Brian meldet sich aus dem Gefängnis - «Ich bin nicht ‹Carlos› und die Leute sollen das begreifen»
Aktualisiert

Brian meldet sich aus dem Gefängnis«Ich bin nicht ‹Carlos› und die Leute sollen das begreifen»

Brian sitzt seit über drei Jahren in Isolationshaft. 20 Minuten hat dem 25-Jährigen Fragen übermittelt.

von
Monira Djurdjevic
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20 Minuten durfte einige Fragen an Brian richten. 

20 Minuten durfte einige Fragen an Brian richten.

Screenshot SRF
«Meine Dusche wird von aussen gesteuert, wie lange sie kalt oder warm ist», schreibt Brian in einem Brief. 

«Meine Dusche wird von aussen gesteuert, wie lange sie kalt oder warm ist», schreibt Brian in einem Brief.

Instagram/mein_name_ist_brian
Seit rund zwei Monaten veröffentlicht Brian Briefe aus der Isolationshaft. 

Seit rund zwei Monaten veröffentlicht Brian Briefe aus der Isolationshaft.

Instagram/mein_name_ist_brian

Brian will sich ein neues Gesicht geben – weg vom ewigen Gewalttäter «Carlos» hin zum Menschen mit Bedürfnissen und Zukunftswünschen. Teil davon ist die Veröffentlichung von Briefen auf einem Instagram-Kanal. Mittlerweile hat der 25-Jährige über 4500 Abonnenten. 20 Minuten durfte einige Fragen direkt an Brian richten, der seit über drei Jahren in Isolationshaft sitzt. Die Antworten wurden vom Kollektiv #BigDreams übermittelt, das sich für den jungen Häftling einsetzt. Es besteht aus einer Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten, Expertinnen und Experten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Künstlerinnen und Künstlern.

Hast du direkten Zugriff auf den Account?

Nur indirekt, es ist sehr kompliziert. Wir machen alles mit Stift und Papier. Die Leute von #BigDreams schicken mir alles zu. Das wird von den Behörden aber zuerst kontrolliert und gelesen. Ich schreibe dann die Posts für Instagram, beantworte die direkt an mich gerichteten Nachrichten und schicke alles wieder raus. Bevor es rausgeht, wird alles nochmals kontrolliert und gelesen. Das ganze Prozedere dauert ein paar Wochen. Der Kanal selbst war eine gemeinsame Idee. Ich schreibe, rede und arbeite seit eineinhalb Jahren mit den Machern.

Was willst du damit erreichen?

Ich versuche, hier einfach zu zeigen, wie ich bin. Ich bin nicht «Carlos» und die Leute sollen das begreifen. Selbst kann ich nur sagen: Hier ist Brian, ein Mensch, ich zeige euch meine guten und meine schlechten Seiten. Statt den Medien alles zu glauben, müsst ihr euch selber ein Bild von mir machen. Wir haben aber noch viel mehr Ideen und werden noch viele andere Sachen machen. Ihr werdet es dann sehen.

Glaubst du, die Menschen können so deine Situation besser verstehen?

Ich weiss nicht, ob sie mich besser verstehen. Es ist immer schwierig, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Ich kann nur meinen Standpunkt klar machen. In unserer Gesellschaft funktioniert Empathie nicht wirklich. Zum Beispiel machen sich die Leute lustig über meine Schrift. Das stört mich zwar nicht, zeigt aber, dass sie sich nicht vorstellen können, was es bedeutet, wenn einem das Recht auf Schulbildung verweigert wurde und bis heute wird.

Wie sieht es mit Brieffreundschaften aus?

Ja, ich bekomme Briefe, die ich auch immer beantworte. Ich weiss aber auch von vielen Briefen, die nie bei mir angekommen sind. Die Behörden kontrollieren all meine Post und manchmal verschwindet etwas. Aber wenn ich etwas bekomme, schreibe ich immer zurück.

Wie würdest du dich beschreiben?

Ich finde es schwierig, meinen eigenen Charakter zu beschreiben. Es gibt hier drinnen gute Tage und schlechte Tage. So bin dann auch ich. Manchmal gut, manchmal schlecht – wie ihr draussen auch.

Was hat die Isolationshaft mit dir gemacht?

Isolationshaft ist Folter. Denn es gibt nur zwei Optionen hier drin: Du zerbrichst oder du wirst verrückt. Etwas anderes gibt es nicht. Für jedes Gefängnis gilt, dass es die Menschen nur schlimmer macht. Und dann wundert man sich, wenn Leute aus dem Gefängnis kommen und wieder Straftaten begehen. Man produziert Straftäter und sagt nachher: Schaut mal, diese Intensivtäter, die gehören ins Gefängnis.

Du bezeichnest dich selbst als Opfer der Justiz. Warum?

Schon seit 2013 als ich im Sondersetting 13 Monate straflos war und alles auf einem guten Weg war, hat die Justiz und Politik mich verraten. Sie sperrten mich ohne Grund wieder für 180 Tage ein und ich musste bis vor das Bundesgericht gehen, um zu meinem Recht zu kommen. Es gibt aber noch viele weitere Opfer in diesem System.

Seitdem das mit «Carlos» angefangen hat, behandeln sie mich nicht mehr wie einen Menschen. Sie haben angefangen, den eigenen Lügen zu glauben und vergessen, dass «Carlos» eine Erfindung von den Medien und Politikern war. Aber ich bin nicht «Carlos» und war nie «Carlos» – ich bin Brian.

Was wünschst du dir?

Ich wünsche mir, dass der Staat und die Leute mit dieser Heuchelei aufhören. Sie reden von Resozialisierung und Therapie, aber gleichzeitig machen sie die Leute einfach kaputt. Für meine Resozialisierung interessiert sich hier keiner, sie wollen mich einfach brechen. Ich möchte zukünftig Sport machen, also Boxen, und eines Tages der beste Kämpfer der Welt werden.

Brian klagt gegen Kanton Zürich

Kürzlich wurde Brian vom Obergericht Zürich wegen versuchter schwerer Körperverletzung verurteilt. Es ist das schwerste von insgesamt 29 Delikten, die er hinter Gitter begangen hat. Die Freiheitsstrafe hat das Gericht auf sechs Jahre und vier Monate erhöht. Für Schlagzeilen sorgten während des Prozesses die Foltervorwürfe. Der UNO-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, hat beim Bund interveniert und schriftlich bessere Haftbedingungen gefordert. Brian sei derzeit in einem «unmenschlichen Haftregime», das die Anti-Folter-Konvention verletze.

In einer im August veröffentlichten Stellungnahme der Zürcher Justiz werden die Vorwürfe entschieden zurückgewiesen. Darin heisst es unter anderem, dass es keinerlei Anhaltspunkte für Misshandlungen oder willkürliche Haft gebe. Die Haftbedingungen seien nicht zu beanstanden. Die ergriffenen Massnahmen seien gesetzeskonform, sorgfältig abgewogen und verhältnismässig.

Im Frühling hat Brian gegen den Kanton Zürich geklagt wegen unmenschlicher Behandlung im Gefängnis. Er wollte 40’000 Franken Entschädigung vom Staat. Das Gericht stellte fest, dass die Haftbedingungen, denen Brian 2017 im Gefängnis Pfäffikon ausgesetzt war, gegen die Vorschriften der EMRK und der Bundesverfassung verstiessen und eine Persönlichkeitsverletzung darstellten. Es wies die Entschädigung jedoch ab, weil diese verwirkt sei.

Das sagt der Kanton Zürich

Die Zürcher Justiz hatte im August zu den Foltervorwürfen im Fall Brian Stellung genommen. In einer Stellungnahme des Amtes für Justizvollzug und Wiedereingliederung des Kantons Zürich (Juwe) werden die Vorwürfe entschieden zurückgewiesen. Die Stellungnahme wurde auf der Website der Sonderverfahren publiziert.

Zu den in diesem Interview gemachten Vorwürfen sagt das Juwe: «Wir sind uns bewusst, dass die Situation für B. und für alle Beteiligten belastend und unbefriedigend ist. Bedauerlicherweise war es B. bislang nicht möglich, die an ihn gestellten Voraussetzungen nachhaltig zu erfüllen, weshalb seit Beginn der Einzelhaft keine Regimelockerungen erfolgen konnten.» Ob eine Lockerung der strengen Haftbedingungen des Inhaftierten möglich ist, werde immer wieder aufs Neue überprüft. Weiter heisst es, dass ein- und ausgehende Korrespondenz grundsätzlich und bei allen Inassen der JVA Pöschwies kontrolliert werde. Briefe an die Rechtsanwältin oder den Rechtsanwalt sowie an die Aufsichtsbehörde werden inhaltlich nicht kontrolliert und dürfen verschlossen abgegeben werden, so das Juwe. Von Amtes wegen dürfen gemäss der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung nur Schreiben zurückbehalten werden, die gegen die Rechtsordnung verstossen, die Sicherheit und Ordnung oder den Vollzugszweck der JVA Pöschwies gefährden.

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