Pädophilie: «Ich bin pädophil, aber ich werde nie ein Kind anfassen»
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Pädophilie«Ich bin pädophil, aber ich werde nie ein Kind anfassen»

Philipp* ist pädophil. Seine sexuellen Fantasien mit Buben sind immer präsent. Weil er sie nicht ausleben und sich strafbar machen will, geht der 28-Jährige in Therapie.

von
Jacqueline Straub
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Mit 16 Jahren hörte Philipp zum ersten Mal von Präventionstherapien, bei denen Pädophile unter psychologischer Begleitung lernen, mit ihrer sexuellen Neigung umzugehen. Der Prozess dauert Jahre, und eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht.

Mit 16 Jahren hörte Philipp zum ersten Mal von Präventionstherapien, bei denen Pädophile unter psychologischer Begleitung lernen, mit ihrer sexuellen Neigung umzugehen. Der Prozess dauert Jahre, und eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht.

20 Minuten

Darum gehts

  • Philipp ist kernpädophil. Er fühlt sich sexuell nur zu Jungen zwischen sieben und dreizehn Jahren hingezogen.

  • Für ihn ist seine Pädophilie eine Qual, weil er weiss, dass er immer allein bleiben wird.

  • Damit er nicht zum Täter wird, geht er in Therapie die lebenslang dauern wird.

«Ich hatte noch nie das Glück, wahre Liebe empfinden zu dürfen. Das werde ich auch nie, weil ich keine Beziehung mit einem Kind haben darf. Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber ich führe täglich einen inneren Kampf. Es ist eine Qual für mich, pädophil zu sein.

Als ich 20 Jahre alt war, war ich für wenige Tage mit einer Frau zusammen. Es war unerträglich. Ich habe schnell gemerkt, dass ich keine Gefühle für eine erwachsene Person entwickeln kann. In Buben aber habe ich mich schon öfters verliebt. Ich versuche, diesen Fantasien nicht nachzuhängen – allein der Gedanke daran verstärkt meinen Drang.

«Ich wurde selbst in meiner Kindheit misshandelt»

Sex hatte ich noch nie. Auch wenn ich Sex mit einem Mann oder mit einer Frau haben würde, würde ich an Buben denken. Am liebsten habe ich dünne Jungen zwischen sieben und dreizehn Jahren, Hautfarbe und Haarfarbe sind mir egal. Wobei ich blonde Buben schon sehr hübsch finde.

Es vergeht kein Tag, an dem ich keine sexuellen Fantasien mit Buben habe. Auch beim Masturbieren denke ich an sie. Kinderpornos aber schau ich mir keine an. Meine Freiheit ist mein grösstes Gut. Diese möchte ich nicht verlieren, nur weil ich Kinderpornos konsumiere. Ich wünsche mir zwar körperliche Nähe mit einem Buben, doch ich würde mich nie an einem Kind vergehen. Ich wurde selbst in meiner Kindheit misshandelt. Ich weiss, wie schlimm das ist. Noch heute verfolgt mich die sexuelle Gewalt in Albträumen.

«Ich werde mein Leben lang allein sein»

Schon als 10-Jähriger spürte ich, dass ich jüngere und gleichaltrige Jungen anziehend finde. Als ich älter wurde, blieb ich fixiert auf Buben in diesem Alter. Ich habe lange gebraucht, bis ich akzeptieren konnte, dass ich pädophil bin und mein Leben lang allein sein werde. Pädophilie macht einsam.

Mit 16 Jahren hörte ich zum ersten Mal von Präventionstherapien, bei denen Pädophile unter psychologischer Begleitung lernen, mit ihrer sexuellen Neigung umzugehen. Der Prozess dauert Jahre, und eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht. Dennoch habe ich mich entschlossen, solch eine Therapie in Angriff zu nehmen. Und ich beobachte Fortschritte: Letzte Woche im Zug setzte sich ein Schuljunge direkt neben mich. Das war schön und unschön zugleich. Es ist vor allem der Geruch, der bei mir das Kopfkino anwirft. Dank der Therapie halte ich es heute gut aus, dass aus meinen Fantasien nie mehr werden wird.

«Meine Eltern wollen nichts darüber hören»

Andauernd sehe ich in meinem Alltag Buben, die meinem Typ entsprechen. Sie fallen mir immer sofort auf. Ich muss nicht ins Schwimmbad oder auf einen Spielplatz, um sie zu sehen. Ich versuche, Situationen zu vermeiden, in denen mir viele Kinder über den Weg laufen könnten. So gehe ich morgens früh aus dem Haus und komme erst spätabends von der Arbeit, wenn kaum noch Kinder unterwegs sind. Immerhin: Die Familienfeste mit meinen jüngeren Cousins sind für mich unproblematisch. Sie sind sexuell null interessant für mich. Weshalb das so ist, weiss ich nicht. Aber ich bin froh, dass ich wenigstens dort unbeschwert von Kindern umgeben sein kann. Für mich selbst ist es normal, pädophil zu sein. Ich kenne ja nichts anderes. Aber ich weiss, dass viele das als abnormal ansehen. Ich frage mich oft, warum es genau mich getroffen hat.

In meinem Umfeld wissen nur wenige, dass ich pädophil bin. Meine Eltern habe ich informiert, aber sie wollen nichts davon hören. Aber immerhin haben es meine engsten Freunde gut aufgefasst. Von der Gesellschaft wünsche ich mir, dass man sich differenzierter mit Pädophilie auseinandersetzt und Menschen mit dieser Neigung ermutigt, sich Hilfe zu suchen. Dann hätten wir auch weniger Fälle von sexueller Gewalt.»

*Name von der Redaktion geändert.

Monika Egli-Alge ist Psychologin und Geschäftsführerin der Fachstelle Forio, die Präventionstherapien für Pädophile anbietet.

Monika Egli-Alge ist Psychologin und Geschäftsführerin der Fachstelle Forio, die Präventionstherapien für Pädophile anbietet.

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«Pädophile müssen Skills erlernen, um Situationen, in denen Kinder vorkommen, zu bewältigen»

Monika Egli-Alge, wie viele Menschen mit pädophiler Neigung gibt es in der Schweiz?

Etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung trägt diese Präferenzbesonderheit in sich. In der Schweiz gibt es demnach über 42’000 Männer, die pädophile Neigungen haben.

Wie viele Frauen sind pädophil?

Darüber gibt es keine Zahlen. Aber ich sehe keinen Grund, warum Frauen nicht auch eine pädophile Ausrichtung entwickeln sollten.

Wie viele Pädophile werden straffällig?

Weniger als die Hälfte begeht Straftaten.

Wann verjährt Missbrauch an Kindern?

Am 30. November 2008 hat die Schweiz die «Unverjährbarkeitsinitiative» angenommen. Seither verjähren Sexualdelikte an Kindern unter 12 Jahren nicht mehr.

Wie entsteht Pädophilie?

Es gibt keinen gesicherten Hinweis, wie sich diese sexuelle Präferenz entwickelt. Das macht es auch so schwierig, sie zu behandeln.

Ist Pädophilie demnach nicht heilbar oder therapierbar?

Sexualität findet zwischen den Beinen und im Kopf statt. Die Fantasien hören etwa durch eine Kastration nicht auf. Manche Betroffene werden depressiv und nehmen Antidepressiva ein, diese senken als Nebenwirkung die Libido. Die Betroffenen empfinden das als angenehm. Aber bei vielen Pädophilen nützen Medikamente nichts. Manchmal dauert die Therapie lebenslang.

Kann man einen Pädophilen allein mit Kindern im Raum lassen?

Es muss mit der gleichen Vorsicht vorgegangen werden wie bei jedem anderen. Rund die Hälfte aller Missbräuche an Kindern wird nicht von pädophilen Tätern begangen. Was Pädophile anbelangt, müssen diese durch eine jahrelange Präventionstherapie lernen, was sie meiden müssen, damit sie nicht zu Tätern werden. Es hat viel mit Selbstkontrolle und Disziplin des Verhaltens zu tun. Pädophile müssen Skills erlernen, um Situationen, in denen sie auf Kinder treffen, zu bewältigen. Das heisst, dass sie dann auch neben einem Kind sitzen können, ohne über dieses herzufallen. Die Fantasien werden aber immer bleiben.

Wann wird den Betroffenen klar, dass sie diese sexuelle Neigung haben?

Meist merken sie es, wenn sie älter werden, ihr begehrtes Gegenüber aber gleich jung bleibt. Oder wenn sie sexuelle Erfahrungen mit gleichaltrigen Erwachsenen gemacht haben und feststellen, dass sie keine Erregung oder sexuellen Gefühle für erwachsene Personen empfinden. Das ist immer ein langer und oft schmerzhafter Prozess. Die Diagnose Pädophilie kann aber erst ab dem 18. Lebensjahr gestellt werden.

forio.ch
keinmissbrauch.ch
052 723 30 00

Bund weitet Präventionsangebot für Pädophile aus

Der Bundesrat hat am 11. September 2020 den Bericht «Präventionsangebote für Personen mit sexuellen Interessen an Kindern» verabschiedet. Darin antwortet er auf die Postulate «Präventionsprojekt ‹Kein Täter werden› für die Schweiz» der ehemaligen SVP-Nationalrätin Natalie Rickli und von SP-Ständerat Daniel Jositsch. Der Bundesrat hält fest, dass es in der Schweiz Lücken in Bezug auf das Beratungs- und Therapieangebot für Pädophile gebe, und ist bereit, in allen Sprachregionen ein Beratungsangebot zu subventionieren und die schweizweite Koordination des Angebots zu unterstützen. «Personen mit sexuellen Interessen an Kindern sollen sich präventiv zu Therapien anmelden können, um nicht straffällig zu werden und deliktfrei ihre Neigung kontrollieren zu können», sagt SP-Ständerat Daniel Jositsch.

Bist du oder jemand, den du kennst, pädophil oder von Pädokriminalität betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Castagna, Opferhilfe für sexuell ausgebeutete Kinder und Bezugspersonen

Kokon, Beratungsstelle und Hotline für Betroffene von körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du beim Institut Forio und bei den Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel (UPK).

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