Proteste in Armenien: «Ich bin so stolz auf unsere Jugend»
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Proteste in Armenien«Ich bin so stolz auf unsere Jugend»

Tagelang protestierten die Armenier gegen ihren Premier – mit Erfolg. Zwei Schweizer mit armenischen Wurzeln über den Konflikt in ihrer zweiten Heimat.

von
Mareike Rehberg
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Tagelang kam es in Armenien zu Massenprotesten gegen den Regierungschef. (23. April 2018)

Tagelang kam es in Armenien zu Massenprotesten gegen den Regierungschef. (23. April 2018)

AFP/Vano Shlamov
Elf Tage lang gingen Zehntausende Menschen auf die Strasse, darunter viele junge Menschen.

Elf Tage lang gingen Zehntausende Menschen auf die Strasse, darunter viele junge Menschen.

AP/Aram Kirakosyan
Am 23. April erklärte Armeniens Ministerpräsident Sersch Sargsjan schliesslich seinen Rücktritt.

Am 23. April erklärte Armeniens Ministerpräsident Sersch Sargsjan schliesslich seinen Rücktritt.

AFP/Karen Minasyan

In der armenischen Hauptstadt Jerewan ging seit elf Tagen nichts mehr. Zehntausende Menschen versammelten sich zur grössten Protestwelle in einer früheren Sowjetrepublik seit der pro-europäischen Maidan-Bewegung in der Ukraine 2013. Mit Erfolg: Am Montag trat Ministerpräsident Sersch Sargsjan zurück. Was war passiert? 20 Minuten hat mit zwei Schweizern gesprochen, die armenische Wurzeln haben.

Wie kam es zu den Protesten?

Die Proteste waren vorletzte Woche ausgebrochen, weil Sersch Sargsjan nach zehn Jahren als Präsident die Macht in Armenien nicht abgegeben hatte. Stattdessen liess er sich zum Premierminister wählen. Dieses Amt hat durch eine Änderung der Verfassung mehr Macht bekommen. «Damit hatte Sargsjan de facto sein drittes Mandat angetreten», sagt Sarkis Shahinian, Generalsekretär der Parlamentarischen Gruppe Schweiz-Armenien und Ehrenpräsident der Gesellschaft Schweiz-Armenien, zu 20 Minuten.

Warum gingen die Menschen auf die Strasse?

Shahinian zufolge spielte vor allem die soziale und wirtschaftliche Lage im Land eine Rolle. «Über 30 Prozent der Menschen leben in Armut», sagt der 53-jährige Übersetzer aus Schmitten FR. Unter Sargsjan hätten in den letzten Jahren noch mehr Menschen das Land verlassen. Für Unmut sorge auch die Situation in der Armee, in der etwa Söhne von Oligarchen nicht dienen müssten.

Wer protestierte?

Vor allem junge Leute, Studenten. «Trotz guter Ausbildung haben sie keine Perspektive in Armenien», sagt Shahinian. Es sei aber auch die Mittelschicht auf die Strasse gegangen. Ausserdem hätten sich ein Teil der Armee sowie einige Geistliche dem Protest angeschlossen. «Ich bin sehr berührt von dem, was geschehen ist, und einfach stolz auf die Jugend», betont Shahinian. Das sei in erster Linie ihr Sieg. Lili Harutyunyan vom Armenischen Verein Zürich besucht gerade ihre Eltern in Jerewan. Eigentlich wollte die 33-Jährige am Montagabend an den Protesten teilnehmen, sagt sie zu 20 Minuten – jetzt wird daraus wohl eher eine Party.

Wieso jetzt die schnelle Wende?

«Der Druck von unten war immens, aber es muss ganz klar eine Verständigung zwischen Moskau und Washington gegeben haben», glaubt Shahinian. Ohne diese Mächte wäre diese Entwicklung unmöglich gewesen, meint der Schweizer mit den armenischen Wurzeln. Moskau könne Sargsjan auch fallen gelassen haben. Die Frage sei, was nun passiere. «Das Intelligenteste wäre wirklich eine Übergangsregierung und dann sofortige ausserordentliche Parlamentswahlen», so Shahinian.

Wie war die Situation vor dem Rücktritt?

Am Sonntagabend versammelten sich 40'000 Menschen auf dem Platz der Republik in Jerewan. Die Polizei ging mit Härte gegen die Demonstranten vor. Allein am Sonntag wurden in Jerewan 280 Menschen festgenommen. Die grössten Proteste sollten eigentlich am Montag und am Dienstag, dem Gedenktag an den Völkermord, stattfinden. Doch statt Unmut herrscht nun Euphorie. Während der Proteste war die Situation schwierig. Schulen und Geschäfte waren geschlossen, sagt Lili Harutyunyan.

«Ein Polizist hielt unser Taxi an und kontrollierte unsere Papiere», berichtet die Schweizer Architektin. Der Beamte habe sie fahren lassen. «Ich habe aber gesehen, wie andere Autos kontrolliert und einige Menschen festgenommen wurden», berichtet die Mutter zweier Kinder. Auf Videos habe sie gesehen, wie Polizisten gewaltsam gegen friedlich demonstrierende Studenten vorgingen.

Welche Rolle spielte die Opposition?

Anführer der Proteste war der Oppositionsabgeordnete Nikol Paschinjan. Er wollte eine «friedliche samtene Revolution». Zusammen mit zwei anderen Oppositionellen wurde er am Sonntag festgenommen, inzwischen aber wieder freigelassen. Zuvor hatte der umstrittene Ministerpräsident ein Treffen mit Paschinjan vor laufenden Kameras nach wenigen Minuten abgebrochen, weil der Oppositionsführer ihn zum Rücktritt aufforderte. Der Premier warf ihm daraufhin «Erpressung» vor.

https://www.20min.ch/ausland/news/story/Ministerpraesident-tritt-nach-Protesten-zurueck-29244679

(Video: Tamedia/AFP)

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