Geflohene Oppositionsführerin: «Ich bin wohl immer noch die schwache Frau, die ich zuvor war»

Publiziert

Geflohene Oppositionsführerin«Ich bin wohl immer noch die schwache Frau, die ich zuvor war»

Sie hatte dem «letzten Diktator Europas» den Kampf angesagt – doch jetzt hat die weissrussische Oppositionelle Swetlana Tichanowskaja (37) überraschend das Land verlassen. Was steckt dahinter?

von
Ann Guenter

«Ich weiss, dass mich viele Menschen verstehen werden, viele über mich urteilen werden, viele mich hassen werden.»

Darum gehts

  • Swetlana Tichanowskaja wollte den sechsten Wahlsieg des weissrussischen Präsidenten Lukaschenko nicht anerkennen. Keine 24 Stunden später aber hat sie das Land verlassen.
  • Das habe sie freiwillig getan, betont sie. Doch Zweifel sind angebracht: Sie musste wohl gehen.
  • Bei Protesten gegen Lukaschenko wurden im autokratischen Staat 2000 Menschen verhaftet.

Sie wolle bleiben und weiter für ihr Land kämpfen, sagte Swetlana Tichanowskaja eben erst. Den sechsten Wahlsieg von Präsident Alexander Lukaschenko, dem offiziell über 80 Prozent der Stimmen zugefallen sein sollen, wollte sie anfechten. Die politisch unerfahrene Englischlehrerin, die statt ihres inhaftierten Ehemannes und als einzige Herausforderin kandidiert hatte, warf dem weissrussischen Präsidenten Wahlbetrug vor und gab sich unbeugsam.

Doch jetzt ist alles anders gekommen. Tichanowskaja hat sich überraschend ins Nachbarland Litauen abgesetzt. Jetzt sei sie in Sicherheit, sagte der litauische Aussenminister Linas Linkevicius. Sie erhalte ein Visum für ein Jahr. In Litauen sollen bereits die Kinder von Tichanowskaja sein. Sie hatte die beiden aus Sicherheitsgründen noch vor der Wahl ausser Landes bringen lassen.

Mysteriöses Video

Sie habe ihr Heimatland auf eigenen Antrieb verlassen, sagt sie in einem am Dienstag veröffentlichten Youtube-Video. Die 37-Jährige wirkt darin abgekämpft. «Ich dachte, der Wahlkampf hätte mich wirklich abgehärtet, er hat mir so viel Kraft gegeben, dass ich dachte, mit allem fertigzuwerden», so Tichanowskaja. «Aber ich bin wohl immer noch die schwache Frau, die ich zuvor war.» Sie sei sich bewusst, dass viele sie verstehen, viele sie jetzt aber auch verurteilen und hassen würden.

Tichanowskaja betont zwar, Belarus freiwillig verlassen zu haben – doch der Druck auf sie muss enorm gewesen sein. Am Montag sei sie sieben Stunden lang von weissrussischen Sicherheitskräften festgehalten worden, bevor sie zur litauischen Grenzen gebracht wurde, hiess es aus Litauen. «Swetlana hatte keine Wahl», sagte Olga Kowalkowa, Mitglied von Tichanowskajas Wahlteam. Medienberichte legen nahe, dass man Tichanowskaja drohte, ihrem seit Mai inhaftierten Mann, einem oppositionellen Blogger, etwas anzutun, sollte sie nicht Ruhe geben und das Land verlassen.

Dafür könnte auch ein Video aus einem staatsnahen weissrussischen Telegram-Kanal sprechen. Darin warnt Tichanowskaja die Menschen in Belarus davor, weiter zu demonstrieren. Doch: «Das Video wirkt inszeniert, Tichanowskaja liest die Erklärung vom Blatt ab, schaut kaum hoch, anders als in der ersten Aufnahme, in der sie frei spricht, in die Kamera schaut», schreibt Spiegel.de.

Über 2000 Festnahmen

Für die Wahlen hatten unabhängige Wahlbeobachter zahlreiche Wahlverstösse gemeldet. Dazu lassen Unterlagen aus rund hundert Wahllokalen sowie Nachbefragungen darauf schliessen, dass Tichanowskaja weit mehr als die ihr offiziell zugestandenen zehn Prozent der Stimmen erhalten hatte. Entsprechend betrogen fühlen sich viele weissrussische Bürger. Ihre Wut entlädt sich seit Montag im ganzen Land bei gewaltsamen Protesten gegen Lukaschenko – ein Novum in der ehemaligen Sowjetrepublik.

Nach Polizeiangaben wurden dabei mehr als 2000 Menschen festgenommen. Ein Demonstrant sei getötet worden, als ein Sprengstoff in seiner Hand explodiert sei. 21 Sicherheitskräfte seien verletzt worden, 5 von ihnen hätten in ein Spital gebracht werden müssen, teilte das Innenministerium mit.

Litauen: Putin will Belarus integrieren

Die EU kritisierte ebenso wie die Bundesregierung einen «unverhältnismässigen und inakzeptablen Einsatz staatlicher Gewalt». Westliche Beobachter stuften die Abstimmung – wie alle anderen Wahlen seit 1995 in dem Land – als weder frei noch fair ein. Ein Sprecher der EU-Kommission sagte am Dienstag, die EU werde ihre gesamten Beziehungen zu Belarus auf den Prüfstand stellen. Nicht äussern wollte er sich zur Frage von Sanktionen. Seinen Angaben zufolge bereiten die 27 EU-Staaten eine gemeinsame Erklärung vor.

Der litauische Aussenminister Linas Linkevicius sagte, die Führung in Minsk müsse politische Konsequenzen erwarten. Er äusserte zudem die Vermutung, dass Russland Druck auf die geschwächte Führung in Belarus ausübe, um eine Integration beider Länder voranzutreiben.

Deine Meinung

65 Kommentare