

Hier findest du Hilfe:

Fachstelle PEP, Beratung für Betroffene und Angehörige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

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