Energiekrise Schweiz: «Ich brauche ein Beatmungsgerät und bin bei einem Blackout aufgeschmissen»

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Energiekrise Schweiz«Ich brauche ein Beatmungsgerät und bin bei einem Blackout aufgeschmissen»

Für Menschen mit Behinderungen, die zuhause auf elektronische Hilfsmittel angewiesen sind, könnte ein Stromunterbruch diesen Winter gefährliche Folgen haben.

von
Tim Haag
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«Ich bin auf ein Beatmungsgerät angewiesen. Bei einem Stromausfall wäre ich aufgeschmissen», sagt ein Betroffener. (Symbolbild)

«Ich bin auf ein Beatmungsgerät angewiesen. Bei einem Stromausfall wäre ich aufgeschmissen», sagt ein Betroffener. (Symbolbild)

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Für viele Menschen mit Behinderungen sind elektronisch betriebene Hilfsmittel für ein autonomes Leben unverzichtbar. (Symbolbild)

Für viele Menschen mit Behinderungen sind elektronisch betriebene Hilfsmittel für ein autonomes Leben unverzichtbar. (Symbolbild)

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Ein Strommangel würde sie empfindlich treffen. (Symbolbild)

Ein Strommangel würde sie empfindlich treffen. (Symbolbild)

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Darum gehts

Der Notfallplan des Bundes sieht bei einer Strommangellage im Winter unter anderem vierstündige Stromabschaltungen vor. Spitäler und Blaulichtorganisationen sind von diesen Massnahmen ausgenommen. Für Personen, die zuhause leben und auf elektrische medizinische Geräte angewiesen sind, gilt diese Ausnahmeregelung nicht.

Ein Betroffener, der an Schlafapnoe leidet, einer Erkrankung, bei der die Atmung während des Schlafs wiederholt kurzzeitig aussetzt, sagt gegenüber 20 Minuten: «Bei einem Stromausfall wäre ich aufgeschmissen.»

Bei den Stellen, die er um Unterstützung bat, habe man ihm lediglich gesagt, dass jeder für sich selbst verantwortlich sei. Für ihn und viele andere Betroffene würde das heissen, dass sie sich eine Powerstation zulegen müssten. Doch diese kostet bis zu 700 Franken. «Das ist eine teure Anschaffung. Ich fühle mich im Stich gelassen», sagt der Mann.

«Ein grosser Teil der Betroffenen kann sich das nicht leisten»

«Ein Problem ist, dass ein grosser Teil der Betroffenen sich solche Investitionen nicht leisten kann», sagt  Mitte-Nationalrat Christian Lohr. Zudem reiche für einige Betroffene auch eine Powerstation nicht aus. «Diese Personen brauchen ein Notstromaggregat», so Lohr.

Kostenpunkt hier: «Bei einer Anschaffung samt einer professionellen Montage muss man mit mindestens 15’000 Franken rechnen», sagt Beat Müller, Geschäftsführer des Notstromaggregat-Herstellers Bimex. Neben dem hohen Preis kommen laut Müller lange Lieferzeiten hinzu: «Aktuell decken sich viele Unternehmen mit Notstromaggregaten ein. Zwischenzeitlich waren bei uns keine Geräte mehr vorrätig.»

Interpellation eingereicht

Gemeinsam mit Maya Graf, Vizepräsidentin von Inclusion Handicap und Grünen-Ständerätin, hat Lohr am Mittwoch eine Interpellation eingereicht. Sie wollen wissen, ob der Bundesrat spezifische Massnahmen für Menschen mit Behinderungen vorsieht. Denn viele seien auf elektronische Hilfsmittel angewiesen – ein Strommangel würde sie besonders hart treffen.

«Ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden sollte heute trotz Behinderung Standard sein», sagt Lohr. Dies entspreche der UNO-Behindertenrechtskonvention, welche die Schweiz unterzeichnet hat. Bei einer Strommangellage müssten die speziellen Bedürfnisse der Betroffenen unbedingt berücksichtigt werden.

«Gegen Sparapelle ist grundsätzlich ja nichts einzuwenden, aber es darf nicht vergessen gehen, dass dies für gewisse Personengruppen auch Probleme mit sich bringt. Und es ist die Aufgabe der Politik, die gesamte Bevölkerung dafür zu sensibilisieren», sagt Lohr.

Kreis der Betroffenen ist breit

«Eine gute Vorbereitung ist entscheidend»

Wie es beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung BWL heisst, sind die Massnahmen mehrstufig, angefangen bei den freiwilligen Sparappellen, über Verbrauchseinschränkungen und –verbote, bis hin zu Kontingenten und am Schluss Netzabschaltungen. «Jede Stufe hat zum Ziel, schlimmere Folgen und schwerwiegendere Massnahmen zu vermeiden», sagt Sprecher Thomas Grünwald.

In einer Strommangellage wären Menschen mit Behinderungen vor allem beim Einsatz von Netzabschaltungen betroffen. «In diesem Fall ist eine gute Vorbereitung entscheidend. Wer zum Beispiel auf elektrisch angetriebene Geräte angewiesen ist, sollte allenfalls mit Hilfe anderer für Alternativen sorgen», so Grünwald. 

Dies gelte auch für den Aufenthaltsort, da der Strom dann nach Regionen ausfallen und innerhalb einer Region alle betreffen würde. Es sei geplant, dass analog zur Konsultation im Gasbereich im Herbst 2022 auch Details zur Kontingentierung im Strombereich konsultiert werden. Dazu sollen vorab die Erkenntnisse aus der Konsultation im Gasbereich berücksichtigt und die Dachverbände und Kantone eingebunden werden.

Hast du Angst vor einem Blackout? 

Lebst du oder lebt jemand, den du kennst, mit einer Behinderung?

Hier findest du Hilfe:

Verzeichnis der Behindertenorganisationen des Bundes

Inclusion Handicap, Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz, Information und Rechtsberatung

EnableMe, Portal und Community von und für Menschen mit Behinderungen

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