Aktualisiert 04.02.2013 22:56

Entführung in Alabama

«Ich bringe euch alle um, ich will zwei Kinder»

Mit einem perfiden Trick kam er in den Schulbus und erschoss den Fahrer. Seither hält Jim Lee Dykes einen fünfjährigen Autisten als Geisel und die USA in Atem. Wer ist der gefährliche Rentner?

von
phi
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Aus diesem Bunker hatte das FBI am 4. Februar 2013 den kleinen Ethan aus den Händen des Vietnam-Veteranen Jimmy Lee Dykes befreit.

Aus diesem Bunker hatte das FBI am 4. Februar 2013 den kleinen Ethan aus den Händen des Vietnam-Veteranen Jimmy Lee Dykes befreit.

Reuters/Handout
Über dieses Belüftungsrohr konnte die Polizei mit dem Kidnapper kommunizieren und den Jungen mit Medikamenten und Nahrungsmitteln versorgen.

Über dieses Belüftungsrohr konnte die Polizei mit dem Kidnapper kommunizieren und den Jungen mit Medikamenten und Nahrungsmitteln versorgen.

AFP/-
Nach fast einer Woche hat das Geiseldrama in Midland City, Alabama am 4. Februar 2013 ein Ende. Die Polizei konnte den Kidnapper, Jimmy Lee Dykes (l.), erschiessen und den fünfjährigen Jungen wohlauf in Sicherheit bringen.

Nach fast einer Woche hat das Geiseldrama in Midland City, Alabama am 4. Februar 2013 ein Ende. Die Polizei konnte den Kidnapper, Jimmy Lee Dykes (l.), erschiessen und den fünfjährigen Jungen wohlauf in Sicherheit bringen.

Screenshot CBS News

Ganz Amerika schaut nach Midland im Bundesstaat Alabama: Seit Jim Lee Dykes am 29. Januar den Fahrer eines Schulbusses erschossen und einen Fünfjährigen entführt hat, beten Eltern, Verwandte und Freunde um Hilfe von ganz oben, denn der 65-Jährige verschanzt sich seither in einem unterirdischen Bunker mit seinem Opfer.

Dykes hat den Angriff von langer Hand geplant. Die Kinder, die das Drama im Schulbus miterleben mussten, haben ausgesagt, dass der Mann schon einen Tag vor der Entführung Kontakt zum Fahrer Charles Poland aufgenommen hatte. Dykes hatte dem 66-Jährigen weisgemacht, er würde ihm am Folgetag Brokkoli mitbringen, den er selbst im Garten angebaut habe. Tags darauf habe er ihm dann das Gemüse und einen Zettel übergeben. Ich will zwei Kinder, soll er gefordert haben.

Dann mussten Terrica Singletary und die anderen Kinder in Bus mit ansehen, wie Dykes Poland niederstreckte. «Er meinte: ‹Ich bringe euch alle um. Ich will zwei Kinder›. Der Busfahrer hat immer wieder gesagt: ‹Bitte verlassen Sie den Bus einfach›», berichtete die 14-Jährige in der ABC-Fernsehshow «Good Morning America». Der Täter habe bloss gehöhnt: «Ja, sicher. Ich verlasse den Bus.» Als der Lenker sein Gefährt zurücksetzen sollte, habe Dykes dann ernst gemacht. «Er zog die Waffe, hat ihn einfach erschossen und sich dann Ethan geschnappt.»

Was ist das für ein Kerl, der einen harmlosen Busfahrer niederstreckt und ein Kind entführt? Dykes ist in Alabama gross geworden, weiss die Nachrichtenagentur AP: Er wuchs in der Kleinstadt Dothan auf, in dessen Nähe auch sein heutiges Grundstück liegt, auf dem er sich mit seiner Geisel verschanzt hat. Er hat einen Bruder und eine Schwester, die heute in einem Pflegeheim lebt. Kontakt hält Dykes mit ihnen jedoch nicht.

Vietnam-Veteran im Opfer-Wohnwagen

Dykes habe «einem Teil seiner Familie gesagt, sie könne zur Hölle fahren», erzählt Mel Adams, ein Politiker aus Midland. Den Grund für die Spaltung wisse er jedoch nicht. Fakt ist, dass Dykes von 1964 bis 1969 bei der US-Navy diente: Der Vietnam-Veteran wurde dort mehrfach ausgezeichnet, so AP. Nach seinem Abschied von der Marine schlug sich der Mann mit Jobs bei einer Wäscherei durch, bevor er einige Jahre in Florida als Landvermesser und Trucker arbeitete. Er soll eine erwachsene Tochter haben, zu der aber ebenfalls kein Kontakt mehr besteht.

In dem Sonnenstaat kam er auch mit dem Gesetz in Konflikt: 1995 wurde er für die unangebrachte Zurschaustellung einer Waffe belangt, fünf Jahre später hatte er Ärger wegen des Besitzes von Marihuana. Erst 2011 kehrte er nach Alabama zurück, wo er die ländliche Abgeschiedenheit suchte. Der Ex-Soldat kaufte einer Bundesbehörde einen weissen Wohnwagen ab, in dem zuvor Opfer des Hurricans Katrina einquartiert wurden. Ein Schiffscontainer auf dem Grundstück diente als Lager.

«Er ist gegen die Regierung»

Weil der Baumwollstaat jedoch häufig von Hurricans heimgesucht wird, legte sich Dykes auch ein unterirdisches Quartier an. «Er wollte einen Ort, an den er hinuntergehen und sich sicher fühlen kann», erklärt Nachbarsjunge Michael Creel gegenüber AP, der beim Anlegen des Bunkers half. Er beschreibt den Entführer als Einzelgänger. «Er hat sich sehr für die Geschicke der Nation, die Politik und die Gesetzgebung interessiert. Er wetterte über die Dinge, mit denen er nicht einverstanden war.»

Das ist aber noch freundlich ausgedrückt, wenn man nach der Meinung von James Arrington geht. Der Polizeichef des Nachbarortes Pinchard, fasste frank und frei zusammen: «Er ist gegen die Regierung. Angefangen oben bei Obama bis nach ganz unten.» Zumindest was sein Opfer angeht, hat Dykes mittlerweile Menschlichkeit bewiesen. Er liess sich von der Polizei mit Nahrungsmitteln, aber auch mit Medikamenten und Spielzeug für Ethan versorgen. Das Kind leidet angeblich an ADHS und dem Asperger-Syndrom.

So berichtete ABC am Samstag über das Drama. Quelle: YouTube/HITENGLISH

Ein BBC-Bericht vom 3. Februar. Quelle: YouTube/emre can sarhan

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