Aktualisiert 23.07.2018 19:04

Özil tritt aus deutschem Nationalteam zurück«Ich bin nur Deutscher, wenn wir gewinnen»

Diese Botschaft hat es in sich: Mesut Özil rechnet mit seinen Kritikern ab – und verkündet den Rücktritt aus dem deutschen Nationalteam.

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nry/fas
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Posieren in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan: So sorgen die Fussballer Cenk Tosun (r.), Mesut Özil (2.v.l.) und Ilkay Gündogan (l.) für Gesprächsstoff.

Posieren in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan: So sorgen die Fussballer Cenk Tosun (r.), Mesut Özil (2.v.l.) und Ilkay Gündogan (l.) für Gesprächsstoff.

Keystone/Turkish Presidential Press Service
Von Özil erhält Erdogan ein Arsenal-Trikot.

Von Özil erhält Erdogan ein Arsenal-Trikot.

Keystone/Turkish Presidential Press Service
Seit 2013 spielt Özil für Arsenal.

Seit 2013 spielt Özil für Arsenal.

Keystone/Andy Rain

Mesut Özil hat genug. Nach zahlreichen Kritiken und Beleidigungen hat sich der Fussballer entschieden, nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen. Seinen Entscheid begründete er in einer dreiteiligen Botschaft in den Sozialen Medien. Und diese könnte kaum deutlicher ausfallen. Unter anderem schreibt er: «Ich war einmal stolz, das deutsche Trikot tragen zu dürfen. Jetzt tue ich das nicht mehr.» Auslöser war das Bild des deutsch-türkischen Mittelfeldspielers, das ihn, gemeinsam mit Ilkay Gündogan und dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigte.

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Posieren in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan: So sorgen die Fussballer Cenk Tosun (r.), Mesut Özil (2.v.l.) und Ilkay Gündogan (l.) für Gesprächsstoff.

Posieren in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan: So sorgen die Fussballer Cenk Tosun (r.), Mesut Özil (2.v.l.) und Ilkay Gündogan (l.) für Gesprächsstoff.

Keystone/Turkish Presidential Press Service
Von Özil erhält Erdogan ein Arsenal-Trikot.

Von Özil erhält Erdogan ein Arsenal-Trikot.

Keystone/Turkish Presidential Press Service
Seit 2013 spielt Özil für Arsenal.

Seit 2013 spielt Özil für Arsenal.

Keystone/Andy Rain

Die Fotos warfen in Deutschland landesweit hohe Wellen und sorgten für viel Polemik, vor allem um Özil und die deutsche Nationalmannschaft. Die Fans ärgerten sich über den Profi und verlangten eine Stellungnahme. Diese blieb aus.

«Ich hätte das Foto trotzdem gemacht»

Doch nun hat sich Özil gemeldet. In seiner Botschaft unterstreicht er, dass das Bild kein politisches Statement beinhaltet, und begründet es mit seinen türkischen Wurzeln: «Den Präsidenten nicht zu treffen, wäre respektlos gegenüber meinen Vorfahren gewesen. Wir haben uns wie in früheren Treffen nur über Fussball unterhalten.» Er habe nun mal zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches, und seine Mutter habe ihn gelehrt, nie zu vergessen, wo er herkomme.

Özil fährt fort: «Ich kann nachvollziehen, dass das schwer zu verstehen ist, da in den meisten Kulturen der politische Führer nicht von der Einzelperson getrennt werden kann. In diesem Fall ist das aber anders.» Die Wahlen in der Türkei, die im Juni stattfanden, seien dabei kein wichtiger Faktor gewesen. «Ich hätte das Foto trotzdem gemacht.»

Özil tritt aus Nationalmannschaft zurück. (Video: AFP via SID)

In einem weiteren ausführlichen Post schiesst er scharf gegen die deutschen Medien: «Ich kann nicht akzeptieren, dass die Medien ein einfaches Bild als Ursache für unseren WM-Auftritt benutzten. Sie haben nicht meine Leistung, sondern einfach meine türkische Abstammung kritisiert.» Lothar Matthäus habe sich auch mit Staatsoberhäuptern (beispielsweise Wladimir Putin) getroffen, jedoch sei er nicht ins Kreuzfeuer der Medien geraten. «Ich hingegen musste mich gegenüber dem DFB rechtfertigen.» Ausserdem weist Özil darauf hin, dass er in Russland 23 Kindern dabei geholfen habe, «lebensverändernde Operationen zu bekommen». Dies hätten die Zeitungen aber nicht beachtet.

Özil fügt an, dass aufgrund der negativen Berichterstattung die Zusammenarbeit mit einigen Sponsoren abgebrochen wurde. Dazu habe seine frühere Schule in Gelsenkirchen einen mit ihm geplanten Termin abgesagt – aus Angst vor der Berichterstattung und auch aufgrund des Aufstiegs einer rechtsgerichteten Partei in Gelsenkirchen.

Neben den Medien rechnet der Fussballer auch mit dem Deutschen Fussball-Bund (DFB) ab. Präsident Reinhard Grindel hatte Özil um eine öffentliche Stellungnahme gebeten, die Sponsoren aber hätten sich für Verfehlungen in einer Abgas-Affäre nicht entschuldigen müssen. «Warum?», fragte Özil: «Was hat der DFB zu all dem zu sagen?»

Noch deutlicher wird Özil im dritten Teil. Er würde nicht länger als Sündenbock für Grindels Inkompetenz hinhalten: «Ich weiss, dass er mich schon vor der WM aussortieren wollte, aber Bundestrainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff haben mich unterstützt.» Und weiter: «In seinen Augen bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen und Einwanderer, wenn wir verlieren.» Abgesehen davon, dass er Steuern in Deutschland bezahle, deutsche Schulen finanziell unterstütze und 2014 Weltmeister wurde, sei er weiterhin nicht akzeptiert in der Gesellschaft.

«Mein Freund Lukas Podolski und Miroslav Klose wurden nie als deutsch-polnisch bezeichnet. Wieso also ich? Weil es die Türkei ist? Weil ich Muslim bin?», fragt Özil in seinem Statement. Er könne nicht verstehen, dass er nicht als Deutscher akzeptiert werde. Schliesslich sei er in Deutschland geboren und ausgebildet worden.

Zahlreiche rassistische Beleidigungen

Özil fühlt sich nicht nur von Grindel schlecht behandelt: «Bernd Holzhauer (ein deutscher Politiker) hat mich einen Schafsficker genannt.» Dazu klagt er weitere Beleidigungen an: «Ohne die zahlreichen drohenden Telefonanrufe und Social-Media-Kommentare zu nennen.» Für all diese sei das Foto mit Präsident Erdogan eine Gelegenheit gewesen, ihre zuvor versteckten rassistischen Tendenzen rauszulassen: «Das ist gefährlich für die Gesellschaft.» Ausserdem habe nach der WM-Partie gegen Schweden ein Fan gerufen: «Özil, verpiss dich du scheiss Türkensau. Türkenschwein hau ab.»

Der Rücktritt aus dem DFB-Team sei ihm sehr schwer gefallen, er habe sich bei seinen Teamkollegen und Staff immer sehr wohl gefühlt. «Aber wenn hochrangige DFB-Offiziere mich so behandeln, wie sie es tun, meine türkischen Wurzeln nicht respektieren und mich für ihre politische Propaganda missbrauchen, dann ist genug», so Özil weiter. Das sei nicht der Grund, weshalb er Fussball spiele, und er werde sich auch nicht zurücklehnen, und nichts tun: «Rassismus sollte niemals akzeptiert werden.»

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