Eren Derdiyok: «Ich brauche den Tritt in den Hintern»
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Eren Derdiyok«Ich brauche den Tritt in den Hintern»

In Hoffenheim ruht er auf der Bank, in der Nati ruhen die Hoffnungen auf ihm: Eren Derdiyok will sich durch gute Leistungen mit der Schweiz wieder für den Klub aufdrängen.

von
S. Compagno & E. Tedesco

Eren Derdiyok im Interview mit 20 Minuten Online.

20 Minuten Online: Eren Derdiyok, lassen Sie uns zuerst über Hoffenheim sprechen: Dort sassen Sie zuletzt auf der Ersatzbank, dazu kam der schwere Autounfall Ihres Teamkollegen Boris Vukcevic. In welcher mentalen Verfassung sind Sie zur Nati eingerückt?

Eren Derdiyok: Ich habe die Saison im Tief angefangen, obwohl ich vor Selbstvertrauen strotzte und auch vom Trainer zunächst viel Vertrauen spürte. In den letzten Wochen musste ich unten durch. Zuerst hatte ich gespielt, aber wir holten keine Punkte. Dann nahm der Trainer zwei, drei Wechsel vor – einer davon betraf mich – und die Mannschaft hat angefangen zu punkten und zu gewinnen. Da ist es selbstverständlich, dass die Mannschaft nicht mehr gross verändert wird. Aber das heisst nicht, dass ich mich jetzt gehen lasse. Ich muss das akzeptieren und gebe im Training noch mehr Gas.

Und Boris Vukcevic?

Der Unfall hat uns alle schockiert. Wir waren kurz davor, das Spiel gegen Augsburg abzusagen. Dann haben wir uns überlegt, was er sich wünschen würde. Wir haben einen Tag vor dem Spiel abgestimmt. Hätten wir abgesagt und wären zuhause geblieben, hätte das Boris ja auch nichts gebracht. Wir dürfen ihn im Spital nicht besuchen, können ihn nicht unterstützen. Also haben wir beschlossen, für ihn zu spielen.

Belasten Sie diese Probleme im Klub hier bei der Nati?

Die Nati ist ein anderes Kapitel. Hier bin ich mit Selbstvertrauen eingerückt. Ich habe zwar in den Spielen gegen Slowenien und Albanien nicht getroffen, aber als Mannschaft waren wir erfolgreich und ich habe mannschaftsdienlich gespielt.

Ihre Rolle in der Nationalmannschaft ist auch nicht zwingend die des Skorers: Sie sind Anspielstation, halten Bälle, legen sie für Mitspieler auf ...

... natürlich würde ich diese Arbeit gerne mit einem Tor krönen. Darüber würden sich Trainer und Mannschaft freuen. Aber der Trainer weiss, dass ich versuche, mannschaftsdienlich zu spielen. Man hat gesehen, dass ich in diesen zwei Spielen nicht zu viele Bälle erhalten habe. Darum habe ich versucht, die anderen in Szene zu setzen, was ab und zu auch gelungen ist. Ich freue mich, hier bei der Nati zu sein. Wir haben zwei grosse Herausforderungen vor uns und danach möchte ich bei Hoffenheim wieder voll angreifen und meinen Platz in der Startformation zurückgewinnen.

Was Sie uns erklären müssen: Ihr Talent und Ihr Können sind unbestritten. Woran aber liegt es, dass Sie Ihre PS nicht auf den Boden bringen?

Wenn ich das wüsste, würde ich das in jedem Spiel machen. Wissen Sie, den Wechsel nach Hoffenheim habe ich aus meinem Bauchgefühl heraus und mit voller Überzeugung gemacht. Der Trainer wollte mich unbedingt, die Saisonvorbereitung war unheimlich hart, aber auch sehr gut. An der Fitness liegt es also nicht. Dann kam dieses DFB-Pokalspiel (Hoffenheim verlor beim Viertligisten Berliner AK mit 0:4, die Red.) und die ersten Runden lief es auch nicht. Fussball ist ein Mannschaftssport und wir hatten da als Mannschaft noch nicht funktioniert. Jetzt funktioniert die Mannschaft – aber ohne mich.

Sie sagen, der Wechsel sei Bauchgefühl und Überzeugung gewesen ...

... absolut. Ich brauchte nach drei Jahren in Leverkusen eine Abwechslung. Dort war ich blockiert, ich kam nicht mehr weiter. Ich hatte gute Gespräche mit Trainer Markus Babbel und war mir sicher, das Richtige zu tun. Ich bereue nichts. Es passt auch alles: Klub, Trainer, Ort. Es gibt nichts, über das ich mich beschweren könnte. Ich bin dankbar für alles, was ich in Hoffenheim habe. Und ich bin sicher, dass ich für diese Einstellung irgendwann etwas zurückbekomme. Ich darf mich jetzt nicht hängen lassen. Im Fussball ist man mal oben, mal unten. Ich komme jetzt halt von ganz unten. Weiter runter gehts ja nicht.

Das müssen Sie erklären.

Das kann ich mir schlicht nicht vorstellen. Das entspricht nicht meinem Charakter. Ich bin ein Typ, der manchmal einen Tritt in den Hintern braucht, um aus sich herauszukommen. Und jetzt ist es so weit.

Erhalten Sie Hilfe im Klub? Mentaltrainer, Sportpsychologen?

Die gibt es, aber ich suche sie nicht. Ich habe diese Situation schon öfter durchgemacht und kann selber beurteilen, was richtig und was falsch ist, wie ich mich verhalten muss. Ich werde jetzt sicher nicht den Trainer oder die Mitspieler attackieren, sondern im Gegenteil noch härter an mir arbeiten.

Was in Ihrer Karriere auffällt, sind die Leistungsschwankungen: Mal ein Tor des Jahres, dann wieder gar nichts.

Das kann ich so bestätigen, vor allem zu meiner Zeit in Leverkusen. Bei Hoffenheim ist es noch zu früh, um das zu beurteilen. Wie gesagt: Die Vorbereitung war super. Danach bin nicht ich als Einzelspieler, sondern sind wir als Mannschaft schlecht in die Meisterschaft gestartet.

Aber woher kommen diese Schwankungen?

Von irgendwoher muss man ja das Selbstvertrauen holen. Nach vier Niederlagen in Serie ist das nicht so einfach. Wenn der Erfolg da ist, dann kann man eher mal herausragen. Das kam in Leverkusen öfter vor. Aber dort hatte ich nie das Gefühl, die Nummer 1 im Sturm zu sein. Der Trainer hat zwar gesagt, ich sei seine Nummer 1, doch dann sass ich wieder sechs Spiele auf der Bank. Dann spielte ich wieder, schoss dieses Tor gegen Wolfsburg (sein Fallrückzieher schaffte es in der Wahl zum Tor des Jahres 2011 auf Platz 3, die Red.) und schoss nachher international und in der Bundesliga sechs, sieben Tore. Genau das könnte jetzt auch wieder passieren. Ich will dem Trainer schon in der Nati zeigen, dass ich zurück in die Startformation will. Ich bin nicht nach Hoffenheim gegangen, um auf der Bank zu sitzen.

In der Nati sind Sie unbestritten. Tut Ihnen das gut, zu wissen, dass Sie am Freitag schon bei der Hymne auf dem Platz stehen?

Das kommt auch auf mein Verhalten an! Aber der Trainer hat angedeutet, dass er sehr viel von mir hält und die letzten beiden Spiele waren auch ganz okay. Ja, es tut gut. Es ist schön, hier bei meinen Freunden in der Nationalmannschaft zu sein. Es ist eine willkommene Abwechslung.

In der Nationalmannschaft stand Ihnen während langer Zeit Alex Frei vor der Sonne. Was hat sich für Sie verändert, seit er nicht mehr hier ist?

Ich stehe mehr im Fokus. Aber Alex ist ein ganz anderer Spielertyp als ich. Was Alex in der Nati geleistet hat, verdient grössten Respekt.

Wenn Sie sehen, wie Alex Frei in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, stimmt Sie das als Nationalspieler nachdenklich?

Sie meinen, dass er im Heimspiel ausgepfiffen wurde? (Überlegt) Falls so etwas passiert, was könnte ich schon tun? Ich käme wohl damit klar, weil wir eine intakte Mannschaft sind. Aber was Alex widerfahren ist, das ist unerhört. Alex verdient Respekt, von uns Spielern, aber auch von der Nation. Sein Charakter oder sein Privatleben soll niemanden interessieren. Interessieren soll nur, was er auf dem Platz geleistet hat und darüber muss man wohl nicht diskutieren.

Alex Frei hatte immer eine zweite Sturmspitze neben sich. Wäre das ein System, in dem Sie sich wohler fühlten?

Ich kann mir beides vorstellen. Aber im Moment klappt das Zusammenspiel mit Granit Xhaka recht gut. Ich bin ein «Wandspieler», er bewegt sich hinter mir. Noch funktioniert nicht alles zu 100 Prozent, aber wir sind auf dem richtigen Weg.

Was meinen Sie mit Wandspieler?

Ich muss die Bälle halten, Fouls provozieren, Mitspieler in Szene setzen. Es war kein Zufall, dass wir in den letzten Spielen aus dem Mittelfeld so viele Tore schossen. Natürlich gibt es auch immer wieder mal solche Spiele wie gegen Deutschland, wo ich mit Flanken und Steilpässen versorgt werde und selber Tore schiessen kann. Darauf lauere ich. Wenn das nicht so gut klappt, wie in den letzten beiden Spielen, dann versuche ich meine Aufgabe für die Mannschaft zu machen. Einfach ist das nicht, als einzige Spitze hast du immer zwei Innenverteidiger gegen dich. Aber ich habe mich auch entwickelt. Vor allem in der Körpersprache: Ich lasse den Kopf nicht mehr hängen, ich verwerfe meine Hände nicht. Ich glaube, das schätzen die Kollegen.

Haben Ihnen die Teamkollegen gesagt, Sie sollten das abstellen?

Der eine oder andere schon, in aller Freundschaft. Aber irgendwann ist man selber alt genug, um zu merken, dass eine negative Ausstrahlung die Mitspieler herunterzieht. Wenn ich positiv bin, auch mal lächle, kommt das ganz einfach besser rüber - sowohl in der Mannschaft als auch im Umfeld. Da habe ich einen Schritt vorwärts gemacht.

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