Aktualisiert 31.01.2012 15:22

Tattoos, Piercings, Hörner

«Ich bin mehr Kriegerin als Vampirfrau»

So stellt man sich eine Anwältin nicht vor: Mary José Cristerna ist in Lateinamerika ein Star, Mutter von vier Kindern – und setzt sich für Opfer von Ehegewalt ein. Ein Gespräch.

von
Yolanda Di Mambro

Mary José Cristerna ist eine moderne Amazone: Sie ist grossgewachsen und hat einen durchtrainierten Körper, trägt hüftlange Rastalocken und Overknee-Stiefel. Ihren Betrachter fesselt sie mit Vampirzähnen, Hörnern, Piercings, Skarifizierungen, Nasenring und Tattoos, die 95 Prozent ihres Körpers bedecken und ihre Lebensgeschichte erzählen. Eine Geschichte des Schmerzes, der Emanzipation und der Selbstfindung. Mit 14 liess sich die Schülerin einer Nonnenschule ihr erstes Tattoo stechen und von da an liess sie die Leidenschaft der «Body Modification» (Körperveränderung) nicht mehr los. Jahr für Jahr unterzog sie sich immer mehr Eingriffen. Für Cristerna war es auch ein Befreiungsschlag, um über die Demütigung ihres gewalttätigen Ehemannes zu kommen, der ihr die Würde als Mensch und als Mutter von vier Kindern rauben wollte. Heute, mit 36, ist sie in Mexiko ein Star. Sie nennt sich Vampirfrau und steht kurz davor, einen Guinness-Rekord aufzustellen. Im Exklusiv-Interview mit 20 Minuten Online beweist sie einmal mehr, was die Mexikaner an dieser aussergewöhnlichen Frau fasziniert: ihre Sensibilität, ihre Weisheit und ihr unerschütterlicher Wille.

Du willst einen Guinness-Rekord aufstellen. 95 Prozent deiner Haut ist tätowiert. Wie viel fehlt noch?

Mary José Cristerna: Nicht mehr viel. Den Titel möchte ich aber nicht für die Tattoos, sondern für die «Body Modifications». Es gibt sehr viele Menschen, die tätowiert sind. Ich bin aber einen Schritt weiter gegangen. Ich habe mich nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich sehr verändert. Ich bin mutiger und reifer geworden. Und vor allem stärker. Ich will ein Beispiel dafür sein, dass man vieles im Leben erreichen kann.

Wie viele Körperveränderungen hast du dir machen lassen, jetzt mal abgesehen von deinen zahlreichen Tattoos?

Am Kopf sind es etwa zehn Implantate, am Schlüsselbein sind es drei grosse. An den Armen sind es etwa zwanzig. Bis vor kurzem hatte ich vier Vampir-Eckzähne. Jetzt habe ich sechs Frontzähne mit spitzer Form.

Warum wolltest du unbedingt Vampirzähne haben?

Spitze Zähne faszinieren mich. Doch als Vorbild dienten mir in erster Linie nicht Vampire, sondern die Kriegerin und der Jaguar. Das ist Teil der mexikanischen Kultur. Ich bin mehr Kriegerin als Vampirfrau.

Welche Bedeutung haben deine Hörner?

Die waren ursprünglich gar nicht als Hörner gedacht. Ich wollte eine Veränderung. Ich sah mich aber nicht als Teufelin oder Vampirin. Ich wollte mal ausprobieren, wie es ist, sich ein Implantat einsetzen zu lassen. Die ersten waren aus Titanium, die neuen sind aus Silikon.

Weshalb hast du dir die «Body Modifications» ohne Anästhesie machen lassen?

Heute gehe ich zu einem plastischen Chirurgen, der bei den Eingriffen eine Anästhesie vornimmt. In Mexiko sind solche Eingriffe gesetzlich klar geregelt. Nimmt hingegen ein «Body Modifier» den Eingriff vor, der von Gesetzes wegen keine Anästhesie durchführen kann, birgt dies ein sehr grosses Risiko. Aus diesem Grund wurde bei meinen ersten Eingriffen keine Anästhesie vorgenommen.

Du hast einmal gesagt: Die Religion ist wie der Alkohol. Man muss sie mit Mass geniessen. Gilt dieser Grundsatz nicht auch für Tattoos und «Body Modifications»?

Natürlich. Ich verändere meinen Körper seit 22 Jahren. Es gibt Leute, die ändern sich radikal von einem Tag auf den anderen und bereuen es dann.

Bist du in deinem Leben auch abgelehnt oder diskriminiert worden?

Im Berufsleben wurde ich diskriminiert – als Anwältin. Obwohl ich immer gesagt habe: ‹Wenn ich in den Gerichtssaal muss, passe ich mich den Kleidervorschriften an.› Die Tatsache, dass ich Tattoos habe, sollte mich aber nicht in meiner Fähigkeit als Anwältin einschränken. Leider gibt es Menschen, die sehr konservativ sind und darin ein Problem sehen, auch wenn sie es nicht zugeben. Auch in der Schule gab es manchmal Ablehnung. Aber ich habe das alles bewältigt, auch wenn es mich Überwindung gekostet hat.

Stimmt es, dass man dir einmal deine vier Kinder wegnehmen wollte?

Ja, das war mein Exmann. Es gelang ihm jedoch nicht, da er ein verantwortungsloser Mensch ist. Bei dieser Auseinandersetzung musste ich stark sein und mich verteidigen.

Welche deiner Tattoos sind die persönlichsten und was symbolisieren sie?

Die vier Augen symbolisieren meine vier Kinder. Ihr Blick ist auf mich gerichtet. Sie sind meine Richter. Ein Herz auf der Schenkelinnenseite symbolisiert den Tod meiner Eltern, die beide an Herzinfarkt gestorben sind. Weiter habe ich Tattoos, welche die Frau sowie das Gute und das Böse, das heisst das Gleichgewicht im Leben, symbolisieren. Das Wichtigste sind jedoch die Sterne in meinem Gesicht, die ich mir zu Ehren meiner Mutter tätowieren liess – nach ihrem Tod.

Was fasziniert dich so an Lilith, der ersten Frau Adams?

Als man mir in einer TV-Sendung den Übernamen Vampirfrau gab, fragte man mich, ob es eine mythologische Figur gibt, die ich gerne wäre. Ich antwortete: Die mythische Lilith, die unter anderem im Talmud und in der Bibel erwähnt wird. Sie war Adam ebenbürtig und widersetzte sich ihm, als er ihr nicht erlaubte, beim Sex oben zu sein. Mit Lilith als Sinnbild der starken Frau kann ich mich identifizieren. Vampire hingegen sind für mich Teil eines schönen Märchens. In Wirklichkeit gibt es sie jedoch nicht.

Mary José Cristerna gewährt Einblick in ihr Leben (Video: YouTube, CANALATV videos)

Wer war Lilith, die erste Frau Adams? (Video: YouTube, shoxtox)

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Mary José Cristerna

María José Cristerna wurde 1976 in Jalisco, Mexiko, geboren. Sie wuchs in einer religiösen Familie auf. Mit 17 heiratete sie und wurde Opfer jahrelanger Ehegewalt. Sie ist studierte Anwältin und Mutter von vier Kindern. Cristerna ist in zweiter Ehe mit dem Tätowierer David Peña verheiratet. Sie arbeitet heute als Tatöwiererin, Malerin, Suspense-Performerin und Sängerin. Seit einigen Jahren tritt sie vorwiegend in Latein-amerika in Fernsehshows auf. 2011 war sie auch in einem vielbeachteten Dokumentarfilm von National Geographic zu sehen. In Mexiko besucht sie Quartiere der unteren Mittel-schicht, um Frauen darüber zu informieren, wie sie sich gegen Männergewalt wehren können.

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